Raum ist selbst im kleinsten Garten

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»Ich habe doch nur einen kleinen Reihenhausgarten, darin kann ich außer Rasen säen gar nichts machen!« Diesen frustrierten Ausruf höre ich oft von Besitzern so genannter »Handtuchgärten«. Aber so einen Garten besitze auch ich – und habe ihn im Lauf der Jahre sehr vielfältig gestaltet. Gedanklich und in meiner Fantasie hatte ich mich schon viel früher mit diesem Thema befasst.

Gegen Ende der 1970er Jahre wohnte ich mit meiner Frau und unserem damals noch kleinem Sohn in einer Souterrainwohnung in Essen-Bredeney, einem Nobelviertel, in dem die Bosse der Industriekonzerne des Ruhrgebiets leben. Weil wir uns gegenüber unserem Vermieter zu ein paar Diensten verpflichtet hatten, durften wir in seinem Haus zu einem verbilligten Mietpreis wohnen.

Anregung durch Trostlosigkeit

Vorgarten in Essen

Die Straße, in der wir wohnten, sah trostlos aus, die Vorgärten bestanden fast nur aus kurz geschorenem Rasen und einer Blauzeder. Beim Anblick dieser Rasen-Vorgärten ließ ich meine Fantasie spielen, indem ich mir vorstellte, was ich wohl alles aus diesen kleinen Flächen machen würde, wenn sie mir gehörten.

Ein ehemaliger Pfarrgarten

Garten von Wolfram Franke in Bühl

Danach zogen wir in einen Vorort von Offenburg. Zunächst hatten wir nur einen Balkon, konnten dann aber im Nachbardorf Bühl den ehemaligen Pfarrgarten hinter der Kirche pachten. Der hatte eine Fläche von 800 Quadratmetern mit alten Apfel- und Birnbäumen, ein Kiwi- und ein Weinspalier. Dort konnte ich mich nach Herzenslust gärtnerisch austoben.

Verkleinerung

Hausgarten von Wolfram Franke 1989

1989 kam der Ruf von kraut&rüben, es ging also beruflich nach München. Wir mieteten ein Reihenhaus nahe München – mit einem Reihenhausgarten. 115 Quadratmeter, bestückt im Wesentlichen mit Rasen. Da wir Haus und Garten nur mieteten und noch nicht wussten, ob wir dort für längere Zeit bleiben würden, gestaltete ich den Garten so, dass ich ihn im Fall unseres Auszugs wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurück versetzen könnte, falls die Vermieterin dies verlangen würde. Ich legte einen kleinen Teich an, mit dessen Aushub ich fünf sechseckige Hochbeete füllte. Die Oberfläche dieser Beete modellierte ich nach dem Vorbild der Kraterbeete des Siegener Lehrers Ulrich Kowalewski. Aufgrund ihrer sechseckigen Form nannte ich sie Wabenbeete. Darauf pflanzte ich Mischkulturen in runder Anordnung an. Außerdem baute ich einen Frühbeetkasten.

Endlich unser Eigentum

Diptam, Fingerhut und Spornblume

Gegen Ende 1994 konnten wir das Haus und den Garten kaufen. Nun waren meinem Gestaltungsdrang keine Grenzen mehr gesetzt. Zu meinen langjährigen Träumen gehörte ein Gewächshaus. Es sollte ein Erdgewächshaus sein. Doch die Lichtverhältnisse waren durch den Schattenwurf meines Hauses und der Nachbarhäuser sowie der Gehölze der Nachbarn nicht gerade günstig. Ich fand einen Platz im hinteren Teil des Gartens mit dem bestmöglichen Sonnenlichtgenuss, an dem sich das Gewächshaus auch gestalterisch am besten einfügen ließ. Als Vorbild dienten mir die Vermehrungsgewächshäuser alter Gärtnereien, deren Sockelmauern tief in den Boden reichten und deren Glasdach dicht über dem Boden endete.

Gewächshaus Marke Eigenbau

Da von der Westseite durch den Schattenwurf einen Wohnblocks hinter dem und auch von  der Nordseite nicht viel Sonnenlicht zu erwarten war, richtete ich die um 67° geneigte Glasfront nach Osten und Süden aus. Die West- und die Nordwand errichtete ich aus Ziegelsteinen, die die Sonnenwärme speichern sollten. Auf eine Heizung habe ich verzichtet.

Die Fensterrahmen fertigte ich selbst und seetzte alte Glasscheiben ein, die ich aus meinem Bühler Garten mitgebracht hatte. Mit der Errichtung des Dachs hatte ich mir eine knifflige Aufgabe gestellt. Nach langen Versuchen erhielt es schließlich die Form der geöffneten Flügel eines Schmetterlings. Es besteht aus einer Bretterschalung, in die ich zwei alte Fenster aus meinem Elternhaus einbaute. Dann legte ich eine Folie ich über das Dach und begrünte es.

Sanierung mit Stahlblech

Leider machten sich im Laufe der Jahre Fäulnisschäden in der Bretterschalung bemerkbar. Mir war es nicht gelungen, sie an den Dachfenstern mit Folie richtig abzudichten. So drang Feuchtigkeit zwischen Folie und Bretter ein. Nach zehn Jahren riss ich das Ganze bis auf die Mauern wieder ab und ließ von einer Metallbaufirma ein neues Gewächshaus – nach dem Vorbild meiner alten Konstruktion – errichten.

Darin kann ich erfolgreich gärtnern: Im Frühjahr werden darin die Gemüsepflanzen für meinen Kreativgarten auf dem Reitsbergerhof herangezogen, im Sommer wachsen dort Gurken an gespannten Schnüren, und im Herbst räumen wir dort unsere Kübelpflanzen zur Überwinterung ein.

Hochbeet für Stauden

Die Erde habe ich auf einer Fläche von mehr als 3 x 3 Meter und einen Meter tief eigenhändig ausgehoben. Eine riesige Menge wertvolle Erde, die ich auf keinen Fall aus dem Garten schaffen wollte. Damit wurden Hochbeete angelegt, auf denen Stauden gedeihen und blühen sollten. Als Einfassung entschied ich mich für einen im Voralpenland vorkommenden Stein: Nagelfluh. Achteinhalb Tonnen dieser unregelmäßigen, sehr schweren und harten Steine brauchte ich für meine Hochbeete, eines 50, das andere 70 Zentimeter hoch. Es war eine Knochenarbeit, sie von der Garageneinfahrt durch die Gartenpforte an der Rückseite des Gartens zu karren und dann fachgerecht nach der Fugenregel aufzuschichten. Dann konnte endlich gepflanzt werden.

Unsere Stauden auf Augenhöhe

Frühsommerblüte im Garten von Wolfram Franke

Stauden, die man in der Regel von oben betrachtet, präsentieren sich hier durch die höher gelegten Beete in Augenhöhe. So erfreuen wir uns schon viele Jahre an unseren rund ums Jahr blühenden Garten. Unser Highlight ist in jedem Frühsommer der Diptam (Dictamnus albus), um den herum  weiße Spornblumen (Centhrantus ruber), Blausternbusch (Amsonia), Roter Mohn (Papaver orientale), Fingerhut (Digitalis purpurea) und noch manche anderen Stauden gruppieren. Auch eine 'Rose de Resht' blüht dort. Auf dem hinteren Beet erfreuen wir uns im Frühjahr am Salomonssiegel (Polygonatum biflorum), zu dessen Füßen Waldmeister (Galium odoratum) blüht – und bald auch das Tränende Herz (Dicentra spectablis). Im Hochsommer folgt die Staudenclematis (Clematis Tubolosa-Hybride 'Cassandra') deren schwerem Duft wir nicht entkommen. – Vor der Terrasse klettert die Rose 'Lemon Rambler', eine Züchtung von Schultheis, an einem Pfahl empor, auf dem ein Vogelhaus in Norwegerstil mit Gründach thront.

Zu ihren Füßen gedeihen Lavendel, Salbei, Thymian und weitere Kräuter. Vieles hat sich in den Jahren verändert, manche Stauden sind dazu gekommen, andere sind verschwunden oder wir haben sie reduziert. Der Garten ist auch heute noch im ständigen Wandel.

Mut zum Gestalten

Wohl niemand wird seinen Garten so gestalten wie ich, denn man kann ein Gartenkonzept nicht eins zu eins auf einen anderen Garten übertragen. Doch die einzelnen Komponenten lassen sich überall auf kleinstem Raum verwirklichen. Mit dem Beispiel unseres Gartens möchte ich allen Mut machen, ihr eigenes Paradies hinter dem Haus zu gestalten, auch wenn es noch so klein ist.

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Buchtipp:

Raum ist selbst im kleinsten Garten

Anleitung und Motivation
für 100 qm Stadtgarten
von Wolfram Franke

  • 128 Seiten, farbige Abbildungen
  • 17 x 24cm Hardcover
  • ISBN 978-3-947021-86-4;
  • Ökobuchverlag Rastede 2026
  • 19,90 €
Wolfram Franke
aus Vaterstetten Handfeste Gartenarbeit und Schreiben, sowohl mit grüner Tinte als auch mit dem Computer, gehören für Wolfram Franke zusammen. Seinen seit 1994 gewachsenen Kreativgarten in Vaterstetten hat er mit alten Baustoffen gestaltet.
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Text und Fotos: Wolfram Franke