Königskerzen –
ein Tummelplatz für Insekten

Text: Ute Studer
Fotos: Verbascum densiflorum mit Schwebfliege ©Ute Studer
Foto: Raupen des Königskerzen-Mönchs ©Doris Guarisco
Fotos: Gerlinde Sachs und Staudengärtnerei Gaißmayer

Die Königskerze

Eine schlanke Königskerze
Von dem Boden sproßt empor,
Um sie dreht in leichtem Scherze
Tanzend sich der Elfen Chor…

Friedrich Rückert 1788 – 1866

Ich liebe hohe Königskerzen und kann gar nicht genug davon im Garten haben. Schon im ersten Jahr wirken die dicht wollig mit grauen Haaren befilzten Blattrosetten von Verbascum densiflorum sehr attraktiv; aber wenn sich dann im zweiten Jahr aus der Pflanzenmitte ihr Blütenstand emporhebt, entfaltet sich ihr königlicher Charakter. Schlank und majestätisch wächst ihr Stängel bis 2 m hoch. An seinem oberen Ende öffnen sich ab Juni von unten nach oben die gelben Blüten.

Bei so einem Anblick kann ich mir gut vorstellen, dass Friedrich Rückert recht hat und die Elfen, vom Boden beginnend, immer weiter nach oben schwebend, die Königskerze scherzend umtanzen. Und wenn sie die noch geschlossenen Knospen an der Spitze erreichen, stimmen sie voller Übermut ihren glockenhellen Gesang an. Diese Vorstellung ist bezaubernd, aber auch ohne von der Anderswelt zu träumen, werden die majestätischen Königskerzen umtanzt und umschwirrt. Dicke brummende Hummeln bilden dabei den Bariton der Elfenmusik, während Pollen kauende Grashüpfer eher höhere Zirp-Töne anschlagen. Das feine Schwirren der verschiedenen Honig- und Wildbienen gibt vielerlei Zwischentöne und der Zickzackflug der Schwebfliegen schwingt den Taktstock. Alle sind ganz verrückt nach dem reichlich vorhandenen Pollen der Kerzenblüten. Ganz zart und elfengleich tönt der Flügelschlag der Schmetterlinge, die gerne auf den Blättern landen, die ihrem Raupennachwuchs später als Futter dienen werden. Die knallgrünen Raupen der Achateule und die bläulich-weissen, schwarz-gelb gefleckten Raupen des Königskerzen-Mönchs untermalen mit ihrem Raspelgeräuschen kaum hörbar den Elfenreigen. Die Raupen hinterlassen als Zeichen ihrer Anwesenheit markante Kotkugeln auf den Blättern. Noch zarter tönt das Nagen der Blatt- und Rüsselkäfer, die die Blätter ebenfalls zum Fressen gerne haben. Fast geräuschlos ist das Schaben der Wollbienen, die den haarigen Flausch der Blätter lieben. Wenn sie genug Pflanzenwolle mit ihren Mundwerkzeugen abgeschabt haben, formen sie die Haarwolle zu einer Kugel und transportieren diese in ihre Niströhre. Das sieht dann aus wie ein übermütig tanzendes Elfchen, an dem unten ein Wollpaket hängt.

Und selbst im Tod wird die Königskerze noch umschwärmt. In die Stängel nagen winzige, blauschillernde Keulhorn-Bienen ihre Nisthöhlen. Dabei meiden sie interessanterweise intakte Stängel und nehmen nur die schon abgeknickten. Vielleicht ahnen die schlauen Krabbeltierchen, dass die Stängel im Winter bei Sturm oder schwerer Schneelast eh abknicken und dann auf dem Boden verfaulen oder verpilzen?

Die Kleine Holzbiene, deren Flügel noch viel stärker blau schillern als bei ihrer grossen Schwester, der Blauschwarzen Holzbiene, löst dieses Problem noch raffinierter: sie greift zur Selbsthilfe. Sie bohrt etwa in Kniehöhe seitlich ein Loch in den Stängel und höhlt diesen dann nach oben hin aus, um ihre Niströhre anzulegen. Anschliessend nagt sie oberhalb des Nestes den Stängel ringsherum ab, bis er abfällt. Dann verschließt sie die obere Stängelöffnung mit einem Pfropfen des herausgenagten Marks. Abgebrochene, offene Stängel werden von der Dreizack-Mauerbiene mit Brutzellen bestückt. Da die Jungtiere beim Schlüpfen ein seitliches Loch in den Markstängel nagen, sehen die Stängel dann aus wie Flöten, auf denen wiederum die Elfen zarte Töne blasen können.

Während die verblühten Königskerzen absterben, geht das bunte Treiben im Königskerzen-Nachwuchs weiter, denn unter der flauschig weichen Blätter-Wolldecke der jungen Pflanzen suchen unzählige Wanzen, Käfer, Spinnen, Asseln und auch die Kokons der Schmetterlingspuppen Schutz vor Winterkälte. Und im Frühling künden zarte graufilzige Keimlinge die neue Generation der geliebten Königskerzen an, damit auch in Zukunft unzählige Tiere Nahrung, Wohnstatt und Unterschlupf finden.

Zu Recht wurde den Blumen, die dieses unendliche Schauspiel des bunten Lebens beherbergen, die Königswürde verliehen. Der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe schrieb einst in einem Brief an Charlotte von Stein: «Blumen sind die schönen Worte und Hieroglyphen der Natur, mit denen sie uns andeutet, wie lieb sie uns hat». Wie wunderbar, auch als Gärtnerin zurück geliebt zu werden!

Ute Studer
Ute Studer schreibt seit vielen Jahren für die Schweizer Gartenzeitschriften Bioterra und Der Gartenfreund und ist Autorin mehrerer Gartenbücher. Die Bücher mit ihren Kolumnen wurden schon 2mal mit dem Deutschen Gartenbuchpreis ausgezeichnet. Die Ideen...
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Text: Ute Studer
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Foto: Raupen des Königskerzen-Mönchs ©Doris Guarisco
Fotos: Gerlinde Sachs und Staudengärtnerei Gaißmayer