Florilegien – gemalte Statussymbole vergangener Zeiten

Wir kennen alle den Werbeslogan »Mein Haus, mein Auto, mein Boot«, durch den der Sprecher seinen Wohlstand mit Worten zur Schau stellen möchte. Übertragen In längst vergangene Zeiten müsste es stattdessen heißen: »Mein Schloss, mein Garten, meine Blumen«, wie es in einem Blog des Frankfurter Städel Museums so treffend zu lesen ist. Wer im 16. Jahrhundert gut betucht war, wie zum Beispiel Herzöge, Grafen oder Bischöfe, besaß nicht nur einen standesgemäßen Wohnsitz, sondern auch einen prachtvollen Ziergarten, in dem nicht nur einheimische Pflanzen, sondern auch fremdländische Gewächse blühten. Reisende hatten diese exotischen Blumen von ihren Expeditionen in ferne Lande und andere Kontinente mitgebracht. Dementsprechend selten und wertvoll waren beispielsweise Sonnenblumen, Dahlien oder die Tulpen, die allesamt aus anderen Regionen der Erde stammten. Wer es sich leisten konnte, solche Exoten im eigenen Garten zu pflanzen, der wollte seinen Reichtum auch zeigen. Und so ließen die adeligen oder kirchlichen Machthaber die seltenen Pflanzenschönheiten aus ihren Gärten von speziellen Pflanzenmalern in sogenannten »Florilegien« zeichnerisch festhalten. Solche Blumenbücher waren Statussymbole der damaligen Zeit, mit denen sich ihre Besitzer gegenseitig zu übertreffen versuchten.

Eines der bekanntesten Werke – der Begriff »Florilegium" bedeutet so viel wie »Blütenlese« – besaß Fürstbischof Johann Konrad von Gemmingen (1561–1612). Im Garten seiner Residenz im bayerischen Eichstätt wuchsen seinerzeit mehr als tausend unterschiedliche Blumen- und Pflanzenarten, darunter Märzenbecher, Lilien und Anemonen, aber auch Narzissen, Krokusse und Christrosen sowie insbesondere die damals hierzulande noch sehr seltenen Tulpen, die aus dem Orient stammten. Diesen Pflanzenschatz ließ der Fürstbischof im »Hortus Eystettensis« in großformatigen Zeichnungen festhalten. 349 deutsche, 209 süd- und südosteuropäische, 63 asiatische, neun afrikanische und 23 amerikanische Pflanzenarten sind in dem Werk auf etwa 400 Pflanzentafeln entsprechend ihrer Blütezeit geordnet. Mit seinen in Kupfer gestochenen Pflanzenzeichnungen gilt das Buch als eines der botanischen Hauptwerke des Barocks und wurde zum Vorbild für viele ähnliche Florilegien. Doch es war so teuer, dass ein »normaler Sterblicher« es sich niemals hätte leisten können!

Etwa ein halbes Jahrhundert später beauftragte auch Johannes Graf von Nassau-Idstein (1603–1677) einen Maler, für ihn ein Florilegium zu malen. Der hessische Graf war naturwissenschaftlich sehr interessiert und besaß in Idstein neben einer erlesenen Kunst- und Naturaliensammlung auch einen repräsentativen Ziergarten mit seltenen Pflanzenschätzen. In einem Zeitraum von über fünfzehn Jahren wurden die botanischen Schätze des hessischen Landesherrn von dem Blumenmaler Johann Walter dem Älteren aus Straßburg in Deckfarben gemalt. Wenn dann im winterlichen Garten des Grafen Johannes nichts blühte, konnte er Gästen seine Pflanzenschätze dennoch in Buchform präsentieren und so die Pracht des Gartens jederzeit lebendig werden lassen. Denn diese mehr als 190 Zeichnungen auf teurem Pergament sind regelrechte »Pflanzengemälde«, auf denen die Textur der Blätter, Blüten und Stängel so naturgetreu dargestellt ist, dass man förmlich glaubt, die Pflanzen berühren zu können!

Antje Peters-Reimann
Antje Peters-Reimann ist Gartenhistorikerin und Journalistin in Essen. Sie hat sich der Geschichte der Gartenkunst verschrieben und berichtet berichtet über bekannte und unbekannte Gärten und ihre Schöpfer und erzählt spannende „grüne Geschichten“!...
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Text: Antje Peters-Reimann

Foto 1: Quelle: Wikimedia Commons: Johann Jakob Walther (1604-1676), A flower study from volume 1 of the Nassau Florilegium at the Victoria and Albert Museum
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Johann_Jakob_Walther20.jpg

Foto 2: Quelle Wikimedia Commons: Basilius Besler (1561–1629), Illustration from Basil Besler's Hortus Eystettensis from year 1613 Hand colored print
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Basil-Besler-Hortus-Eystettensis-1613-5.png

Foto 3: Quelle Wikimedia Commons: Basilius Besler (1561–1629), Hortus Eystettensis vol1 Page 260
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hortus_Eystettensis_vol1_page_260.jpg