Seidelbast oder Kellerhals?
Ein Beitrag von Christian SeiffertLang ist‘s her, da bekam ich einen Seidelbast geschenkt. Eine Kostbarkeit – umso schlimmer war es also, dass er nach zwei Jahren einging. Aber welch Wunder, der Seidelbast hatte seine Art durch Samen erhalten, d. h. durch einen einzelnen Samen, der genau an der richtigen Stelle keimte. Der kleine Busch steht im Halbschatten unter einem Haselbaum.
Einmal ging ich mit Professor Richard Hansen in Freising durch neue Gartenanlagen der Hochschule. Da geriet Hansen in Zorn. Hatte man doch in die Neuanlage einen Seidelbast gepflanzt, in die volle Sonne! Seidelbast ist eine Pflanze für den reifen Garten, einen Garten also, der in seiner Entwicklung abgeschlossen ist. Seidelbast gehört unter Gehölze. So Hansen.
Hier in der oberbayerischen Endmoränen-Landschaft kommt dieser Vorfrühlingsblüher wild vor. Oder kam er wild vor? Schon sehr lange habe ich keinen mehr gefunden. Holzwirtschaft im Wald, Bäume fällen, Holz rücken überlebt dieser Busch nur, wenn er Glück hat. Er reagiert empfindlich auf Verletzungen. Deshalb soll man ihn auch nicht schneiden. Und er wächst sehr langsam. Das alles sind Eigenschaften, die ihm im Wirtschaftswald das Leben schwer machen. Dass das geschenkte Sträuchlein nur zwei Jahre überlebte, mag an Wurzelverletzungen gelegen haben, die er auch nicht verträgt. Die Wurzel ist wenig verzweigt und tiefreichend. Der freundliche schenkende Gartenliebhaber hatte ihn als Sämling ausgegraben.
Nun freuen wir uns über den blühenden Strauch, der jedes Jahr ein bisschen zulegt. Und er duftet köstlich zu bestimmten Stunden – und in der richtigen Luftströmung auch weittragend. Ab Juli trägt er rote Früchte, hochgiftige Steinfrüchte. Deren Fruchtfleisch wird von Amseln unbeschadet verdaut, während sie angeblich die Kerne ausspeien. Wie auch immer, Amseln tragen zur Verbreitung der Seidelbaste bei, vermutlich aber auch andere Vogelarten.
Böse Erfahrungen haben die Alten mit den Früchten gemacht. Nachdrücklich weist ein Pflanzenname darauf hin. »Kellerhals«, ein hässlicher aber zutreffender Name, kommt vom mittelhochdeutschen kellen für Quälen, Wehtun. Heftige Reizungen und Schluckbeschwerden warnen bereits auf der Zunge vor Schlimmerem. Das Wort »Seidelbast« hat einen erheblichen sprachlichen und inhaltlichen Wandel durchlaufen. Im Althochdeutschen hatte zilinta die Bedeutung von sehr früher Blüte, im Mittelhochdeutschen hat der Volksmund zilinta in zidel verändert und umgedeutet. Der Seidelbast wurde zur Imkerpflanze, aus zidler wurde Zeidler, und das waren die Bienenzüchter. Aus Zeidler entstand schließlich Seidel. So, sehr vereinfacht, die komplizierte Erklärung aus dem Marzell-Pflanzennamen-Wörterbuch. Natürlich hat die Pflanze auch einen wissenschaftlichen Namen: Daphne mezereum. Daphne, eine Nymphe der griechischen Sagenwelt, wurde in einen Lorbeerbusch verwandelt. Wegen einer gewissen Ähnlichkeit erhielt auch der Seidelbast bei den Griechen den Namen Daphne. Linné machte schließlich den Namen amtlich. Mezereum kommt über das lateinische mezereon aus dem Arabischen und war immer Seidelbast.
Übrigens ist er ein Wildling, mein kleiner Busch, so wie er im Walde vorkommt. Wer etwas üppigere, kräftiger blühende Seidelbaste möchte, sie sind in Baumschulen zu bekommen.
Text und Fotos: Christian Seiffert