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Der Palast der Winde

Ich bin ja schon oft umgezogen in meinem Leben. Und meist lag ein Garten direkt am neuen Domizil – oder zumindest in Fußlaufnähe. Das ist nun anders. Seit Frühling leben wir im Karlsruher Norden, dritte Etage. Eigentlich sollte es diesmal eine nette Stadtwohnung in einem Altbau werden, so mit Stuckdecken und kleinem Erker. Doch nicht allein die Mietpreise veranlassten uns, diese Idee fallen zu lassen. Es war die Dachterrasse unseres neuen Refugiums, die uns alle anderen Mietoptionen vergessen ließ. Mit gut 60 qm unter freiem Himmel übertrifft sie jedes jemals von mir bewohnte Einzelzimmer, ist dazu nach Süden ausgerichtet und liegt somit vollsonnig. Sonnenbaden ist also nicht nur auf Gran Canaria möglich; Karlsruhe gilt als Stadt mit überproportional vielen Sonnenstunden.

Eine völlig neue Gartensituation tut sich nun auf, und ich stelle mich ihr sehr gern. Neugier ist schließlich das halbe Gärtnerleben. Vor meinen Dachterrassenträumeraugen entfalten sich die immensen Vorteile: So brauche ich etwa keinen Weg zur Schrebergartenkolonie zurücklegen, wie vorher in Bielefeld. Unkrautjäten beschränkt sich auf ein Minimum. Selbst kleine Pflanzen stehen mindestens topfhoch und können besser betrachtet werden. Schnecken lassen sich, so sie denn auftauchen, besser in Schach halten. Und das Beste: Nie wieder Ausfälle durch Wühlmäuse, und ich kann endlich wieder unbeschwert Tulpen oder Lilien pflanzen.

Doch in jedem Paradies treiben sich auch ein paar Schlangen herum. Ich denke, so nach und nach werde ich auch die Widrigkeiten des Dachgärtnerns kennen lernen. Dass ich jeden Krümel Erde drei Etagen hoch schleppen muss und ein halbes Vermögen für Gefäße ausgeben werde, ist mir ja schon vor dem Einzug klar gewesen.

Was mir nicht klar war, sich aber sehr schnell herausgestellt hatte, war die Vehemenz, mit der Winde eine offen und hoch gelegene Terrasse umtosen können. Das Areal liegt völlig ungeschützt. Und die Windgeschwindigkeit kann auch im herrlich milden Karlsruhe beträchtlich sein. Spätestens als mein kleiner Wurzelrissling von der geliebten ‘Rose de Resht’, der in einem Tontopf mit 22 cm Durchmesser heranwächst, vom Pflanztisch geweht wurde, realisierte ich die Herausforderung des Aeolus. Als ich die gebeutelte Pflanze in einen neuen Topf wieder einpflanzen wollte, wehte mir ein Teil der Erde, die ich umfüllte durch die medusenhaft flatternden Locken. Der erste Grundsatz war gefasst: Gepflanzt wird ab jetzt nur bei hinreichender Windstille und vorsichtshalber mit Haargummi.

Das Erlebnis veranlasste mich, meine Pflanzenauswahl sehr zu überdenken. Ursprünglich wollte ich landhaushafte Rittersporne, Lupinen, Kaskadenrosen oder großlaubige Funkien in Töpfen kultivieren. Aber das ist nun so gar keine windgerechte Pflanzenauswahl. Lilien kann man immerhin an Stäben gut anbinden, und bei den vielen Dahlien finden sich auch kompakte Sorten mit leichteren, sprich wenig gefüllten Blütenkörben. Mit anderen Worten: Dachterrassenpflanzen müssen nicht nur in Gefäßen gedeihen können, sondern auch dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche bieten und ziemlich zähe Stiele haben.

Meine Wahl zum Pflanzeneinstand fiel darum auf Polsternelken (Dianthus plumarius und ähnliche), Polsterphlox (Phlox subulata und ähnliche), Prachtkerze (Gaura), Nachtkerzen (Oenothera odorata ‘Sulphurea’), Graslilie (Anthericum), Purpurglöckchen (Heuchera), Aurikeln (Primula x pubescens) und die herrliche Trompetenlilie ‘Pink Perfection’, sie soll – gut befestigt – im Hochsommer über allen Blumenkissen jubeln.

Die in Windunkenntnis zuerst anvisierten Rosen-Kaskadenstämme und von Kletterrosen bewachsenen Zaunelemente traue ich mich nicht zu realisieren. Eine Stammhöhe von maximal 90 Zentimetern muss reichen, und an Rankgittern werden nun Klematis, Wicken und Passionsblumen gezogen … die sind nicht so schwer …

Dafür entdecke ich nun die Welt der sommerblühenden Zwiebel- und Knollenpflanzen ganz neu. Abessinische Gladiolen (Gladiolus callianthus) oder Ananasblumen (Eucomis) scheinen mir eine gute Idee zu sein. Sie lassen sich ja auch bestens im Topf im Keller überwintern … jaja, der kluge Gärtner denkt vor. Jetzt muss ich langsam in die Puschen kommen, um Sommerblumen auszusäen. Es sind noch so viele Töpfe leer. Ob mittelhohe Löwenmäulchen windfest genug sind? Wir werden es sehen …


Text und Fotos: Andreas Barlage