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Gegen den Winterblues

Es ist Dezember, ich sitze am Schreibtisch und mein Lieblingssender WDR 2 dudelt neben den aktuellen Pop-Charts nun immer mehr Weihnachtslieder. Mein Schreibtisch wartet auf das monatliche Aufräumen, das ich für den 23.12. vorgesehen habe und auch mein Aquarium wird erst dann im festlichen Glanz nach einem Wasserwechsel wieder wie neu sein.

Seit fast 14 Tagen will ich mal wieder in den Garten gehen – aber mir fehlt die Lust, den kleinen Weg zur Schrebergartenkolonie zurück zu legen, denn es regnet ohne Ende. Die Temperaturen bewegen sich deutlich jenseits der 0-Grad-Marke und weiße Weihnachten sind nicht in Sicht, sondern eine nasse graue Atmosphäre lädt dazu ein, sich in den freien Stunden lieber strickend aufs Sofa zu setzen und nicht saisonhafte Getränke wie einen speziellen Pimm’s (Gin, Ginger Ale, Orangen- und Zitronenscheiben sowie Gurken) oder Wodka-Lemon anzurichten. Ein solches Wetter lässt sich nur schöntrinken.

In solchen Situationen frage ich mich, ob ich denn nur ein „Schönwettergärtner“ bin. Immerhin müsste ich mal die im Gartenhäuschen überwinternden Pelargonien checken oder nachschauen ob die vielen Wildtulpen, die ich wühlmausgeschützt als Kabinett in Töpfe gesetzt hatte, nicht vollends abgesoffen sind und mal eine Regenpause unter einem Dach brauchen. Aber ich kann mich einfach nicht aufraffen. Sehnsüchtig denke ich an die Sommertage und finde in den vergoldenden Erinnerungen aus der Entfernung sogar noch Gefallen an Jäteaktionen und Rasenmähen – Tätigkeiten, die nicht gerade zu meinen Lieblingsarbeiten gehören, wenn sie anstehen.

Als sehr wirksames Mittel gegen Winterblues hat sich bisher stets das Planen der Aussaaten für das kommende Jahr bewährt. Meist verordne ich mir diese Medizin zum Februar – aber den Vorrat aus diesem „Fläschchen“ habe ich bereits Anfang Dezember aufgebraucht. Die sommerliche Bestückung der Beete ist schon geplant und ich träume also nun von Löwenmäulchen, Ziertabak, Nachtkerzen und Wicken… und selbst das Gemüsesaatgut, etwa Dicke Bohnen, Buschbohnen, rotlaubiger Grünkohl und Tomaten ist bereits im Haus. Da der Garten nun durchgestaltet ist und lediglich einige Lücken zwischen der Bartiris-Parade geschlossen werden müssen, stehen auch keinerlei Planungs und Umpflanzungsvorhaben an… das habe ich alles mit dem Setzen der letzten Rosen und Päonien im langen Herbst erledigt.

Mir kommt es jetzt so vor wie in meiner Kinderzeit an verregneten Tagen. Die Frage „Mama, was soll ich spielen?“ geistert durch mein Hirn. Heute wird eine solche Situation schnell mit einem Computerspiel oder Daddelei am Handy die Zeit totgeschlagen – vor 40 Jahren musste ich einen anderen Weg gehen. Meist hat mir Mama immer vorgeschlagen, zu malen, mein Zimmer aufzuräumen, beim Backen zu helfen oder den Hamsterkäfig zu reinigen. Es gehört zur Ehrensache eines jeden Kindes, keinen der mütterlich-fürsorglichen Vorschläge anzunehmen und selbst Alternativen zu suchen die meist einem Geistesblitz folgen. Murmelspielen, Comic-Hefte sortieren und sich dabei festlesen, ein Mobile basteln oder die Sammlung von Vogelfedern wieder einmal anzuschauen waren schon eher Dinge die mir einen langweiligen Nachmittag gerettet haben.

Aber das ist heute so nicht mehr meine Welle. Zwar will ich schon seit langem mal wieder ein Aquarell malen, aber dafür reicht ein Nachmittag nicht aus. Außerdem weigere ich mich, tagsüber an meinem Pullover weiterzustricken – das ist eine Tätigkeit die erst weiter geführt wird, wenn der Himmel nicht mehr grau, sondern schwarzblau ist.

Irgendwie muss ich mich doch mal selbst dazu bringen um auch an usseligen Tagen in den Garten zu gehen. Hmmmm…

Heureka! Winterblüher pflanzen!

Ganz bewusst habe ich bei der Anlage meines Kleingartens Pflanzen ausgelassen, die zwischen November und Februar ihre Blüten öffnen – geschenkte Lenzrosen aus einem Nachbargarten einmal abgesehen. Ich dachte damals messerscharf, dass ich dann doch nicht im Garten wäre und verwendete den Platz für alles was grünt und blüht wenn Persephone auf Eheurlaub ist.

Wie dumm von mir! Einer der Antriebe für mich in den Garten zu gehen, besteht definitiv darin, neu Erblühtes zu bewundern und die stetige Veränderung im Bild zu genießen. Selbst im Sommer war ich auch an Regentagen da, wenn eine Taglilie, Iris, Päonie, Dahlie, Rose oder sonst etwas Zaubervolles mit einer schwellenden Knospe ankündigte ihre erste Vorstellung des Jahres zu geben. Also ist es doch Trick 17 (… der mit der Selbstüberlistung), etwas zu pflanzen, das im Winter blüht und das ich nicht verpassen darf. Kleine, herzige Wild-Alpenveilchen etwa wären schon ein Anfang. Cyclamen coum etwa ist wirklich unübersehbar mit seinem leuchtenden Pink, obwohl die Einzelblüten winzig sind. Zwar soll die Hauptblüte erst im Februar einsetzen, aber in milden Wintern funkeln die Erstlinge schon jetzt in Beeten von Jahrrund-Gärtnern. Unverzichtbare Gegenpole liefern dann freilich echte Christrosen, Helleborus niger, (warum habe ich eigentlich keine einzige davon … Unterlassungssünde!) und weitere Schönheiten dieser Gattung. Bestimmt findet sich auch noch ein Platz für Winterjasmin (Jasminum nudicaule), der mit seinem Gelb den Effekt der Forsythienblüte vorweg nimmt. Schneeglöckchen und Netziris sind ja schon da und blühen ebenfalls gelegentlich im Januar… aber wieso habe ich Frühaufsteher wie Scilla mischtschenkoana bisher ignoriert… er passt doch bestens in die Szenerie zwischen Winter und Vorfrühling.

Eine Pflanzung ist jetzt natürlich nicht gerade ratsam – ich lege besser eine Liste an um sie für den Frühling oder Herbst nicht zu vergessen. Da ich aber nicht genau weiß, wie viele Lücken ich in den Beeten für Winterfunkler habe, schnappe ich mir gleich mal meinen regenbogenbunten Regenschirm und sehe nach. Bestimmt ist es gut, in den kommenden Wochen mal Stipp-Visiten zu machen und Kombinationen zu überlegen; mir fallen dabei garantiert noch weitere Pflanzen als Stimmungsaufheller beim Wintergrau ein.

Die Pelargonien, die gerade überwintern werden sich außerdem sicher über den Besuch freuen und die Tulpen sehen ihrer Rettung vor dem Wassertod entgegen – „Haltet durch, die Kavallerie ist auf dem Weg …!“


Text und Fotos: Andreas Barlage