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Hemerocallis

Die Schöne des Tages

Die in der Überschrift ziemlich wortwörtliche Übersetzung des botanischen Gattungsnamen Hemerocallis ("hemera" für "Tag" und "kallos" für "schön") der beliebten Taglilien löst gleich eine ganzes Szenario von Gedankenbildern auf. Wer denkt nicht an eine Morgenstimmung mit weichendem roten Himmel in der die lilienähnlichen Blüten ihre noch junge Schönheit zeigen? Das Versprechen einen ganzen Tag zu zieren wird eingehalten und noch in der Dämmerung leuchten die Blüten ehe sie vergehen. Auch wenn die rasche Vergänglichkeit einer einzelnen Blüte in der Natur der Pflanze liegt und im Namen anklingt, liefert die Pflanze einen andauernden Blütenrausch, denn es kommen immer neue Knospen nach – über Wochen. Bei kaum einer anderen Pflanze liegen Blütenfülle und Kurzlebigkeit auf so reizvolle Weise nahe zusammen.

Aufschlussreiche Artnamen
Der zweite Teil der botanischen Namen der Taglilien-Wildarten ist, wie es sich gehört, ebenfalls sehr aufschlussreich. Einige beschreiben die Blütenfarbe – etwa Hemerocallis fulva (Gelbbraune Taglilie von "fulvus" = gelbbraun), Hemerocallis citrina (Zitronen-Taglilie von "citrinus" = zitronengelb) oder Hemerocallis liloasphodelus (Gelbe Taglilie; der Name verweist auf die gelbblühende Junkerlilie Asphodeline). Andere Arten ehren mit ihrem Namen berühmte Pflanzenforscher und Entdecker. Hemerocallis middendorffii erinnert beispielsweise an Alexander Theodor von Middendorff (1815-1894), der die Natur Russlands erforschte und Hemerocallis thunbergii an Carl Peter Thunberg (1743-1828), der auch seinerzeit zahlreiche südafrikanische und japanische Pflanzen entdeckt und eingeführt hat. Und Hemerocallis altissima hat den deutschen Namen Hohe Taglilie, auch wenn er korrekt übersetzt "höchste" Taglilie lauten müsste, was bei der eindrucksvolle Wuchshöhe von bis zu 150 cm auch passen könnte. Im Gegensatz dazu steht Hemerocallis minor, die Kleine(re) Taglilie … sie wird etwa 60 cm hoch.

Sortennamen als Einstimmung
Taglilien wurden sehr stark züchterisch bearbeitet und das Sortiment ist riesig. Aus den USA stammen die meisten Sorten und viele ihrer Namen lassen erahnen, welche Ausstrahlung die Blüten haben. So spielt 'Green Flutter' ("Grünes Flattern") in den Tönen Gelb und Apfelgrün; 'Moonlit Masquerade' ("Mondbeschienene Maskerade") trägt einen dunklen, maskenartigen Ring auf einer hell cremefarbenen Blüte oder 'Burning Daylight' ("Brennendes Tageslicht") signalisiert ein glühendes Orangegelb, wie nur eine untergehende Sommersonne es ausstrahlen kann.
Deutsche Züchtungen sind ausgesprochen wertvoll, weil sie sich von Anfang an hierzulande sehr gut bewährt haben – ihre Pflanzentugenden sind superb! 'Augustfreude' und 'Maikönigin' markieren die Eckpunkte der Blütezeit der Gattung Hemerocallis, die sich von Mai bis etwa Mitte August hinzieht. 'Melonencocktail' macht in einem schmelzenden Melonenton dem Hobbygärtner den Mund wässrig: 'Pfennigparade' lässt nicht nur in den Blüten das Kupferbraun der Münze aufleben sondern erinnert auch an eine Berliner Stiftung, die seit gut 60 Jahren behinderten Menschen bei ihrer Integration ins (Arbeits-)Leben hilft.

Name-Dropping
Wie bei fast allen Staudenarten auch, finden sich bei Hemerocallis ebenfalls Sorten, die Personen ein Denkmal setzen. So lässt sich eine illustre Gesellschaft zusammenstellen – vielleicht gerät ein Beet damit zu einer spannenden Cocktail-Party auf der eine Verwandte eines Taglilienzüchters namens 'Frances Fay' mit dem Bürgermeister von Seattle 'Ed Murray' flirtet, während 'Frans Hals' davon zu einem Gemälde im flämischen Stil inspiriert wird. 'Bela Lugosi' kann sich derweil seine Paraderolle des eleganten Dracula aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entfalten. Ist es nicht reizvoll, über alle Zeitgrenzen hinweg ein Stelldichein mehr oder weniger prominenter Menschen zu inszenieren?