Wenn sich der Himmel auftut

Die Echte Schlüsselblume (Primula veris) gehört zur Pflanzengattung der Primeln und hört auf eine große Zahl volkstümlicher Namen. Einige davon wie Apothekerblume, Kraft-, Gicht- oder Frauenblume beziehen sich auf den einst fest verankerten Volksglauben, dass sie eine wirkmächtige Heilpflanze sei. Die Volksnamen Fastenbleaml (Blume der Fastenzeit) und Märzenblümli deuten auf die Blütezeit im zeitigen Frühjahr und den erneuten Beginn der Vegetationszeit hin. Der botanische Name Primula veris (von lateinisch »primus« = der Erste und »ver« = Frühling) bezieht sich ebenfalls auf die frühe Blütezeit.

In früheren Zeiten galten Blumen, die im Frühjahr blühten, als besonders wirkmächtig. Bei den Kelten hatte die Schlüsselblume bei Frühlingsfesten eine kultische Funktion. Unter anderem bereitete man aus ihr zu diesem Anlass ein berauschendes Getränk. Die Pflanze selbst war der Göttin Freya geweiht, und wer das Reich dieser Gottheit betreten wollte, konnte es nur mit Hilfe der schlüsselförmigen Blüte aufschließen.

Als sich das Christentum in unseren Breiten durchsetzte, wurde die Blume als Symbolpflanze dem Apostel Petrus zugeordnet. Für den Apostel war diese Pflanze besonders passend, denn ihm sprach Jesus im Matthäusevangelium (Mt 16,19) die sakramentale Kraft des Bindens und Lösens zu: »Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein«.

 

Die Bezeichnung »Himmelsschlüssel« oder »Schlüsselblume« ist für die Pflanze schon seit dem 15. Jahrhundert nachgewiesen. Eine Vielzahl an Sagen rankt sich um diese Staude. Bei den alten Germanen stand sie angeblich unter dem besonderen Schutz von Elfen und Nixen. Außerdem glaubte man an die Existenz einer »Schlüsseljungfrau«, in deren Krone sich ein goldener Schlüssel befand, mit dem sich verborgene Schätze finden ließen. Einer Legende zufolge wollte ein Jüngling die Pforte des Himmelsreiches mit einem solchen magischen, goldenen Schlüssel öffnen. Bei dem Versuch, das Himmelstor aufzuschließen, stürzte er auf die Erde hinab, und als er wieder zu sich kam, hatte sich der Schlüssel in eine Schlüsselblume verwandelt. Damit aber dieser besondere Schlüssel nicht zu leicht zu finden ist – dies gelingt übrigens nur Menschen, die an einem Sonntag geboren sind -, steht der »Himmelsschlüssel« nie allein, sondern stets von vielen Artgenossen umgeben an seinem Standort.

Eine weitere Sage berichtet von einem Kuhhirten, der eine Schlüsselblume pflückte und sich diese an seinen Hut steckte. Doch allmählich wurde seine Kappe immer schwerer, und als er diese vom Kopf zog, fand sich dort anstelle der Blume ein silberner Schlüssel. Zugleich trat eine Jungfrau auf ihn zu, die ihm erlaubte, damit eine bislang unsichtbare Türe im Berg zu öffnen. Der Hirte solle sich von den Schätzen im Bergesinneren mitnehmen, was er wolle, aber auf keinen Fall »das Beste vergessen«. Sogleich stopfte sich der Kuhhirte seine Taschen mit Gold, Silber und Edelsteinen voll, doch er vergaß angesichts all der Schätze in der Höhle die Blume, die ihm die Tür aus diesem Reich der Schätze wieder aufschließen sollte. Und so hat niemand jemals mehr eine Spur des Kuhhirten gesehen!

Besonders zauberkräftig sollen übrigens Schlüsselblumen sein, die außerhalb ihrer üblichen Blütezeit zum Beispiel an Weihnachten oder rund um das Walpurgisfest blühen. Mit Hilfe solcher »aus der Reihe tanzenden« Blüten stellt sich dem Volksglauben gemäß der Kontakt zu verstorbenen Menschen her – oder zumindest doch lassen sich ungebetene Besucher vom eigenen Hause fernhalten. Und so ist es in manchen Regionen heute noch üblich, in den Vorgärten Schlüsselblumen zu pflanzen, an denen nur gute und erwünschte Menschen vorbeigelangen können. Wer also die Kosten eines hohen Zauns oder einer Alarmanlage scheut, kann es ja einmal mit Himmelsschlüsseln im Vorgarten versuchen. Doch dieser Vorschlag ist natürlich in jedem Fall ohne Gewähr!

 




»Schlüsselblume« von Fritz Boegner (1921)

Ein golden' Schlüsselein
Fand ich auf meinem Lauf;
Schließ auf das Herz, schließ auf
Und lass die Freude ein!

Fritz Boegner (1921)




Antje Peters-Reimann
Antje Peters-Reimann ist Gartenhistorikerin und Journalistin in Essen. Sie hat sich der Geschichte der Gartenkunst verschrieben und berichtet berichtet über bekannte und unbekannte Gärten und ihre Schöpfer und erzählt spannende „grüne Geschichten“!...
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Text: Antje Peters-Reimann
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer, Banner-Foto: Gerlinde Sachs