Vom »Helfkraut« und der Stiefmutter
Text: Antje Peters-Reimann
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer
»Obwohl eine stattliche Pflanze, ist der Andorn relativ unbekannt. Der Gemeine Andorn (Marrubium vulgare) wird dreißig bis neunzig Zentimeter hoch. Er ähnelt ein wenig der Taubnessel und ist unkompliziert in seinen Ansprüchen an den Boden. Man trifft ihn im Mittelmeerraum ebenso an wie in Nord- und Südamerika sowie in unseren Breiten. Weil er bereits im Mittelalter als Heilpflanze sehr geschätzt war, brachten ihn die Wikinger bis nach Schweden und auf die britischen Inseln.
Der Andorn zählt zur Familie der Lippenblütler; seine Stängel sind behaart, die grünen Blätter sind eiförmig, spitz zulaufend, leicht gezähnt und ebenfalls behaart. Die Blütezeit des Andorns liegt im Sommer; dann bilden sich kugelige weiße Quirlblüten. Der Andorn hat Früchte, die – ähnlich wie Kletten – kleine Widerhaken tragen. Damit bleiben sie am Fell vorbeistreifender Tiere hängen und werden durch diese in der Natur verbreitet.
Doch warum ist der Andorn heute so unbekannt? Das liegt wohl an seinem äußerst bitteren Geschmack. Man nimmt an, dass der botanische Name Marrubium aus dem Hebräischen ab- geleitet wurde und eine Kombination aus »Mar« (bitter) und »Rob« (Saft) ist. Der bittere Geschmack des Andorns jedoch und seine Inhaltsstoffe (darunter der Bitterstoff Marrubiin, aber auch Flavonoide, einige stickstoffhaltige Verbindungen und ätherische Öle), sind das Geheimnis seines Erfolges. In früheren Zeiten standen den Menschen nur die Arzneien zur Verfügung, die ihnen der Garten der Natur bot. Hier war der Andorn der Superstar unter den heilenden Pflanzen, denn er ließ sich bei vielerlei Beschwerden nutzen – deshalb nannte man ihn auch »Helfkraut« oder »Mariennessel«. Bereits in der Jungsteinzeit lässt sich die Verwendung des Andorns als Heilpflanze nachweisen.
Und schon in der Antike wurde die Pflanze von Plinius dem Jüngeren (1. Jh. n. Chr.) als »eines der vorzüglichsten Kräuter« gepriesen. Damals verwendete man den Pflanzensaft wegen seiner schleimlösenden Wirkung bei Lungenleiden und hartnäckigem Husten. Das Andornkraut ist aber nicht nur schleimlösend, sondern auch entkrampfend und entzündungshemmend; zudem hilft es bei Verdauungsbeschwerden. Es regt den Gallenfluss an, und der Magen produziert mehr Verdauungssäfte.
In der Antike galt der Andorn darüber hinaus als „Schutzmittel“ gegen eine böse Stiefmutter. Wer befürchtete, dass diese ihm nach dem Leben trachtete, sollte sich durch das Trinken eines Andorn-Suds verlässlich vor einer solchen Bedrohung retten können.
Die heilkundige Nonne Hildegard von Bingen (12. Jh.) empfahl hingegen in ihrer Schrift „Physica“ bei starkem Husten eine Mischung aus in Wein gekochtem Andorn, Fenchel und Dill. In den Kräuterbüchern des Mittelalters stößt man auf den Andorn in Verbindung mit Veilchenwurzel oder Lavendel als Heilmittel für Krankheiten der Leber, Nieren und Milz und sogar bei Wurmbefall. Gab man Odermennig, Borretsch und Alant dazu, sollte der Kräutertrank gegen Verstopfung und Gelbsucht helfen; als äußerlich angewendete Tinktur konnte man Schuppen, Feigwarzen und Flechten bekämpfen.
»Im Übrigen ist es wirklich ein kluger Rat, die Pflanze bei der Anwendung mit anderen Kräutern zu mischen: Denn pur eingenommen ist der Andorn so bitter, dass er einem regelrecht den Gaumen zusammenziehen kann!«
Text: Antje Peters-Reimann
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer