Ellen Willmott – elegant, extravagant, exzentrisch

Text: Editha Weber
Foto Miss Ellen Willmott: Quelle: Wikimedia Commons: Fotografie von Ellen Willmott (1858-1934), ca. 1900, unbekannter Fotograf: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Miss_Ellen_Willmott.jpg
Foto: Garten von Ellen Willmott: Quelle: Wikimedia Commons: Watercolour of Ellen Willmott's garden in Warley - title=Warley Place (circa 1906) Alfred Parsons R.A: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ellen_Willmott's_garden.jpg
Fotos Eryngium giganteum: Staudengärtnerei Gaißmayer

Die Gartenkunst hat eine weit in die Vergangenheit zurückreichende Tradition und so haben viele, sehr viele Menschen im Garten gearbeitet und Spuren hinterlassen. Unsere heutigen Gärten wären kaum das, was sie sind, ohne Frauen und Männer mit Fantasie, Ehrgeiz und Beharrlichkeit, die die grüne Kraft der Natur gefühlt und geliebt haben. Wenn auch viele namenlos geblieben sind, werden andere bis heute geschätzt, wie etwa die große Gartenkünstlerin Gertrude Jekyll und ihr einstiger Mentor William Robinson. Beschäftigt man sich damit, wie beide die Gartenkunst inspiriert und verändert haben, darf eine dritte im Bunde nicht fehlen, die Gärtnerin, Botanikerin und Züchterin Ellen Willmott (1858–1934).

Ellen Willmott war mit Jekyll und Robinson eng befreundet und hatte großen Anteil an der Entwicklung des naturalistischen Gartens am Beginn der Moderne. Ellen Willmott und Gertrude Jekyll waren einander eng verbunden. Sie sprachen sich mit »My dear Miss Jekyll« und »My dear Miss Willmott« an – worin ihre innige freundschaftliche Zuneigung und Achtung ihren höchsten Ausdruck erfuhr. Jekyll nannte Willmott gar »die größte der lebenden Gärtnerinnen«. Wiederholt besuchte Ellen Willmott Gertrude Jekyll in ihrem privaten Refugium Munstead Wood in der Grafschaft Surrey.

Beide waren im Übrigen die einzigen Frauen von insgesamt sechzig Erwählten, denen für ihre außerordentlichen Leistungen in der Gartenkunst 1897 von der Royal Horticultural Society (RHS) die Victoria Medal of Honor verliehen wurde. Dass Ellen Willmott zur feierlichen Ehrung nicht anreiste, ist nur einer der Umstände, die ihre Persönlichkeit für die Nachwelt so unnahbar und geheimnisvoll erscheinen lassen.

Bei genauer Betrachtung erweist sich Ellen Willmott als eine der spannendsten und vielleicht der widersprüchlichsten Persönlichkeiten der Gartenkultur aus der Zeit des frühen 20. Jahrhunderts. Zumal noch Jahrzehnte nach ihrem Tod bizarre Gerüchte durch die gärtnernde Gemeinschaft geistern. So heißt es, Ellen Willmott sei eingebildet, ja herablassend gewesen, habe ungern und höchst selten Pflanzen abgegeben oder getauscht und in ihrer Handtasche stets einen geladenen Revolver mit sich geführt. Beim Spazieren durch anderer Leute Gärten hätte sie Samen der invasiven Elfenbeindistel aus ihrer Rocktasche fallen lassen, sodass deren Sämlinge die Eigentümer auf unerfreuliche Weise an Miss Willmott erinnerten. So avancierte sie zur Namengeberin von Eryngium giganteum 'Miss Willmott’s Ghost', der Elfenbeindistel, die sich übrigens ganz zauberhaft im Sonnenbeet mit Gräsern und Yucca macht – was ich im letzten Sommer im eigenen Garten feststellen konnte.

Willmotts Biografin Sandra Lawrence hat nach ausgiebiger Recherche und im Selbstversuch mit Distelsamen mit diesem Mythos aufgeräumt. Sie fand heraus, dass die Geschichte mit den Distelsamen erst 1980 aufgetaucht sei, aber, so Lawrence, vielleicht »eine wirklich gute Metapher für eine stachelige Persönlichkeit« gewesen wäre. Schließlich übernahm einer vom anderen die Darstellung, bis niemand mehr den Wahrheitsgehalt infrage gestellt habe.

Wer war nun Ellen Willmott? Als älteste Tochter des finanzkräftigen Rechtsanwaltes Frederick Willmott und seiner wohlhabenden Frau Ellen wurde sie am 19. August 1858 geboren. Sie war hochmusikalisch und erbte die leidenschaftliche Liebe zur Natur sowie die Freude an der Gartengestaltung von ihrer Mutter.

Von klein auf verfügte Willmott über ein großes Vermögen. Was sie liebte, kaufte sie. Neben vielerlei schönen Dingen besaß sie letztlich drei Gärten: Warley Place in England, Tresserve nahe Aix-Le-Bains in Südfrankreich und Villa Boccanegra nahe Ventimiglia in Italien. Wie groß ihre Leidenschaft war, belegen diese Worte auf das beste: »Meine Gärten sind mir das Wichtigste überhaupt und meine gesamte Zeit widme ich der Arbeit in dem einen oder anderen von ihnen, und wenn das Licht nicht mehr ausreicht, um die Pflanzen zu sehen, lese oder schreibe ich über sie.«

Offensichtlich brauchte sie diese Gärten, um über ein möglichst breites Spektrum an klimatischen Bedingungen und somit eine große Pflanzenvielfalt zu verfügen. Zu Hoch-Zeiten beschäftigte sie mehr als einhundert Gärtner, die eine von ihr selbst entworfene Uniform trugen.

Wie gründlich sie als Gestalterin und Botanikerin arbeitete, dokumentierte bereits ihr Alpengarten, den sie als Vierundzwanzigjährige angelegt hatte. Er war einer der ersten dieser Art und mit Sorgfalt geplant und ausgeführt. Mühlsteine und Felsbrocken wurden so modelliert, dass ein wahrhaft alpines Gelände mit Teichen, Schluchten, Bachlauf und Brücken entstand. Bepflanzt war das Gelände mit seltenen und schwer zu züchtenden Kostbarkeiten aus Neuseeland, den Anden, Grönland, Kaschmir, Kalifornien, den Kordilleren und Tibet. William Robinson war fasziniert von den Effekten und Farben.

Bereits 1894 wurde die junge Frau Mitglied in der Royal Horticultural Society und engagierte sich im Narzissenkomitee, bisher dominiert von Männern. In Folge erhielt sie vier Goldmedaillen für ihre Narzissen, die sie leidenschaftlich züchtete und sammelte, bis sie eine einzigartige Kollektion zusammengetragen hatte. Als William Robinson ihr Anwesen besuchte, war er überwältigt: »Ich habe noch nie etwas Schöneres […] gesehen als die grasbewachsenen Böschungen, die mit den kleineren und selteneren Narzissen in den Gärten von Warley Place bepflanzt sind.«

Ellen Willmott beteiligte sich finanziell auch an Pflanzenjagd-Expeditionen, etwa der von Ernest H. Wilson. Im Gegenzug erhielt sie Pflanzen und Saatgut, sodass sie ihre umfangreichen Sammlungen erweitern konnte. Über fünfzig, vielleicht auch mehr, Sorten wurden von Ellen Willmott oder nach ihr oder ihrem Garten Warley benannt. Viele sind bis heute erhältlich. Ihre eigenen Züchtungen benannte Willmott nach geliebten Menschen.

Da Willmott neben vielen anderen Pflanzen auch Rosen leidenschaftlich liebte, widmete sie ihnen ein Monumentalwerk mit dem Titel »The Genus Rosa« (1910–1914). Sie fotografierte und malte Rosen und in ihren drei Gärten blühten Rosen, wobei sie besonders historische Sorten schätzte.

Letztlich entwickelte sich das Buchprojekt zum Alptraum, da die Kosten explodierten und nur ein Bruchteil der Exemplare verkauft werden konnte. Die Wirkung des Werkes war somit relativ begrenzt und manchem erschien es, dass sich mit dem Misserfolg des Rosenbuches der Anfang vom Ende im Leben von Ellen Willmott ankündigte.

Ihre letzten Lebensjahre waren schwierig. Von ihrem Vermögen war nichts mehr übrig, sie war bankrott, ihre Gärten nicht mehr finanzierbar und nach ihrem Tod wurde, was sie besaß, in alle Winde zerstreut. Ellen Willmott verstarb in den frühen Morgenstunden des 27. September 1934 in Warley Place, wahrscheinlich an einem Herzinfarkt. Niemand war bei ihr.

Zwei Jahre nach ihrem Tod wurde sie zur Namensgeberin einer frühen Teehybride, der cremegelb bis rosafarbenen Rosa 'Ellen Willmott', einer einfachen Sorte mit auffälligen goldenen Staubgefäßen, wobei Laub und Stängel einen purpurnen Schein aufweisen. Diese Rose war eine der wenigen modernen Rosen, die Vita Sackville-West im Sissinghurst Castle Garden pflanzte. Sie muss ihr sehr gefallen haben, galt ihre Liebe doch den Alten Rosen, ganz wie sie einst Ellen Willmott favorisiert hatte.

Editha Weber
Editha Weber studierte Geschichte, Evangelische Theologie und Kulturgeschichte in Deutschland und Großbritannien. Sie wurde mit einer Arbeit über Englandreisen promoviert, arbeitete in der wissenschaftlichen Forschung und schrieb Bücher und Aufsätze...
Mehr lesen

Text: Editha Weber
Foto Miss Ellen Willmott: Quelle: Wikimedia Commons: Fotografie von Ellen Willmott (1858-1934), ca. 1900, unbekannter Fotograf: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Miss_Ellen_Willmott.jpg
Foto: Garten von Ellen Willmott: Quelle: Wikimedia Commons: Watercolour of Ellen Willmott's garden in Warley - title=Warley Place (circa 1906) Alfred Parsons R.A: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ellen_Willmott's_garden.jpg
Fotos Eryngium giganteum: Staudengärtnerei Gaißmayer