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Junges Gemüse? Altes Gemüse!

Haferwurzel und Löffelkraut, Kerbelrübchen, Kardy und Knollenziest, Erdmandel, Eiskraut und Postelein, Roter Meier, Rübstiel, Rapontika, Spargelerbse, Melde oder Baumspinat – wer kennt auch nur eine dieser vor langer Zeit aus unseren Gärten und von unseren Tellern verschwundenen charaktervollen Köstlichkeiten? Nicht beim noch so kulinarisch sortierten Gemüsehändler und schon gar nicht im Supermarkt kann man ihnen heute noch begegnen. Hätte unsere zunehmend globalisierte Agrarindustrie nicht eine Gegenbewegung auf den Plan gerufen – viele pflanzliche Kulturschätze wären wohl für immer verloren. Und dies, obwohl die jahrhundertelange Vermehrung nachbaufähigen Saatguts zweifellos zu den größten Kulturleistungen der Menschheit gehört!

Die unangenehme Wahrheit ist, dass heute einige wenige multinationale Agrarkonzerne die Hälfte des globalen Saatgutmarktes beherrschen – gern mit im Paket die darauf abgestimmten, teuer zu erwerbenden Pestizide. Die Folge: Von den weltweit gezählten ca. 7000 Kulturpflanzen sind gerade noch ein paar Dutzend von ökonomischer Bedeutung.

Dazu passt die gar nicht so drollige Geschichte mit der bizarren EU-Verordnung zum vorgeschriebenen Krümmungsgrad von Salatgurken. Wie haben wir alle gelacht über diese vermeintliche Bürokratieposse, aber bei näherem Hinsehen offenbart sie sich als knallhartes Rechenmodell. Ziel ist es, eine möglichst hohe Anzahl von »Gurkensoldaten« pro Verpackungseinheit unterzubringen. In Zeiten gnadenlosen Wettbewerbs ist für Individualität kein Platz. Profit und Standardisierung grüßen als perfektes Paar.

Als sich Mitte der 80er Jahre der VEN (Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e.V.) gründete, übrigens lange bevor die Gentechnik mit ihren unvorhersehbaren Auswirkungen Thema wurde, nahm das Wort Biodiversität noch kaum jemand in den Mund. Der VEN erkannte als einer der ersten, wie wichtig die Zusammenarbeit mit privaten heimischen Gärtnern ist, um die Vielfalt der Gemüsesorten zu erhalten. Aus einer gemeinsamen Informationsplattform von Gemüseliebhabern entwickelte sich ein nichtkommerzielles Netz engagierter ehrenamtlicher Mitstreiter. Zunehmend trat der VEN in die Öffentlichkeit, professionalisierte sich und erweiterte seine Arbeit.

Es folgten weitere Verbände und Initiativen im In- und Ausland, die sich gut vernetzt und mit großem Engagement für ihre Ziele einsetzen. Eine ständig wachsende Zahl von »Sortenpflegern« aus Privat- und Erwerbsgartenbau sorgt für Erhalt und Saatgutgewinnung inzwischen hunderter alter und regionaler Kultursorten. Der gemeinnützige Verein »Dreschflegel« (hier ist der Name Programm!) betreibt im Rahmen einer angeschlossenen GbR mit seinen Gesellschaftern auf 15 Gärtnerhöfen biologische Saatgutvermehrung und -züchtung. So wuchs das hierzulande inzwischen vielfältigste Sortiment mit bisher über 500 Sorten. Kunden erhalten hochwertiges samenechtes Saatgut robuster, krankheits- und schädlingstoleranter Pflanzen. Mit den geschmacksnivellierten, gleichgeschalteten Hybridsorten, die unsere Supermärkte bevölkern, haben diese Gemüse wenig gemein.

Die ökonomische Bedeutung wertvoller wiederentdeckter Kulturpflanzen wird sich auch weiterhin in überschaubaren Grenzen halten, umso wichtiger ist es, diesen Veteranen einen Platz in unseren Gärten einzuräumen.

Dass so mancher ambitionierte Gastronom sein Angebot um diese verloren geglaubten Geschmackswelten bereichert, ist eine erfreuliche Entwicklung. Hoffen wir, dass der Trend gegen Einheitsgenüsse kräftig zunimmt, und wir alle miteinander auch die Schönheit von Gemüse für unsere Gärten neu entdecken. Liebevoll angelegte Küchengärten sind immer auch ein Fest fürs Auge! Und wie wäre es damit, unseren Kindern ein Plätzchen im Garten anzubieten, auf dem sie den Prozess des Wachsens und Werdens »be-greifen« lernen, um dann mit ihrem ersten kleinen Ernte-Glück belohnt zu werden?

Ein Hoch auf die Vielfalt!


Text: Angelika Traub
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer