Über Nektar, Pollen und Frühaufsteher
Text: Michael Schwerdtfeger
Foto Holzbiene (Xylocopa) an Salva sclarea ©Uwe Zimmermann
Foto Sandbiene (Andrena) pollensammelnd an Rosa gallica 'Scharlachglut ' ©Michael Schwerdtfeger
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer
»Insekten fliegen von Blüte zu Blüte, um Nektar und Pollen zu sammeln und bestäuben dabei die Pflanzen« – soweit die Allgemeinbildung. Aber Nektar und Pollen sind zwei grundverschiedene Dinge und sind es wert, einmal genauer unter die Lupe genommen zu werden.
Es begann vor 350 Millionen Jahren
Pollen ist quasi die Transportverpackung des männlichen Erbgutes, und so hatte schon die allererste Samenpflanze, die irgendwann im Perm (so vor ca. 250 Millionen Jahren) auftauchte, zwangsläufig Pollen. Und da der Blütenstaub stammesgeschichtlich auf die Sporen der Farnpflanzen zurückgeht, können wir den roten Faden des Pollens eigentlich sogar bis in die Steinkohlezeit (vor 350 Millionen Jahren) zurückverfolgen. Der Pollen ist sehr proteinreich, und es war unvermeidlich, dass Insekten (Schmetterlinge waren noch nicht erfunden, aber es gab z.B. schon Käfer) dieses hochwertige Produkt für sich als Aufbaunahrung entdeckten.
Das gezielte Fliegen von Blüte zu Blüte brachte auch den Pflanzen einen Vorteil, der mit Windbestäubung nie zu erreichen ist, denn windblütige Pflanzen wie die Nadelgehölze müssen Unmengen Pollen in den Wind »verschleudern«, und dennoch ist nicht garantiert, dass auch nur ein einziges Pollenkorn zufällig eine weibliche Blüte erreicht. Daher gibt es auch bis heute kaum eine windbestäubte Pflanze mit mehr als einer Samenanlage pro Frucht! Ein Tier jedoch, das auf den Geschmack an Pollen gekommen ist und systematisch und gezielt Blüten der gleichen Art aufsucht, transportiert dabei gleich hunderte von Pollenkörnen, was ganz neue Fruchtformen ermöglicht: die vielsamige Schote eines Kreuzblütlers, die Hülse eines Schmetterlingsblütlers, gar die Kapsel eines Mohns oder einer Orchidee mit unzähligen von Samen – mit Windbestäubung wäre das undenkbar!
Ganz schön praktisch, dass die fliegenden Boten so versessen auf das sind, was man als Pflanze ohnehin produziert – oder auch: »Dumm gelaufen!«, dass das so reichhaltig ausgestattete männliche Erbgut nun zunehmend in den Mägen von Insekten landet, die im Laufe der Evolution immer ausgefeiltere Sammelmethoden entwickeln.
Eine Gruppe wespenähnlicher Insekten spezialisierte sich sogar darauf, ihre Larven mit diesem hochwertigen Superfood als alleiniger Proteinquelle zu ernähren und war damit so erfolgreich, dass wir heute weltweit 25.000 Arten davon kennen – wir nennen diese Gruppe die Bienen. Schön, dass sie wegen des Pollens kommen – aber schade, dass sie ihn so erfolgreich einheimsen und völlig maßlos für ihre lieben Kleinen daheim so viel wegschleppen, wie sie nur tragen können. So war es nicht gedacht!
Als ausgesprochener Geniestreich der Flora kommt hier der Nektar ins Spiel: Anders als der proteinreiche Pollen ist der Nektar ja nichts als Zuckerwasser und somit als Produkt der Photosynthese für die Pflanze äußerst preiswert in der Herstellung, übernimmt doch die Sonne die »Produktionskosten«. Und auch wenn reine Kohlehydrate bekanntlich nicht zur Aufzucht des Nachwuchses taugen, den erwachsenen Tieren dient der Nektar als unverzichtbarer Energiespender. Er ist das »Flugbenzin«, das dem Hochleistungsmotor eines Taubenschwänzchens, dem schweren Körper einer Hummel oder gar eines Kolibris den Flug von Blüte zu Blüte ermöglicht. Also von wegen »nur Zuckerwasser«.
Nun kommt der Nektar ins Spiel
Unzählige Blütenpflanzen haben das Anlockungsprinzip des Pollens elegant durch das für sie viel »preiswertere« des Nektars ersetzt. Und bei besonders ausgefeilten Modellen wie den Lippenblütlern, Rachenblütlern oder Orchideen macht die Blütenform das Verhalten des Bestäubers so »berechenbar«, dass der Pollen äußerst präzise platziert werden kann und kleine, geradezu »geizige« Mengen ausreichen. Macht nichts – die Tiere kommen wegen des süßen Nektars und sind offenbar so hochzufrieden mit diesem Produkt, dass sie bereitwillig als Liebesboten dienen und die Bestäubungsarbeit verrichten. Wenn man an windstillen Sommertagen genau hinhört, kann man über all den Lippenblütlern und Rachenblütlern, den Raublattgewächsen, den Nelken, Karden und Skabiosen ein leises, schadenfrohes Kichern hören.
Andere Pflanzengruppen jedoch sind ganz oldschool bei dem grundehrlichen Handel »Pollen gegen Bestäubung« geblieben. Mohn, Wildrosen und Königskerzen haben keinen Tropfen Nektar. Es sind auch nur wenige Insekten daran – könnte man zumindest denken. Pollen wird aber, anders als Nektar, nicht nachproduziert. In den Staubbeuteln entsteht aus den Pollenmutterzellen durch Reifeteilung eine bestimmte Menge Pollenkörner, und beim Öffnen des Staubbeutels gilt dann »wer zuerst kommt, mahlt zuerst«. Wer sich also über den schwachen Besuch an den prächtigen Blüten von Mohn und Wildrosen wundert, gehe einmal frühmorgens in den Garten. Meterweit können wir dann das Brausen von pollensammelnden Hummeln und anderen Wildbienen hören und uns überzeugen: Pollensammeln ist nichts für Langschläfer!
Text: Michael Schwerdtfeger
Foto Holzbiene (Xylocopa) an Salva sclarea ©Uwe Zimmermann
Foto Sandbiene (Andrena) pollensammelnd an Rosa gallica 'Scharlachglut ' ©Michael Schwerdtfeger
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer