Gertrude Jekyll. Künstlerin, Gärtnerin, Handwerkerin.

Text und Fotos: Editha Weber
Foto: Bois des Moutiers, Normandie ©Johanna Regenhardt
Foto: Lindisfarne Castle and Garden ©Chris Gunns, Wikimedia commons: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6f/Lindisfarne_Castle_and_Garden_-_geograph.org.uk_-_918457.jpg
Foto: Portrait Gertrude Jekyll von William Nicholson (1872-1949), Wikimedia commons:https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/39/Gertrude_Jekyll_portrait.jpg
Fotos: Hestercombe, Great Plat ©Scott Zona from USA, Wikimedia commons: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hestercombe,_Great_Plat.jpg

Die Engländerin Gertrude Jekyll (1843–1932) gilt als die Grande Dame der Gartenkunst. Wie zeitlos schmücken ihre Kompositionen aus Wollziest und Lavendel, aus Scheinsalbei und Katzenminze manchen heutigen Garten – vielleicht ohne dass deren Besitzer je etwas von Gertrude Jekyll gehört haben. Viele der von Gertrude Jekyll bevorzugten Pflanzen sind leicht zu kultivieren, wie die violett blühende Katzenminze oder der anspruchslose Wollziest, dessen lilafarbige Blüten aus dem silberscheinenden Meer seiner üppigen, samtweichen Blätter herausragen. Zu ihren Lieblingspflanzen zählten gleichfalls die breitblättrigen Bergenien, die ihr Grab im englischen Ort Busbridge, unweit von ihrem einstigen Wohnort Munstead Wood, Grafschaft Surrey, schmücken.

Obwohl die Mehrzahl der von Jekyll entworfenen Gärten im Laufe des 20. Jahrhunderts überformt wurde, haben Gartenenthusiasten inzwischen einige Anlagen rekonstruiert. Sie zählen zu beliebten Gartenreisezielen, wie etwa die Hestercombe Gardens in der Grafschaft Somerset, der Manor House Garden in Upton Grey, Grafschaft Hampshire, Le Parc du Bois des Moutiers in der Normandie oder der Garten des Lindisfarne Castle, Northumberland. Ein Garten ist eben ein wandelbares Kunstwerk, das von der Natur und den jeweiligen Eigentümern verändert wird. Den Garten von Munstead Wood, ihrem einstigen Wohnort, besuchen jährlich unzählige Gartenbegeisterte. Trotz aller Verwandlungen bewahrte er etwas von der Meisterschaft seiner einstigen Schöpferin.


Gertrude Jekyll hatte Kunst studiert und bewunderte die Gemälde William M. Turners. So wie Turner mit Licht und Farben auf Leinwand malte, wollte sie in der Erde mit Pflanzen malen. Sie hatte großen Erfolg und galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eine Institution in Fragen der Gartengestaltung, eine »Königin der Blumenrabatten«. In Arbeitsgemeinschaft mit dem Architekten Edwin Lutyens erschuf sie für wohlhabende Auftraggeber Ensembles aus Haus und Garten, die eine Einheit aus Kunst und Natur bildeten. »A Lutyens house with a Jekyll garden« – das wurde um 1900 zu einem Must-have der gartenbegeisterten Briten. Das Duo Lutyens und Jekyll entwickelte eine ländliche Architektur mit dem dazugehörigen Garten. Anstelle der modischen Exoten erschufen einheimische wie winterharte Pflanzen und Sträucher in harmonischen Kombinationen rings um ein Haus eine stimmungsvolle Szenerie. Der Architekt und die Gärtnerin schöpften aus ihren Inspirationsquellen Natur und Geschichte, womit es ihnen gelang, die Landschaft zum Kunstwerk zu machen. Ihre gemeinschaftliche Arbeit stand exemplarisch für den Stil der Arts-and-Crafts-Bewegung, und so avancierten Lutyens und Jekyll zu deren Schlüsselfiguren. Dabei sollte das Kunstvolle als lebendiger Ausdruck der Würdigung und Wertschätzung des Lebens verstanden werden.

Gertrude Jekyll gestaltete lang gestreckte Blumenrabatten, in denen einjährige Blumen neben winterharten Stauden und Sträuchern mit vielgestaltigen Wuchs- und Blattformen zu originellen Farbkompositionen gefasst waren. Rundblättrige Bergenien bildeten einen Kontrast zu den schmal-lanzettlichen Blättern der Palmlilien. Üppig ergossen sich Blattranken und Blüten, und wohl als eine der Ersten ließ Gertrude Jekyll Rosen frei rankend in kleine Bäume oder Hecken klettern. Angesichts der Fülle fühlten sich manche Besucher an niederländische Blumenstillleben erinnert. Wobei diese Wirkung durch eine bescheidene Zurückhaltung in anderen Bereichen noch gesteigert wurde. Was Gertrude Jekyll erschuf, war in Farbe, Laubfärbung, Textur und Proportion stets harmonisch aufeinander abgestimmt. Vergleichbar den Farbverläufen eines Aquarells: »Stets ist es mein Bestreben«, betonte sie, »ein schönes Bild zu schaffen.« Das koordinierte Gesamtbild einzelner Gartenräume, die miteinander verbunden waren und ineinander übergingen, war ihr künstlerischer Ausdruck.

 

Die von Jekyll getroffene Auswahl an Pflanzen entsprach vollkommen den Vorstellungen der Arts-and-Crafts-Bewegung. Deren Anhänger favorisierten das Ideal der einstigen bescheidenen Hausgärten mit ihren altmodischen Pflanzen, wie Mohnblumen, Stockrosen, Fingerhut, Malven, Gänseblümchen, Lavendel, Rosen, Lupinen, Sonnenblumen, Maiglöckchen, Phlox, Nelken oder Rittersporn. Viele dieser Pflanzen inspirierten den britischen Künstler William Morrison zum Design für Textilien und Wanddekorationen aus edlen Materialien. Sie brachten die Natur in die Häuser und verleihen dem britischen Innendekor bis heute einen unnachahmlichen floralen Stil. Dieser populäre Hausschmuck verbreitete im späten 19. Jahrhundert eine romantisch-nostalgische Sehnsucht nach malerischen Cottages mit rosenumwachsenen Hauseingängen und von Stockrosen gesäumten Wegen. Auf dergleichen rustikale Wohnstätten hatte man wenige Jahrzehnte zuvor noch mit Skepsis als Horte von Unordnung und mangelnder Hygiene geblickt. Im Kontrast zu den stetig wachsenden Städten mit Lärm, Verkehr, Schmutz und Elendsquartieren wandelten sie sich nun zu begehrten Objekten für den Wochenendaufenthalt auf dem Lande. Für die aufstrebende, wohlhabende Mittelklasse, die es sich leisten konnte, auf dem Lande zu bauen, zählte der Garten zum Prestigeobjekt und zu einer Erweiterung des Hauses, der Reichtum und Kunstgeschmack präsentierte.

Das Typische an der Gestaltungsidee von Gertrude Jekyll ist, dass sie jedem Gartenbereich einer Jahreszeit oder bestimmten Pflanzen zuordnete. Auf diese Weise hatte jeder Bereich einen saisonalen effektvollen Auftritt: »Ich träume immer davon, für besondere Jahreszeiten herrliche Gärten zu haben, in denen eine einfach zu kultivierende Blume vorherrschen sollte; aber für den Juni mit seiner Blütenfülle gäbe es mehrere besondere Gärten.« Da könne es »einen Iris-Garten und einen Paeonien-Garten und einen Frührosen-Garten und einen Garten für Mohnblumen nebst halb-waldartigen Gärten für Azaleen und Rhododendren« geben. Für Anfang Juni hegte sie einen besonderen »Gartenwunsch«, der ihr sehr am Herzen liege, nämlich »eine schöne Bepflanzung mit Brier-Rosen«.

In ihrem Garten in Munstead Wood gelang es Jekyll im Laufe der Jahre zahlreiche neue Sorten vieler verschiedener Pflanzen zu züchten, von denen einige von der Royal Horticultural Society ausgezeichnet wurden. Der größte Teil ist derweil längst wieder verschwunden. Nach wie vor befindet sich aber der Lavendel der Sorte Lavandula angustifolia 'Munstead' aus der Zeit um 1916 in Kultur, wird von zahlreichen Gärtnereien verkauft und zählt inzwischen zu den Klassikern im Lavendel-Sortiment. Ebenso ist die weiße Akelei aus ihrer Züchtung namens Aquilegia 'Munstead White' bis heute weit verbreitet.

 

Die harmonische Vereinigung von architektonischen und gartenkünstlerischen Ideen in ihrem eigenen Garten in Munstead Wood wurde zur Grundlage für die Bepflanzungspläne, die Gertrude Jekyll für zahlreiche Geschäftsleute, Bankiers, Politiker und Verleger entwickelte. Einige Gartenliebhaber waren jedoch der Ansicht, die raffinierten Arrangements ihrer nachfolgenden Arbeiten stünden im Kontrast zur natürlichen Unbefangenheit dieses ersten großen Wurfs der Gärtnerin. Munstead Wood war und ist für manche schlicht ihr Meisterwerk. Ganz im Sinne von Gertrude Jekylls Ausspruch: »Kein exotisches Blumenarrangement wirkt so überzeugend wie ein Strauß, den man leicht in der Hand hält, wenn man Blumen für Blumen schneidet.«

Die Anzahl der Gärten, die Gertrude Jekyll im Laufe ihres Lebens entworfen hat, wird von Fachkundigen auf etwa vierhundert geschätzt. Anzumerken ist, dass oft schriftliche Quellen oder Entwürfe fehlen und manchmal nur Namen oder Adressen in ihren Arbeitsbüchern vermerkt sind. Dementsprechend lässt sich die exakte Zahl nicht mehr feststellen. Die Quellen, die in der Universität in Berkeley archiviert sind, dokumentieren zweihundertfünfzig Projekte, während Jekylls Neffe Francis Jekyll dreihundertvierzig auflistet. Zahlreiche Gärten sah Gertrude Jekyll weder bevor ihre Arbeit begann noch nachdem die Anlage fertiggestellt war. Durch die intensive Korrespondenz mit den Eigentümern der Anwesen erhielt sie Informationen über das Grundstück, die Lage und den Boden, zuweilen ließ sie sich Bodenproben zusenden. Jekyll arbeitete nicht nur mit Edwin Lutyens zusammen, sondern mit einer ganzen Reihe von angesehenen Architekten.

Gertrude Jekyll veränderte Englands Gärten wie einst der Landschaftsgestalter Capability Brown. Wie die von Brown geformten Landschaften die Eleganz des 18. Jahrhunderts spiegeln, versinnbildlichen Gertrude Jekylls Farbsinfonien die Gartenlust am Beginn der Moderne. Zugleich bezeichnete sich die Gärtnerin selbst als Amateurin. Durch Probieren, Experimentieren, Sich-Zeit-nehmen-Können habe sie in Munstead Wood eine Verschmelzung ihrer spezifischen künstlerischen Auffassung von Farbe und Licht fertigen können. Wobei sie sich das »Zeit-Nehmen« wohl auch erst aneignen musste, meinte sie doch: »Ein Garten ist ein wunderbarer Lehrer. Er lehrt Geduld und die Gabe zu warten, er lehrt Fleiß und Sparsamkeit, aber vor allem lehrt er grenzenloses Vertrauen.«

Am 8. Dezember 1932, knapp zwei Wochen nach ihrem 89. Geburtstag, war Gertrude Jekyll friedlich in ihrem Haus in Munstead Wood eingeschlafen. Edwin Lutyens gestaltete für seine geschätzte Freundin ein Grabmal, das mit jenen ausdrucksstarken Worten an sie erinnern sollte: Künstlerin, Gärtnerin, Handwerkerin.

 


Text und Fotos: Editha Weber
Foto: Bois des Moutiers, Normandie ©Johanna Regenhardt
Foto: Lindisfarne Castle and Garden ©Chris Gunns, Wikimedia commons: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6f/Lindisfarne_Castle_and_Garden_-_geograph.org.uk_-_918457.jpg
Foto: Portrait Gertrude Jekyll von William Nicholson (1872-1949), Wikimedia commons:https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/39/Gertrude_Jekyll_portrait.jpg
Fotos: Hestercombe, Great Plat ©Scott Zona from USA, Wikimedia commons: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hestercombe,_Great_Plat.jpg