Vermehrung bis zum Überdruss

Ehrfurcht und Rücksichtnahme führt zu Enge und Begrenzung der Vielfalt. Zu diesem Schluss kam ich unlängst bei einer Inspektion unseres bayerischen Gartens. Immergrün nimmt überhand, das Immergrün von Helleborus x orientalis und von Helleborus foetidus. Vor Jahrzehnten bekam ich einige Pflanzen von einem Freund geschenkt und freute mich über ihre bemerkenswerte Neigung, sich durch Samen zu vermehren. Wenn ich heute für Platz sorge, »Lenzrosen« bzw. Stinkende Nieswurze einfach ausreiße und auf den Kompost werfe, so ist das längst ein Befreiungsschlag, aber verbunden mit schlechtem Gewissen. Ja, auch dem Freund gegenüber, der schon lange nicht mehr lebt.

Von ihm hatte ich auch einige Samen von Corydalis cava, dem Lerchensporn erhalten. Jeder, der sich auf so etwas einlässt, weiß, dass nach ein paar Jahren große Flächen damit bedeckt sein können. Nur der Unterschied: Der Lerchensporn zieht spätestens im Frühsommer ein und an seiner Stelle nehmen Thalictrum aquilegiifolium, die Wiesenraute, Cimicifuga racemosa, die Juli-Silberkerze, Campanula trachelium, die Nesselblättrige Glockenblume und vieles andere den Platz ein. Wo dagegen Lenzrosen stehen, erleben wir die schöne Blüte von März bis Mai, dann aber eine permanent dunkelgrüne Fläche. Freilich hat es seinen Reiz, die Augen auf dem satten Grün auszuruhen, wenn es sich nur nicht zu arg ausdehnte. Und: es gelingt anderen Stauden kaum, zwischen den tausend Sämlingen Platz zu finden. Also muss gerodet werden – trotz Respekt gegenüber Freunden und Ehrfurcht vor Stauden oder Gehölzen, die auf eine Geschichte zurückblicken. Aber sie können die Entwicklung eines Gartens wirklich ausbremsen. Dutzende wunderschöne Stauden bleiben ungepflanzt, weil für sie der Platz fehlt. Außerdem drängt sich die Frage auf, ob es den Neuen im Garten so gut gefällt wie den Alteingesessenen.

Ein warnendes Beispiel liefert die Gallica-Rose 'Versicolor'. Seit 20 Jahren steht dieses edle Wesen bei uns im Garten und nimmt an Länge und Breite beängstigend zu. Man müsste sie mit einem Betonring umgeben, um sie zu bremsen. Dabei sollte man vor Ehrfurcht den Hut abnehmen. Diese Sorte soll schon 500 Jahre alt sein. Ihre weiß und rot marmorierten Blüten und die Geschichte dieser Rose verlocken natürlich sehr. Aber selbst, wenn man ein auf Unterlage okuliertes Exemplar erhielte, das Edelreis würde in Kürze dieses Hindernis überwinden und sich mit Nachdruck auf den Weg machen.

Zwei weitere Stauden, mit sehr unterschiedlichem Verhalten, seien hier noch aufgeführt. Eines Tages bekam ich die in den Lech-Auen bei Augsburg wild wachsende Taglilie Hemerocallis lilioasphodelus geschenkt. Wie diese Taglilie wohl nach Augsburg gekommen ist? Ein Prunkstück unter den Taglilien, das an sonnigen Standorten früh blüht, zusammen mit Iris sibirica. Im Halbschatten verzögert sich die Blüte um ca. 3 Wochen. Es vermehrt sich über sein Wurzelwerk, aber auch durch Samen, die reichlich anfallen. Zwei ältere Damen besuchten uns eines Tages und erzählten, dass sie einst in Potsdam zuhause waren. Von dort hätten sie eine Taglilie mitgebracht, die sie mir schenken wollten. Nun, das Geschenk entpuppte sich als die Hemerocallis-Hybride 'Maikönigin'. Die hat nun kaum eine Neigung, sich zu vermehren. Wenn man an ihrer sehr frühen dunkelgelben Blüte Gefallen hat, dann muss man zum Spaten greifen und die Staude teilen. Potsdam und Staude, da fällt einem natürlich Karl Foerster ein. Von ihm stammt die 'Maikönigin' aber nicht, sondern von einem niederländischen Züchter, der sie schon 1907 aus der Taufe hob. KF hat die Maikönigin aber sicher in seinen Katalogen angeboten.

Zu guter Letzt steht bei uns eine gefüllt blühende rosa Paeonia lactiflora-Hybride, die ebenfalls nur durch Teilung zu vermehren wäre. Sie hatte ein preußischer Beamter, der als Pensionär in Bayern lebte und über 100 Jahre alt wurde, einst von der Insel Rügen mitgebracht. Wir wurden von Herrn Hübner mit einem Teilstück seiner Pfingstrose versorgt. Bei uns steht sie nun seit 20 Jahren und heißt die »Hübner-Pfingstrose«.

Man könnte über geschenkte Stauden und Gehölze noch viel schreiben, Kurioses, Komisches, Böses aber auch sehr Liebevolles. Aber lassen wir es dabei bewenden.


Christian Seiffert
aus Jamlitz und Eresing Seit 2001 experimentiert Christian Seiffert parallel in zwei geographisch weit auseinanderliegenden Gärten: in Oberbayern und in der Niederlausitz, im Land Brandenburg.
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Text und Fotos: Christian Seiffert