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Veränderungen

Es ist schon lange her, gut 30 Jahre, als der Garten in Eresing in seiner heutigen Gestaltung angelegt wurde. Das Gelände rund um den Neubau war eine verdichtete Wüstenei, die nur einen Vorteil besaß, der Untergrund bestand aus grobem Kies. Wasser konnte abfließen. Ein Vorteil, dessen negative Seite erst später zur Auswirkung kam, in Trockenzeiten. Ich machte also einen Plan auf dem Papier und stelle heute fest, dass im Prinzip alles so ausgeführt wurde (von meiner Frau, den Kindern und mir) und heute noch so dasteht.

30 Jahre sind eine lange Zeit für einen Garten. Zu spüren bekommt man es besonders durch die Gehölze. Eine Eibe, die ich als Samenkorn aus England mitbrachte, ist heute 6 m hoch, Kiefern, damals gepflanzt als Erinnerung an die brandenburger Heimat, messen sicher 12 m. Zwei Holunder, eigentlich sehr kurzlebige Gehölze, leben noch immer, dank ziemlich rigorosem Rückschnitt alle 3 Jahre. Eine Haselnuss ist inzwischen ein beachtlicher Haselbaum mit 5 großen Stämmen geworden.

Der eigentliche Anlass für diesen Beitrag ist der quälende Gedanke, ob es nicht an der Zeit ist, ein paar Änderungen vorzunehmen. Quälend, weil nicht nur Gehölze, sondern auch viele Stauden seit Jahrzehnten ihren Platz haben und ihn möglichst auch behalten sollten. Ich denke an eine Paeonia tenuifolia, an eine alte dunkelrote gefüllte Bauernpäonie, eine “Edelpäonie” die 1945 von Flüchtlingen aus Pommern nach Bayern mitgenommen worden war, einen Phlox paniculata ‘Landhochzeit’, der seit 1985 den Platz nicht gewechselt hat. Das trifft auch für Aruncus dioicus zu. Dieser Waldgeißbart teilt sich den schattigen Platz mit Leucojum vernum, der Frühlingsknotenblume. Viele dieser und anderer Stauden erinnern an die Menschen, die sie uns geschenkt haben, und viele sind mit Geschichten verbunden. Solche Pflanzen sind Haus- und Gartengenossen, leben mit uns, wie anderswo Hund und Katze, nur haben die Stauden eine längere Lebenserwartung.

Unproblematisch sind Veränderungen bei “schnellen” Stauden. Jenen z.B., die sich selbst durch Samen verbreiten oder jene, die alle paar Jahre geteilt werden müssen, um ihre Vitalität aufrecht zu erhalten. Raublattastern oder auch Eisenhüte sagen uns von sich aus, wenn sie verjüngt werden wollen. Die Cyclamen hederifolium dagegen sind heilig und ortsfest, haben nach vielen Jahren Blatthorste von 35 cm Durchmesser. Nur Sämlingskinder dürfen verpflanzt werden.

Eine ganze Pflanzengesellschaft auszuheben und neu zu pflanzen kostet große Überwindung und bricht einem das Herz. Neben dem Teich zieht sich ein Stück Wiese hin. Die größte Attraktion sind dort im Frühsommer die gelben Taglilien, Hemerocallis lilioasphodelus, zusammen mit blauen Iris sibirica. Manch andere Schätze sind dort verborgen, kommen aber kaum zur Wirkung. Einst blühten dort im Hochsommer Prachtnelken, Dianthus superbus gemeinsam mit Frauenmantel: eine unwahrscheinlich schöne Duftkomposition. Der Frauenmantel überwuchert inzwischen so manche zarte Pflanze, übrigens gemeinsam mit Quecken und Sumpfseggen, so dass nun doch mal eingegriffen werden müsste. Aber kann man alte Bilder wieder herstellen, wenn sich sonst so viel verändert hat?

Abschließend noch ein kleines Gedicht von Rainer Buck,
weil es gar so gut in die Jahreszeit passt:

Sind´s die ersten, die es wagen
Aus der Erde an das Licht?
Tragen einen grünen Kragen
Mancher sieht sie – andre nicht…
Blühen gelb der Sonn´ entgegen
Scheuen weder Schnee noch Regen
Machen Lust aufs neue Jahr
Winterlinge – wunderbar !


Text und Fotos: Christian Seiffert