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Die echten Schnee- und Eisköniginnen

Viele Zeitgenossen lieben auch den Winter – sie lassen sich in Bann schlagen von Schneelandschaften und Eiskristallen, und ihr eingeschneiter Garten kommt ihnen wie ein verzauberter Ort vor. Nicht zuletzt haben das populäre Märchen »die Schneekönigin« von Hans Christian Andersen (1805-1875) mit seinen wunderbaren Inszenierungen auf Bühne und im Film sowie die Disney-Geschichte von der Eiskönigin Elsa dazu beigetragen.

Für mich hält sich die Faszination für den Winter mit Schnee, Eis, grauem Himmel und kurzen Tagen allerdings in engen Grenzen. Auch sind die Aussichten auf ein weißes Winterwunderland ja angesichts des Klimawandels nicht gerade realistisch – und selbst wenn, würden mir drei Wochen davon während des Jahreswechsels vollauf genügen. Aber wir alle wissen, dass die eher trüben Wintertage nicht zu umgehen sind, und mir ist jede Strategie, einem Winterblues zu entgehen sehr recht.

Und hier kommen nun Winterblüher ins Spiel. Pflanzen, die trotz Schnee, Eis und Dunkelheit zwischen Dezember und den allerersten Frühlingsblühern etwa ab Ende Februar in Blüte stehen, sind wirkliche Lichtblicke in trüben Zeiten. Man kann natürlich durch die Pflanzung von Stiefmütterchen im Herbst für Farbe in Beeten und Töpfen sorgen – aber das ist meine Sache nicht. Ich finde, solche Blumen sind zu sehr aus der Zeit gefallen, und habe eine Pflanzhemmung bei ihnen, ehe der März beginnt.

Nein, ich mag lieber die echten statt künstlich vorkultivierter Winterblüher entdecken. Die wenigen Pflanzen, die das hinbekommen, würden, so delikat sie auch blühen, im Sommer kaum wirklich auffallen. Läge ihre Blütezeit später, liefen sie Gefahr, von den Knallfarben (nicht nur) der Stiefmütterchen überstrahlt zu werden. Die Winterbühne gehört also – meiner Meinung nach – den wilden Alpenveilchen (Cyclamen coum), ein paar Gehölzen.....
... vor allem aber Stauden der Gattung Helleborus. Und die haben mehr zu bieten als die übliche, durchaus bezaubernde Schneerose, auch Christrose genannte (Helleborus niger), die die Helleborus-Saison etwa ab November, wenn die letzten Chrysanthemen verblühen, eröffnet. Ihre Selektion 'Praecox', übersetzt bedeutet das »vorzeitig«, ist meist die erste von allen. Die Art öffnet ihre Blüten zwischen Mitte Dezember und etwa Januar – und das brachte ihr den heilig klingenden Namen und entsprechende Legenden zu ihrer Entstehung ein. Die Blüten sind reinweiß, stehen grundsätzlich einzeln und sind seitwärts gerichtet. Wenn sie durch sehr spät oder sehr früh fliegende Insekten bestäubt sind – meist sind Hummeln am Werke – vergrünen die Blüten, halten aber noch die Form, bis etwa im April die Samen reif sind und die Fruchtkapseln aufspringen. Christrosen sind hinsichtlich des Standortes genügsam, nur zu sauren Boden und grelle Sommersonne behagen ihnen nicht. Ansonsten möchten sie am liebsten im Frühling nach der Blütezeit gepflanzt und nicht weiter gestört werden. Der botanische Artname »niger« bedeutet schwarz. Sonderbar, mag man denken, angesichts der weißen Blüten. Aber er bezeichnet die schwärzlichen Wurzeln. Und diese wurden pharmakologisch eingesetzt – sie enthalten wie alle Pflanzenteile starke Gifte, die in angemessener Dosierung als »radix hellebori nigri« zur Abführung, als Brechmittel und zu einigen anderen Zwecken eingesetzt wurden. Außerdem waren die getrockneten, geriebenen Wurzeln ein Bestandteil von Niespulver – so erklärt sich ein weiterer deutscher Name von Helleborus: Nieswurz.

Ziemlich wenig schmeichelhaft ist der deutsche (und botanische) Name Stinkende Nieswurz für die wirklich schöne Art Helleborus foetidus. Sie baut sich etwa 40 Zentimeter hoch mit sehr attraktiven, tiefgrünen geschlitzten Blättern auf und bildet darüber große Blütenstande aus 20 bis 30 hängenden grünen Blütenglocken aus. Dieser Blütenstand ist bereits im Herbst angelegt, von hellgrünen Blättern schützend bedeckt. Sie sehen aus wie gigantische Schutzblätter von Haselnüssen. Durch die hellgrüne Blütenfarbe würde Helleborus foetidus, an der ich übrigens im Garten keinen unangenehmen Geruch feststellen kann, im Sommer kaum auffallen – im Winter hingegen ist sie ein Blickfang. Sie blüht etwa ab Mitte Januar und bildet gemeinsam mit weißen Schneeglöckchen (Galanthus) und den schon erwähnten pinkfarbenen Cyclamen hinreißende Trios.

Eine wesentlich größere Auswahl an Farben bieten die Züchtungen der Lenzrosen (Helleborus orientalis). Weiß, rosa, purpurrot – zuweilen mild mit grünen Verläufen oder lebhaft gepunktet – ist die Stammpalette. Auch wenn die Blüten grundsätzlich eher nicken, kann man sie gar nicht übersehen. Da die Blütezeit zwischen etwa Februar und April liegt, rate ich davon ab, ihre feine, subtile Farbgebung mit frühen Tulpen oder Narzissen in leuchtenden, plakativen Farben zu kombinieren. Viel besser passen Pastelltöne, die sich auch bei vielen Frühlingsgeophyten finden. Oder man entscheidet sich für Blau, das für wundervolle Kontraste sorgt – Blausternchen (Scilla), Krokusse oder Hyazinthen sind immer gute Partner für Lenzrosen. Sehr oft ist noch das Vorjahreslaub (etwas ramponiert) vorhanden, wenn die neuen Blüten sich öffnen. Ich lasse es meist bis etwa Ende Februar als Winterschutz an den Pflanzen, um auf eventuell noch eintretende Fröste vorbereitet zu sein. Dann wird es aber abgeschnitten, um die zauberhaften Blüten nicht von »usseligen« Blättern zu verdecken und Platz für das nun zügig austreibende junge Laub zu schaffen.

Lenzrosen sind, wie alle Helleborus-Arten wirklich robust und langlebig – und samen sich sogar bereitwillig aus. Das ist eine besondere Gärtnerfreude, denn es entstehen unzählige Variationen. Zuweilen finden sich durchaus Sämlinge, die in ihrem Charme die Ausgangspflanzen noch übertreffen. Es lohnt sich also sehr, sie in ihrer Fortpflanzungsfreude gewähren zu lassen.

Strenge Fröste sind auch für Lenzrosen nicht ohne Blessuren wegzustecken, gelegentlich sehen sie aus wie »gekocht«, wenn sie schlapp, niedergestreckt von tiefen Minusgraden, auf den Beeten liegen. Aber es kommt sehr selten vor, dass wirklich einmal ein Flor verloren geht und sich die Pflanze erst im Frühling wieder regeneriert – ich selbst habe es noch nie erlebt. Wenn sie also einmal matt darniederliegen sollten, besteht dennoch kein Grund zur Panik, denn Lenzrosen sind an winterliche Wetterschwankungen angepasst und erholen sich sehr schnell, wenn es wieder milder wird. Bald stehen sie wiederaufrecht da, als sei nichts gewesen...

... eigentlich ein wunderbares Vorbild ...

 

 

Andreas Barlage
Lieblingspflanzen Andreas Barlage ist der Wandervogel unter den Gartenbesitzern. Weil er in seinem Leben viel umgezogen ist, hat er reichlich Erfahrungen an sehr unterschiedlichen Standorten sammeln können.
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Text: Andreas Barlage
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer