Tagesgeschäfte

»Geh aus mein Herz und suche Freud«, ein gutes Tagesmotto, ein schöner Zugang zu meiner Gartenwelt im August! Das Wetter moderat, durchwachsen mild-warm, zurückhaltend regenbetont. Das Tagesprogramm, den angemeldeten und geplanten Publikumsverkehr betreffend, neugierig und erwartungsvoll machend! Viel freie Zeit zum lustvollen Gärtnern, Freestyle- Formschnitt am Vormittag, meditative Jäte-Absencen in den Nachmittagsstunden, interessante Garten-Begegnungen! Ferienlaune!

Eine Gruppe, fünf Kinder/Jugendliche mit sozialpädagogischer Eskorte haben sich für einen Besuch angemeldet: drei Stunden Ausflugsprogramm in der Ferienfreizeit. Angeleiteter Rundgang ist angedacht, freies Erkunden des Gartens, Beobachtungsaufträge, kleiner Praxisteil Pflanzenvermehrung, Topfen von Ablegern, Binden eines Blumensträußchens zu etwaigen Anlässen. - So der Plan.

Resonanzlos versickert mein »Guten-Morgen!« in der Phalanx (Phalanx: fem. Genitiv Singular, antike Schlachtaufstellung, oder auch: ehemalige deutsche Trash Metall Band), der kleinen Racker, die sich aus dem Bully bemühen. Sie verlassen sogar den haltgebenden Plattenbeton des Parkplatzes und folgen mir wortkarg über den sicheren Asphalt der Gartenzuwegung. Beim Begrüßungsgedicht ‚Im Garten von Herrn Ming' von James Krüss kann ich ungestört ans Ende kommen! Es geht halt nichts über eine verfestigt-eingeübte passive Rezipientenhaltung. Jetzt über den hackschnitzelbelegten Mittelweg ab in den Garten. Erste kritische Prüfung, ob dieser Weg das filigrane Schuhwerk nicht schädigt oder verschmutzt, wirsch abwehrende Bewegungen bei unbeabsichtigten Berührungsreizen überhängender Pflanzen. Ein vorwitziger Altweibersommerspinnwebfaden, der sich nach 10 Metern über den Weg spannt, wird von einer Gesichtshaut erspürt und führt zu einer heftigen Abwehrattacke - und vorsichtshalber zum Aufsuchen der deeskalierend auf das Kind (oder sollte ich schon Jugendlicher sagen) einwirkenden sozialpädagogischen Fachkraft.
Einige Ginkgoblätter rupfe ich von einem überhängenden Ast, erkläre, dass diese »Blätter« eigentlich Nadeln sind, möchte sie verteilen, damit jeder eine intensivere Materialerfahrung machen kann, stelle aber fest, dass mit dem Neugierdeverhalten und/oder mit dem Greifreflex nichts mehr so ist, wie es mal war. Der Jüngste, Kleinste und Wachste greift aber gern zu, nennt mir sogar den Namen der Pflanze und weiß, dass man daraus Medizin machen kann. Auch probiert er mit mir das Blatt und kann beschreiben, wie es schmeckt! Dieses Kind ist dann auch den ganzen Rundgang lang der Entdecker schlechthin. Pomeranze, Bambuswald, Dinobaum... nichts entgeht ihm und lauter kluge Fragen! Insekten sind ein weiteres Problem für die Kinder. Unangemessenes und überzogenes Abwehrverhalten, wie wildes um sich schlagen, stellen dann auch tatsächlich ein Gefährdungspotential dar. Bloß nicht darauf aufmerksam machen.

Die Aufforderung, Gerüche von Rosen, Lilien, Minze wahrzunehmen, nehme ich zurück, als das besorgte Betreuungspersonal anmerkt, dass man nichts Genaues über bestehende Allergien wisse! Nach dem Rundgang ermuntere ich die Gruppe, die verschlungenen Seitenwege auf eigene Faust zu erkunden, mal nachzusehen, wie es im Rhododendronwald, im Bambushain und im Baumhaus aussieht. Einhellig beteuern die genervt wirkenden Teens, dass sie daran wenig Interesse haben, nicht einmal ein Pool sei hier in diesem Garten zu erwarten!

Dann also ein Mitbringsel für die Eltern: Ableger von Sedum, Blauschwingel, Steinbrech oder einen kleinen Blumenstrauß; Töpfe und Pflanzerde, alles gut vorbereitet, das Eintopfen der Pflanze einmal vorgemacht und dann: »Wer möchte anfangen?« Wo ist mein kleiner Alexander von Humboldt, mein Entdecker, meine sichere Bank, na, wohl noch auf weiterer Forschungsreise. Südamerika? Himalaya? Schließlich tritt doch wenigstens einer an. Ich wiederhole die Handgriffe nochmal, Topf halb mit Substrat füllen, Ableger einsetzen, mit der anderen Hand Substrat einfüllen, etwas andrücken, fertig. So, jetzt du! - Topf, Erde, Hände werden mit ganz kritischem Blick gemustert, ich interpretiere ihn so: Liebe Finger, was wir da jetzt machen sollen, das ist ganz, ganz heftig, menschenverachtend, krankmachend, ekelerregend und widerlich! Die Ausführung der Handlung erübrigt sich dann, als der Betreuer in dieser Situation anmerkt: »Wenn wir das gewusst hätten, hätten wir Einweghandschuhe dabei!« Da mich die dafür schon herausgerissenen Pflanzen barmten, topfte ich sie eben schnell selbst und trug sie den Abreisenden nach zum Bully.

Der Gruppe nachwinkend (eine uralte, wertschätzende Geste der Gastfreundschaft, die weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle vieler jüngerer Menschen liegt) denke ich über die nächsten 70-80 Jahre nach, die noch vor diesen jungen Menschen liegen.


Text: Hubertus Albersmeier
Fotos: Ute Eckartz