header

Arbeit als Hobby

Wer Nachrichten aus dem Schrebergarten sendet, also vor allem zu Erfolgen und Misserfolgen im Obst- und Gemüseanbau, der kommt im Herbst 2018 am Thema Hitze und Dürre nicht vorbei. Da man das jetzt nicht mehr lesen möchte, fasse ich mich kurz. Verschweigen möchte ich allerdings nicht mein Erstaunen, dass die vielen Apfelbäume in unserer Anlage so gut wie keine Äpfel abgeworfen haben, weil es ihnen an Wasser gefehlt haben könnte. Die Grundwasservorräte und die Kapillarleistung des Bodens erstaunen mich nach diesem Sommer noch mehr als sonst. Hoffnung in Zeiten des Klimawandels machen in der Hinsicht auch meine heiß geliebten Astern. Glattblatt und Raublatt, laevis, laterifolius 'Prince', ericoides 'Lovely', turbinellus, die hohe 'Freiburg', alle sind sie ohne Extraschluck durch die Trockenheit gekommen, bei vollsonnigem Standort wohlgemerkt, nur mit Miscanthushäcksel gemulcht. Solidago rugosa dagegen ist verbrannt, Rudbeckia nitida ebenso.

Apropos vollsonniger Standort. Manche Institutionen, Firmen, Ämter haben ja ihre Gesichter. Bei uns in Münster etwa hat man den Eindruck, im Grünflächenamt arbeitet nur einer, denn ganz egal, über was die Zeitung in Sachen Stadtgrün berichtet, immer wird das Amt von einem silbrig gelockten Herrn personifiziert. Weil nun jeder Zeitungsleser den Herrn – nennen wir ihn hier mal Wolfgang Goldfisch – kennen dürfte, hat sich im Hochsommer eine Redakteurin in den eigenen Garten von Herrn Goldfisch aufgemacht. Unter dem Titel »Ein Wohnzimmer im Grünen« konnte sie sechs Bilder unterbringen, fünf kleine mit Schwimmteich, Liegestuhl, Feigenbaum, Gewächshaus und Sitzecke. Auf dem großen Foto sitzt Goldfisch auf seinem vollsonnigen Holzdeck und lässt die Beine ins Wasser des Schwimmteichs baumeln, hinter ihm Terracotta mit Palmen, ganz hinten Kaminholz für andere Zeiten. Goldfisch ist weder Landschaftsarchitekt noch Gärtner, er hat Geografie und Biologie studiert. Ein Zitat – und das gibt zu denken – ist aus dem Text hervorgehoben: »Es muss sich arbeitstechnisch im Rahmen halten. Es ist ein Hobby und soll Spaß machen.«

Wie das so ist mit dem Lesen und Verständnis von Texten, man wird herangeführt, liest sie unter bestimmten Voraussetzungen und die werden nicht unwesentlich geprägt durch Headlines und sonst wie Hervorgehobenes. Hier wird hervorgehoben: In der Dachzeile das Wörtchen Oase, in der Headline Wohnzimmer und dann das Zitat, in dem Arbeit und Spaß im Widerspruch zueinander stehen. Wer Oase liest, denkt nicht ans Arbeiten, beim Wohnzimmer verhält es sich genauso und das Zitat bildet dann das ausgeschriebene Fazit: Garten soll so wenig Arbeit machen wie möglich. Wenn das von einem Mitarbeiter des Tiefbauamtes oder des Einwohnermeldeamtes gekommen wäre, hätte ich mir gesagt, o.k., dem fehlt der Zugang. Vom Goldfisch aber wird das zu einer fatalen Botschaft, denn die Botschaft würdigt die wichtigste Bedingung eines Gartens herab, der diese Bezeichnung verdient: Arbeit. Wir Gärtner wissen, was Gartenarbeit alles ist: Muskeltraining, Gymnastik, Kultivieren, Gestalten, Naturerfahrung, Handwerkskunst, Kunst, Ernten und Reinbeißen…, ja ja, auch Rückenschmerzen und dreckige Fingernägel. Na und?

Ob Wolfgang Goldfisch nun das richtige Gesicht für die Behörde ist, die sich für den Erhalt des städtischen Grüns einsetzt, mag ich nicht entscheiden. Er kommt ganz sympathisch rüber, hat immer gute Laune, egal ob im Hochzeitswald mal wieder ein Baum gepflanzt wurde, die Stadtgärtner Tausende Eisbegonien für den Schriftzug »Münster bekennt Farbe« gepflanzt haben oder wenn er die Beine ins kühle Schwimmteichwasser baumeln lässt. Als Botschafter für’s Spaß machende Gärtnern in der Stadt ist er jedenfalls der Falsche. Das bleibt an uns hängen.


Text: Stefan Leppert
Fotos: Stefan Leppert (1 und 4), Staudengärtnerei Gaißmayer (2 und 3)