Wunderwelt Boden:
Im Reich der Regenwürmer und Springschwänze

Leer und braun, so liegt der Boden im Winter oft da, bis im Frühling die nackte Fläche wieder unterm frisch sprießende Pflanzenteppich verschwindet. Das dort unten rund ums Jahr das Leben tobt, bleibt so oder so im Verborgenen. Aber: In einer Handvoll Bodenerde leben mehr Arten als Menschen auf der Erde. Krabbelwesen jeglicher Größe und Art, niemand hat bislang vollständig erforscht, welche und wie viele. Fest steht, dass diese systematisch und uhrwerkartig zusammenarbeitende Gemeinschaft die Verteilstation des ökologischen Kreislaufs ist und Nährstoff-Umschlagplatz. Und das geht so: Was die oberirdischen Pflanzen bei ihrer Fotosynthese an Energie produzieren, verteilen sie via Pollen, Samen und Biomasse an Tiere und Pilze. Wenn sie sterben, sinken sie zu Boden. Das gleiche gilt für Exkremente und alte Pflanzen. Dort »zersetzt es sich«, das sagt man so; so sieht es ja auch aus, wie es langsam schwindet und zerfasert – und ist doch falsch. Es zersetzt sich nicht. Es wird zersetzt. Durch alle, die im Boden leben, und durch alle, die fressen und gefressen werden, verdauen und ausscheiden, was wieder andere fressen: Bakterien, Rädertierchen, Algen, Pilze aller Art, Asseln, Milben, Käfer, Wanzen, Hundertfüßer … Und Regenwürmer, klar.

Fast noch wichtiger und emsiger, auch wenn sie keiner kennt sind Springschwänze. Allein in Europa gibt es rund 1500 Arten, weltweit an die 10000. Springschwänze sehen aus, wie sie heißen, eine Mischung aus Garnele und Gazelle. Sie fressen alles Mögliche an zerfallender organischer Substanz, manche Arten bevorzugen aber auch spezielle Nahrungsmittel: Exkremente, Aas oder Pollen. Andere knuspern Algen oder kleine Bodenorganismen wie Bakterien oder Pilze. Springschwänze werden auch von vielen Lebewesen gefressen. Das ist ein bisschen schade für den einzelnen Springschwanz, zeigt aber, dass sie nicht nur deshalb wichtig sind, weil sie exzellent Nährstoffe recyclen und den Boden verbessern, sondern weil sie ein wichtiger Teil des Nahrungsnetzes sind.

In dieses unsichtbare Wuseln bauen Kaninchen, Mäuse und Maulwürfe ihre Gänge, außerdem erdbrütende Wildbienen und: Ameisen.

Ameisen hatten schon ihr komplexes Sozialstaatenwesen mit effizienter Arbeitsteilung und ausgeklügelter chemischer Kommunikation als es uns Menschen noch gar nicht gab. Weltweit gibt es zehntausend Billionen Ameisen – geschätzt. Circa eine Million pro Mensch. In unseren Gärten leben häufig Wegameisen, Rasenameisen oder Knotenameisen, alle sind kein bisschen gefährlich, im Gegenteil. Sie durchlüften den Boden, zersetzen pflanzliche Abfälle, helfen wie schon beschrieben beim Säen und Blumen-»Verwildern«, halten fressenderweise andere Insekten in Schach und sammeln Aas ein. Sogar große Tiere wie Käfer oder Hornissen schleppen sie in ihren Bau. Ameisen sind stark und können das Vielfache ihres Eigengewichts tragen. Andersherum sind sie auch eine wichtige Nahrungsquelle für andere Tiere. Für die Ameisenlöwen genannten Larven der Ameisenjungfer oder auch für viele Vögel. Grünspechte essen kaum etwas anderes als Ameisen und füttern auch ihre Küken fast nur damit. Ameisen ziehen andere Tierkinder auf, nicht nur die unsere Wiesenknopfbläulingsraupen, sondern auch Käferlarven oder Schwebfliegen. Sie halten sich eigene Herden, Blattlausherden, um deren vornehm Honigtau genanntes süßes Pippi trinken zu können. Damit die Läuse nicht wegfliegen, beißen die Ameisen ihnen ein Stück Flügel ab und sammeln sie auf Pflanzen in der Nähe ihres Nestes. Sie beschützen sie vor Marienkäfern und Florfliegenlarven, knabbern ihnen Pilze vom Rücken und wenn es regnet, tragen die Ameisen ihre Blattlausschäfchen ins Trockene.

Solche Geschichten ließe sich über alle Lebewesen im Boden erzählen, wenn man es denn alles schon genau erforscht hätte. Wer dem Boden Gutes tun will, spendiert lässt ihm rund ums Jahr eine Schicht Vegetation überm Kopf.  Ob Bodendecker oder Gründung, wie Buchweizen, Klee oder Bienenfreund, das ist egal. Sie können auch einfach das Unkraut stehen lassen. Wem das zu unordentlich ist, mulcht. Hauptsache, die Erde ist nie nackt und alle, die in ihr wohnen sind geschützt vor zu großer Hitze, Kälte, Nässe und auch Trockenheit.

Denn der Boden ist ein Lebensraum für sich und wenn man sich genauer damit beschäftigt, fast so etwas wie ein lebendiges Wesen, das wir aber meist nur als Trägerfläche für Gemüse, Rosen, Rasen und Gartenliegen sehen. Und mit den Füßen treten. Tatsächlich, aber auch im übertragenen Sinne. Ihn – oder es – auf Händen zu tragen, wäre angemessener.