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Wie Oma beim Stricken

Zerbrechen Sie sich auch manchmal den Kopf darüber, was Sie an Tugenden und Lastern, Marotten und Manieren schon im Genmaterial mitbekommen haben und was Sie sich ums Verrecken nicht abgewöhnen können? Die Frage nach der Macht der Gene tauchte letztens wieder auf, die Zeit der langen Abende ist wie gemacht dafür, diese Sofaabende vor dem Fernseher.

Was mich in diesen Momenten an Genetik denken lässt, ist Folgendes: Meine Oma war Anfang der 60er Jahre die Erste mit einem Fernseher im Haus, doch hundertprozentig ferngesehen hat sie nie. Wenn sie auf ihrem Sofa Platz genommen und die Türchen des Fernsehers geöffnet hatte, lag das Strickzeug schon parat. Sie war für die Löcher in den Wollsocken des Schwiegersohnes und der Enkel zuständig. Fern zu sehen mit den Händen im Schoß wäre reines Vergnügen gewesen, unproduktiv, ja, irgendwie eine Sünde. Daher gehörte das Klippern der Stricknadeln aufs Natürlichste zu den Stimmen von Erik Ode, Ben Cartwright und Flipper. Ihre Tochter hatte wenige Jahre später ihren Mann soweit, dass er ebenfalls einen Fernseher anschaffte. Und auch sie stickte, strickte und häkelte, bis niemand mehr Topflappen haben wollte, der Schrank voller Socken war und jede Wand ein gesticktes Bild mit Fachwerkhäusern oder einem Hundeporträt trug. Und, was klippert da wohl im Wohnzimmer meiner Schwester, wenn mein Schwager den Fernseher anmacht?

Wenn ich auf dem Sofa sitze, klippert nichts. Dafür knirscht es. Klippern, knirschen – genetisch passt da kein Blatt dazwischen, meint meine bessere Hälfte. Was das jetzt mit meinem Schrebergarten zu tun hat? Sehr viel, denn es ist Herbst, die Kartoffeln sind im Keller, die Äpfel wurden zu Saft gepresst, Tomaten zu Suppe eingefroren, der Garten ist abgeerntet – bis auf die eine Pastinake, denn die bleibt drin, damit sie im nächsten Jahr in großartiger Gestalt Doldenblüten treibt. Und um das, was auf die Doldenblüte folgt, geht es hier:

Neben der Pastinake liebe ich nämlich einen weiteren Doldenblütler heiß und innig: den Gewürz-Fenchel. Und vor ein paar Tagen, an einem trockenen Oktobernachmittag, war Fenchelsamenernte. Dank der milden Winter hatte sich in unserem Schrebergarten eine Fenchelstaude reich ausgesät und in wenigen Jahren haben sich diverse mannshohe Pflanzen etabliert. Die feine Gestalt ist leicht durchschaubar und so lasse ich sie wachsen und blühen. Fenchel ist großartig: Im grasgrünen, struppigen Austrieb liegt jugendhafte Wildheit und Drang, halbhoch hat sie viel haariges Blattwerk, eine würzige Zutat für den langweiligen Kopfsalat. Ihre Blütendolden erscheinen im Hochsommer, zusammen mit den Wespen, diesen auf Erdbeerschnitte oder westfälischen Knochenschinken erpichten Spätaufstehern im Insektenjahr. Es ist Juli und man denkt, wie schön, in diesem Jahr gibt es kaum Wespen, und dann kommen sie doch noch angesegelt.

Vor ein paar Jahren konzentrierte ich meine Fenchelpflanzen in einem kleinen Beet im Rasen, auf dem wir uns häufig zum Essen niederlassen. Und bald machte ich eine interessante Entdeckung. Als der Fenchel blühte, schwirrten Wespen über unser Picknick hinweg geradewegs auf die Fencheldolden. Da hätte sogar Serrano liegen können. Und Fenchel blüht lange. Selbst wenn der Fenchel ihnen mal langweilig wird und sie sich unserer Mahlzeit nähern, nerven die Tiere nicht, sind nur neugierig, knabbern ein wenig und fliegen wieder davon. Wahrscheinlich wirken nicht nur die Samen, sondern auch der Nektar beruhigend. Nach der Blüte reifen Samen heran, die ab Mitte Oktober nicht mehr besser werden. An einem sonnigen Tag wird dann geerntet und die Triebe zum Durchtrocknen aufgehängt. Wiederum eine Woche später schneide ich dann die Dolden ab, die Stiele wandern auf den Kompost und die Dolden nach Hause. Man könnte sagen Richtung Sofa. Spätestens, wenn die Sofaabende nach der Uhrenumstellung noch länger werden, wird meine Lebensführung genetisch und ich denke an Oma, Mutter, Schwester. Dann nämlich knipse ich die Samen von den Dolden in eine Schüssel. Das dauert je nach Erntemenge schon mal zwei bis drei Neunzigminüter, am besten was Schnulziges, bei dem man nicht immer hinsehen muss. Ist das gemacht, naht die Zeit des Knirschens. Denn ich machte die Erfahrung, dass meine Hände nach dem Samenabknipsen verdammt dreckig waren. So schließt sich ans Abknipsen die Reinigung der Samen an und zwar, ohne sie erneut zu befeuchten. Dazu gebe ich eine Handvoll Samen in ein feines Küchensieb und reibe sie unter leichtem Druck an den Maschen hin und her. Und das knirscht. Was dabei an Staub in der Schüssel unter dem Sieb landet, ist höchst erstaunlich. Und was dabei nach dem zehnten Durchgang in der Schüssel landet, ist noch erstaunlicher.

Wenn ich dann im März die (mutmaßlich!) letzten Feinstaubkörnchen von den Samen reibe, kommen lästige Fragen. Ob es das wirklich bringt, dieses Reiben, bis die Finger rot sind. Dann fange ich von Oma an und von Mutter und von meiner Schwester und dann versteht meine Frau, dass Sofaleben genetisch sein kann. Nach der Fenchelreinigung werden die Uhren wieder umgestellt, dann sind die Sofaabende vorbei. Bald sprießt der Fenchel.


Text und Fotos: Stefan Leppert