Wilhelm Hampel: Obst und Gemüsetreiberei

Beim Blick in alte Gartenbücher komme ich meistens zu dem Schluss: Siehe da, das haben die auch schon alles gewusst, wir haben nicht viel dazugelernt. Manchmal aber findet man Bücher, die völlig überholt sind. Das »Handbuch der Frucht- und Gemüsetreiberei« von W. Hampel ist so eines. Die erste Auflage kam 1885 bei Paul Parey heraus, die zweite Auflage von 1898 liegt mir vor.

Warum ist das Buch überholt? Hampel beschreibt, welche beachtlichen gärtnerischen und kaufmännischen Erfolge das europäische Ausland mit der Treiberei von Obst und Gemüse erzielt. Deutschland hinkt, so schreibt er, hinterher, es muss die Früchte importieren, was Devisen kostet. Dabei könnten viele Gärtnereien mit der Treiberei ein gutes Geschäft machen. Heute wird Obst und Gemüse bei uns unter Glas in rauen Mengen produziert aber in noch größeren Mengen importiert, zu Preisen, für die in »Deutscher Treiberei« nie produziert werden könnte. Flugzeuge und Lastwagen bringen die Produkte aus fernen Ländern quasi über Nacht bis zu den Großmärkten.

Ein Punkt allerdings spricht auch heute noch für Hampel: Fast alle Importe werden unreif geerntet und bleiben es auch auf dem Ladentisch. Unreife Früchte erlangen auch bei der Nachreife nie die Süße und Geschmacksqualität von reif geernteten Früchten.

Wilhelm Hampel war Königlicher Gartenbaudirektor und Schaffgotscher Gartendirektor im Schlesischen Koppitz, heute Kopice. Graf Schaffgotsch war einer der reichsten Bergbauindustriellen Schlesiens. Als Gartenbaudirektor für Park und Garten rund ums Schloss zuständig, muss Hampel über ein Heer von Gärtnern und Arbeitern verfügt haben.

Doch die gräfliche Familie wollte sich nicht nur an den herrschaftlichen Gartenanlagen erfreuen, sie wollte auch das ganze Jahr hindurch mit frischem, reifem Obst versorgt werden. Das konnte offenbar kosten was es wolle. Hampel experimentierte, baute unter Glas mit Erfolg an, ließ Spezialtreibhäuser nach seinen Ideen erstellen und schrieb über seine Techniken. Das Buch kam offenbar gut an, traf den Zeitgeist. Es waren ja Kaisers Zeiten. Der Adel und das aufgestiegene Bürgertum besaßen Schlösser und Villen mit Parks und Gärten und legten Wert auf Obst und Gemüse zu allen Jahreszeiten. Wilhelm Hampel griff den Hofgärtnern mit seinem Buch hilfreich unter die Arme, wollte aber auch den Handelsgärtnern damit auf die Sprünge helfen. Es gab Interesse an einer zweiten Auflage, für die schrieb er zu Neujahr 1898 ein Vorwort. Im selben Jahr starb er mit 64 Jahren.

Wilhelm Hampel wagte sich an die schwierigsten Kulturen, so schreckte er nicht einmal vor Ananas zurück, deren Unterglasanbau er wie den vieler anderer Obstarten detailliert beschrieb. Heizungskosten spielten keine Rolle, auch die Arbeitsstunden sind für Hampel kein entscheidendes Kriterium. Getrieben, also zu vorzeitiger Blüte und Fruchtbildung angeregt, werden Erdbeeren wie Wein, Pfirsiche und Aprikosen, Pflaumen und Kirschen, ja sogar Himbeeren, Stachelbeeren und Johannisbeeren. Ein Kinderspiel im Vergleich zu den aufgeführten Kulturen sind für ihn die Feigen. Sie benötigen nur viel Licht und viel Wasser, um schöne große Früchte zu bilden. Immer wieder mal ein Jaucheguss steigert den Ertrag. Ein besonderer Vorteil der Feigen: Sie müssen nicht bestäubt werden. Und gerade das ist bei der frühen Treiberei von Obstarten ein Problem. Sind die Insekten noch nicht erwacht oder ist es zu kalt, um ausreichend zu lüften, dann müssen die Gärtner bestäuben, mit einer Feder, auch bei Erdbeeren, Blüte für Blüte!

Die beschriebene Treiberei ist aus heutiger Sicht nicht nur wegen der Bestäubung unglaublich aufwändig. So müssen die Obstgehölze mehrere Jahre vorkultiviert werden, die Temperaturen – Hampel gibt sie noch in Réaumur an – müssen präzise gesteuert werden, die Gehölze sind mit erwärmtem Regenwasser zu spritzen und zu gießen (wärmer als die Raumtemperatur!), einem Schädlingsbefall wird durch penible Sauberkeit vorgebeugt, die Gehölze werden regelmäßig gewaschen.

Liest man dieses Buch, dann wird einem klar, welche enormen Veränderungen sich im Gartenbau in den letzten 140 Jahren vollzogen haben. Man muss diesen Wandel im Zusammenhang mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung sehen. Die Kosten für Arbeit stiegen immens, der Transport, zu Hampels Zeiten Schiffe, Pferdefuhrwerke und Eisenbahn, wurde durch LKW- und Flugtransport beschleunigt, Gewächshaus und Heizungstechnik weiterentwickelt und perfektioniert. Die Frühbeete und Mistbeete für die Gemüsekulturen, von Hampel noch mit erheblichen Verbesserungsvorschlägen propagiert, sind bis auf einen Rest in Privatgärten ausgestorben.

Und trotzdem: Ich lese mit einigem Vergnügen in diesem Buch. Es ist eine bestechende, etwas altmodische Sprache, manchmal fast poetisch. Hampel gibt Erkenntnisse preis, die Kalthausbesitzern mit Obstambitionen durchaus hilfreich sein können, z. B. wie man vernünftig mit Feigen und mit Wein unter Glas umgeht. Wie man Pfirsiche im Topf ziehen kann und damit gute Erträge erzielt. Und – ich besitze Frühbeetkästen – was sich da alles anbauen lässt. Übrigens sind die Tomaten für Hampel nicht mehr ganz Neuland, aber seine Anbautechniken sind noch sehr suchend. Paprika und Auberginen hat er 1898 noch gar nicht versucht oder nicht gekannt.

Wer Freude an alten Büchern hat, kann dieses Vergnügen mit unserem Autor Christian Seiffert teilen, denn das beschriebene Werk ist antiquarisch in verschiedenen Ausgaben zu erwerben:
Googeln Sie mal: Hampel's Handbuch der Frucht- und Gemüsetreiberei., Vollständige Anleitung, von Ananas, Erdbeeren, Wein, Pfirsiche, Aprikosen usw., sowie viele besseren Gemüse zu jeder Jahreszeit mit gutem Erfolg zu treiben. Aus der Praxis für die Praxis.



Christian Seiffert
aus Jamlitz und Eresing Seit 2001 experimentiert Christian Seiffert parallel in zwei geographisch weit auseinanderliegenden Gärten: in Oberbayern und in der Niederlausitz, im Land Brandenburg.
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Text und Fotos: Christian Seiffert