Sunnewirbel, Milchligstock, Chrotteblueme
Text: Ute Studer
Fotos: Wildbienen auf Löwenzahn (2x), Rasengittersteine mit Löwenzahn: Staudengärtnerei Gaißmayer
Quelle Wikimedia Commons: Löwenzahn (Taraxacum officinale) ©George Chernilevsky
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Common_dandelion_2021_G1.jpg
Quelle Wikimedia Commons: Löwenzahn Entwicklungsstadium ©NoRud
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:L%C3%B6wenzahn_Entwicklungsstadium_(Taraxacum_sect._Ruderalia).JPG
Quelle Wikimedia Commons: Blühender Löwenzahn, Haselbach ©Rosa-Maria Rinkl
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bl%C3%BChender_L%C3%B6wenzahn,_Haselbach.jpg
Quelle Wikimedia Commons: Löwenzahn Blüte (Taraxacum officinale) ©Dominicus Johannes Bergsma
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paardenbloem_(Taraxacum_officinale)_06.JPG
Quelle Wikimedia Commons: Eine vom Wind zerzauste Pusteblume (Taraxacum), Tennessee, USA. ©David Ratledge
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dandelion_(Taraxacum)_Clock_-_Tennessee,_USA_-_May_31,_2014.jpg
»Ein blasierter, reuiger Jüngling… steht in der Gefängniszelle 432 unter dem hochgemauerten Fenster und hält mit seinen vereinsamten Händen eine kleine gelbe Blume in den schmalen Lichtstrahl – eine ganz gewöhnliche Hundeblume. Und dann hebt dieser Mensch die Hundeblume an seine hungrige Nase… und er saugt so gierig aus der kleinen gelben Scheibe ihr Wesen in sich hinein, dass er nur noch aus Nase besteht.«
Wolfgang Borchert 1921-1947
Für den Gefangenen, den Borchert hier beschreibt, ist die kleine, gelbe Blume ein kostbarer Schatz. Und das zu Recht, denn es gibt kaum ein perfekteres Gartengewächs, perfekter als alle Pflanzenzüchter es sich wünschen können. Sunnewirbel, Milchligstock, Chrotteblueme, sind bei uns in der Schweiz nur einige Namen, mehr als 500 gibt es hier für sie!
Die Pflanze ist mehrjährig, sehr robust und völlig frosthart. Wichtig für Gärtnerinnen und Gärtner ist auch, dass die Pflanze weder gedüngt noch gegossen werden muss. Sie wächst fast auf allen Bodenarten in der Sonne wie auch im Schatten. Sogar der pH-Wert ist ihr ziemlich egal. Auch in Kiesgruben, auf Bahndämmen, Geröllhalden und in Pflasterritzen kann sie Wurzeln schlagen. Auf steinigem Boden, wo sich kein Wasser hält, kann sie dank ihrer bis zwei Meter in den Boden reichenden Pfahlwurzel und der feuchtigkeitshaltenden Rosette überleben. Sie hat sogar die Kraft, Asphalt zu sprengen. In schattigen Lagen bildet die Pflanze hoch aufgestellte lange, saftig grüne, wenig gebuchtete Blätter aus. In praller Sonne besteht sie hingegen aus einer Rosette mit eher flach auf dem Boden ausgebreiteten, tief eingebuchteten, kleineren Blättern. Damit deckt sie den umgebenden Boden lichtdicht ab und schützt sich so vor jeglicher Konkurrenz von Nachbarpflanzen.
Das Wunderwesen ist zudem äußerst robust. Sogar wenn Weidetiere sich im Frühling die jungen Blätter einverleiben, macht ihr das wenig aus. Auf viel begangenen Wegen oder gemähten Flächen duckt sie sich dicht an den Boden und bildet nur winzige Blütenstiele.
Für diejenigen, die kein Gelb in ihren Gärten dulden, ist sie etwas enttäuschend, aber alle anderen können sich an den satt leuchtenden, dottergelben Blüten freuen: Sonnige Puschel, die aus bis zu 200 kleinen Zungenblüten bestehen und sich zu einem tellerförmigen Körbchen vereinigen. In der Hauptblütezeit von Ende März bis Juni kann man bis zu 78 Wildbienenarten auf den Blüten beobachten, während Raupen verschiedener Schmetterlingsarten an den Blättern knabbern.
Und im Vergehen verabschiedet sich die Blüte der Superpflanze noch mit einem zart-poetischen Anblick. Nach dem Verblühen bildet sich ein kugelrunder Kranz aus vortrefflich konstruierten Schirmfliegern, die die Samen mit dem Wind auf Reisen schicken, um neue Territorien zu besiedeln. Davon lässt sie sich nicht abbringen, denn selbst, wenn sie vor der Samenreife ausgestochen und in die Jauchetonne gesteckt wird, schafft sie es noch im Untergehen, ihre »Pusteblume« fertig auszubilden und pro Blüte 150 Samen davonfliegen zu lassen.
Aber die Überlebenskünstlerin hat noch mehr zu bieten: Die jungen Blättchen schmecken im Frühjahr mit ihrem frisch-nussigen Aroma ausgezeichnet als Salat. Aus den getrockneten, klein geschnittenen und gerösteten Wurzeln lässt sich ein malziger Kaffeeersatz herstellen, die Knospen werden eingelegt zu würzigen Kapern – und die gelben Blüten ergeben mit Zucker gekocht einen wunderbareren Honig.
Und dennoch, trotz all dieser erstaunlichen Fähigkeiten ist unsere Wunderpflanze in der Lage, vernünftige Menschen in den Wahnsinn zu treiben, die sich mit Unkrautstechern, Flammenwerfern und Giftspritzen bewaffnen, um sie auszurotten. Freuen wir uns doch lieber, wenn sich die grünen Spitzen im Frühling aus der Erde schieben und uns mit ihren kräftigenden, gesunden Bitterstoffen versorgen. Hoch lebe der Löwenzahn!
Schließen wir uns doch Joachim Ringelnatz an, der diesem Kräutlein ein würdiges Denkmal gesetzt hat in seinem Gedicht
Schwebende Zukunft
Da schickt der Löwenzahn seinen Samen fort in die Luft.
Der ist so leicht wie Duft
und sinnreich rund umgeben von Faserstrahlen,
zart wie Spinnweben…
Flöge doch unser aller Zukunftsdenken so frei aus und so zart.
Text: Ute Studer
Fotos: Wildbienen auf Löwenzahn (2x), Rasengittersteine mit Löwenzahn: Staudengärtnerei Gaißmayer
Quelle Wikimedia Commons: Löwenzahn (Taraxacum officinale) ©George Chernilevsky
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Common_dandelion_2021_G1.jpg
Quelle Wikimedia Commons: Löwenzahn Entwicklungsstadium ©NoRud
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:L%C3%B6wenzahn_Entwicklungsstadium_(Taraxacum_sect._Ruderalia).JPG
Quelle Wikimedia Commons: Blühender Löwenzahn, Haselbach ©Rosa-Maria Rinkl
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bl%C3%BChender_L%C3%B6wenzahn,_Haselbach.jpg
Quelle Wikimedia Commons: Löwenzahn Blüte (Taraxacum officinale) ©Dominicus Johannes Bergsma
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paardenbloem_(Taraxacum_officinale)_06.JPG
Quelle Wikimedia Commons: Eine vom Wind zerzauste Pusteblume (Taraxacum), Tennessee, USA. ©David Ratledge
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dandelion_(Taraxacum)_Clock_-_Tennessee,_USA_-_May_31,_2014.jpg