Kalt erwischt!

Ein großflächiges Staudenbeet in sonnenexponierter Lage, schön eingewachsen und annähernd eingriffslos durch den Sommer gekommen, wollte an einem sonnigen Novembernachmittag von mir behutsam entwirrt und versäubert werden. Viele Tage dieser Art kann man jetzt sicher nicht mehr erwarten und die Aussicht, bei warmem Rücken mit aufgekrempelten Ärmeln noch zwei Stunden zu werkeln ist verlockend.

In den letzten Tagen kam mir dieses Beet etwas verworren, unstrukturiert und konturlos vor – obwohl ich eigentlich verlässliche Winterbild-Darsteller angesiedelt hatte, die allesamt als standfest beschrieben werden. Auch überdüngt war die Fläche nicht, und trockenes Herbstwetter mit viel Sonne hatte eigentlich auch die Ausreifung der Stängel begünstigt. Was stimmte hier nicht?

Beim ersten Zugriff auf die Stängel der Weidenblättrigen Sonnenblume der Schock! Komplett abgefressen! Daneben ein kapitales Chinaschilf – mit einer Hand federleicht vom Boden zu lupfen! Darunter ein kochtopfgroßer Dom im Erdreich mit geräumigem Zu- und Ausgang, dort muss sich die Wühlmausbande zu Tisch begeben haben! Neben einer Taglilie sackt jetzt mein Schuh ins Erdreich, auch sie ist halbseitig vertilgt.

Mit der Grabegabel systematisiere ich jetzt die Schadenserhebung: Die gesamte Staudenfläche ist großräumig mit einem dichtmaschigen Wegenetz erschlossen, unter krautigem, dichtem Geranium finde ich Erdreichhalden gewaltigen Ausmaßes! Die Biester verstecken also auch noch geschickt den Abraum ihrer Wühltätigkeit! Oder bauen sie hier ihr Jagdschloss—am Rande ihrer Fressmeile?

Das Rote in den Augen ist ein guter Motivator für Totalsanierungen. Diese Fläche wird jetzt nach alter Väter Sitte großflächig abgeräumt! Wie die Altvorderen immer sagten: Zu Allerheiligen muss der Garten schwarz sein! Ich werde den Beutegreifern zu Lande und in der Luft freien Zugriff verschaffen! Werde den Wühlmäusen die Infrastruktur zerstören, ihre Schatzkammern ausheben, mit den Überresten neue Flächen begrünen! Ich werde zwei Sitzhölzer für Greifvögel aufstellen, im Winter Steinkauz-Röhren bauen, Steinhaufen für Wiesel anlegen, werde gut zu Katzen sein und alles tun, ihre Fressfeinde zu fördern!

Nur eines werde ich nicht (mehr) tun: Sie selbst jagen, denn das kostet Energie und Zeit, die man besser in die Rettung der Überbleibsel und die Neuanlage der Beete investiert. Mein Nachbar Heinrich, bäuerliches Urgestein und mit der Scholle vertraut wie kein anderer, hat es mal so formuliert: »Wenn du eine erwischt, dann kommen zehn zur Beerdigung!«

Schon bei der ersten Bestandsaufnahme empfand ich eine grimmige Freude daran, wie schön wütend ich werden kann. Etwas später, beim Abräumen des Aufwuchses, bemerkte ich, dass sich interessante Neugestaltungsmöglichkeiten eröffnen – und im weiteren Verlauf des Nachmittags wurde das Wühlmaus-Debakel dann sogar zu einem wunderbaren Neugestaltungsexzess.

Da dampfte es aus der Fleecejacke! Abends verstaute ich das Gartenwerkzeug im Scheinwerferlicht im Kofferraum, schön kaputt, richtig Schmacht... und glücklich! Ich war noch nicht ganz fertig geworden!!!



Text: Hubertus Albersmeier
Fotos: Ute Eckartz