Gräser sind nichts für Naturgärten? Irrtum!

Angelika Traub (AT): Lieber Dieter, ich bin ein großer Gräser-Fan und finde, Gräser sind für die Gartengestaltung einfach unverzichtbar. Entsprechend begeistert lustwandele ich in den üppigen Gräser-Quartieren Eures Schaugartens, die besonders im Herbst zu großer Form auflaufen. Viele behalten ihre Statur und erfreuen den ganzen Winter hindurch mit ihrer Schönheit – wenn dann noch Raureif hinzukommt, sind das magische Bilder. Deshalb mache ich es wie ihr und schneide die »Standhaften« erst im zeitigen Frühling vor dem Neuaustrieb herunter. Mir fällt allerdings auf, dass man beim Herumspazieren in den Verkaufsquartieren der Gärtnerei nicht selten solche Sätze aufschnappt: »Gräser kaufe ich nicht, mein Garten soll naturnah sein, die haben doch überhaupt keinen Wert für Insekten«. Hm, denke ich dann, stimmt das wirklich? Und freuen sich im Winter nicht auch Vögel an den reifen Samen?? In der Natur gibt es in Pflanzengemeinschaften doch auch unendlich viele Gräser. Was sagst Du als Fachmann dazu?

 

Dieter Gaißmayer (DG): Das ist eine Frage, die mir gefällt, da kann ich endlich mal mit diesem weit verbreiteten dogmatischen »Entweder/Oder« aufräumen! Du hast völlig recht, Gräser sind, ganz gleich ob wild in der Natur vorkommend oder im Garten kultiviert, im Ökosystem wichtig und tatsächlich unter anderem auch für Insekten nützlich, obwohl sie ihnen weder Pollen noch Nektar bieten können.

AT: Das ist interessant, was haben sie denn Insekten stattdessen zu bieten?

DG: Na, zum Beispiel fressen viele Schmetterlingsraupen und Heuschrecken gerade bedrohter Arten gern Gräser. Die meisten denken, dass Brennnesseln ihre Leibspeise sind – das stimmt zwar für viele, ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Wo Gräser fehlen, sieht man kein Schachbrett, keinen Braunen Waldvogel oder Rostköpfigen Dickkopf fliegen – und auch das Große Heupferd wird in so einem Garten nicht herumhüpfen. Manche Grashüpfer-Arten fressen sogar ausschließlich Gräser, ohne sie können sie nicht überleben. Und gerade viele dieser »Grasliebhaber« sind vom Aussterben bedroht. Wir helfen ihnen also mit dem Pflanzen von Gräsern! Begehrt sind unter anderem die schönen Pfeifengräser (Molinia), Schwingel (Festuca) oder auch Kopfgräser (Sesleria), alles attraktive Arten, die den Garten auch gestalterisch bereichern.

AT: Das habe ich tatsächlich nicht gewusst!

 

DG: Aber das ist noch nicht alles. Einige Schmetterlinge, wie der hübsche kleine Argus-Bläuling, aber auch viele Grashüpfer, verbringen ihre Nachtruhe bevorzugt im Schutz von Gräserhorsten. Sie brauchen solche dichten, versteckten Rückzugsorte dringend, und es ist so ökologisch sinnvoll wie einfach, ihnen diese Unterstützung zu gewähren.

AT: So gesehen, pflanze ich Gräser jetzt noch lieber!

DG: Und noch etwas sollten wir nicht vergessen, wenn wir schon über Gräser und ihre vermeintliche ökologische Wertlosigkeit im Garten sprechen: In unserem Privatgarten kann ich jetzt an den Chinaschilfen eine Vielzahl begeisterter Vögel beobachten, die sich dort laben. Du müsstet einmal sehen, wie sie sich auf die Samenstände stürzen, es scheint die reinste Festtafel für sie zu sein! So hab auch ich einen Mehrfachnutzen (das lieben wir Schwaben ja ganz besonders) von den Gräsern, denn das Beobachten der putzmunteren Vogelschar wärmt mir das Herz.

AT: Hoffen wir, lieber Dieter, dass Deine Botschaft bei möglichst vielen Gärtnerinnen und Gärtnern ankommt!

 

Dieter Gaißmayer
Dieter Gaißmayer hat 40 Jahre die Geschicke der Staudengärtnerei gelenkt und die Verantwortung zum 1.1. 2020 vertrauensvoll an die junge Generation übergeben. Aber wer ihn kennt, der weiß – Ruhestand ist keine Option! Er freut sich, nun endlich...
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Text: Angelika Traub / Dieter Gaißmayer
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer