Moctezuma, Goethe und der »Wasserschlund«

Die ersten bildlichen Darstellungen der Dahlie kennt man aus einem Kräuterbuch der Azteken aus dem Jahre 1552, dem »Codex Badianus«. In ihrer Heimat Mexiko wurde die Dahlie »Cocoxochitl« genannt, was übersetzt so viel wie »Wasserschlund« oder »Wasserknollenblüte« bedeutet. Sie soll die Lieblingsblume des Aztekenkönigs Moctezuma II. (um 1465 – 1520) gewesen sein und galt als Symbol der Sonne. Die Azteken nutzten die Knollen der Dahlie als Nahrungsquelle, ihr Saft wurde für medizinische Zwecke verwendet. Und als die spanischen Konquistadoren unter Hernán Cortes auf ihren Eroberungszügen nach Südamerika gelangten, sahen sie in den prächtigen Gärten der Azteken mit Sicherheit auch blühende Dahlien.

 

Auf einer Forschungsreise mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland von 1799 bis 1804 nach Mittel- und Südamerika stieß schließlich der Naturforscher Alexander von Humboldt in Mexiko auf einige orangerot blühende Wildpflanzen, Dahlien, denen er Samen entnahm und diese zu Forschungs- und Vermehrungszwecken an den botanischen Garten in Berlin sandte. Der eigentliche »Entdecker« der Dahlien war jedoch streng genommen nicht von Humboldt, sondern Vincente Cervantes, der Direktor des Botanischen Gartens in Mexiko. Bereits einige Jahre vor Humboldt schickte er im Jahre 1789 die Samen zweier Dahlienarten an seinen Kollegen nach Madrid. Weitere Dahlienknollen, die man seinerzeit nach Paris sandte, wurden verspeist, weil man sie für essbar hielt. Weil ihr Geschmack aber nicht überzeugte, wurden die Knollen als unbrauchbar entsorgt!

Erfolgreicher als die Dahliensamen von Cervantes erwiesen sich jedoch jene, die Humboldt von seiner Reise mitgebracht hatte. Sehr bald entstand durch intensive züchterische Arbeit eine ganze Farbpalette an Dahliensorten. Bereits zwei Jahre später (!) waren im Botanischen Garten Berlin 55 einfache und halbgefüllte Sorten zu bestaunen, und schon 1808 konnten Züchter in Karlsruhe stolz die erste vollgefüllte Dahlie präsentieren. Aufgrund der Vielfalt und Schönheit der Dahlien setzte hierzulande mit Beginn des 19. Jahrhunderts ein wahrer Züchterboom ein. Da die Dahlie im Gegensatz zur Tulpe recht erschwinglich war, zierte sie bald die Gärten im ganzen Land, vor allem auch viele Bauerngärten – und das tut sie bis heute.

Im Jahr 1890 verzeichneten deutsche Gärtner bereits über 1.000 verschiedene Dahliensorten in ihren Sortimenten. Heutzutage gibt es zwischen 20.000 und 30.000 Dahliensorten in den unterschiedlichsten Farben und Formen – nur das Blau des Himmels bleibt ihnen verwehrt, denn in ihren Genen ist der zur Ausbildung blauer Blüten notwendige Farbstoff leider nicht enthalten.

Ihren botanischen Namen »Dahlia« verdankt die prächtige Mexikanerin dem schwedischen Botaniker Anders Dahl (1751 – 1789), dem zu Ehren man sie benannte. In Norddeutschland, Skandinavien und in Osteuropa kennt man die Dahlie auch als »Georgine«. Mit dem Namen »Georgina variabilis« wollte der Berliner Botaniker Professor Karl Ludwig Willdenow an den deutschen Botaniker und Reisenden Johann Gottlieb Georgi (1729 – 1802) erinnern. Doch der offizielle botanische Name ist bis heute »Dahlia«.

Auch Johann Wolfgang von Goethe war ein großer Freund der Dahlien, die er allerdings als »Georginen« kannte. Schon 1814 soll er die ersten dieser Pflanzen aus der Neuen Welt in seinem Garten besessen haben. Der Tonndorfer Gärtner August Friedrich Dreyssig, einer der ersten deutschen Dahlienzüchter, ließ es sich nicht nehmen, eine seiner neuen Dahlienzüchtungen nach dem großen Dichter auf den Namen »Goethe« zu taufen. Als Goethe selbst einmal in Dreyssigs Gärtnerei zu Gast war, kaufte er dort ein Paket mit Dahlienknollen und ließ sie mit folgenden Worten an seine Frau ins heimische Weimar senden: »Die übersendeten Georginen wünsche ich dereinst blühen zu sehn. Man versicherte mir, es seien schöne Sorten«.

Antje Peters-Reimann
Antje Peters-Reimann ist Gartenhistorikerin und Journalistin in Essen. Sie hat sich der Geschichte der Gartenkunst verschrieben und berichtet berichtet über bekannte und unbekannte Gärten und ihre Schöpfer und erzählt spannende „grüne Geschichten“!...
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Text: Antje Peters-Reimann
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer