»Hätte Eva im Paradies einen Spaten gehabt…«
Elizabeth von Arnim (1866 – 1941)

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Was bin ich für eine glückliche Frau, dass ich in einem Garten lebe, mit Büchern, Kindern, Vögeln und Blumen und reichlich Muße, all das zu genießen.

Elizabeth von Arnim

Wie oft mag es wohl vorkommen, dass der Traum von einem Garten ein Leben so sehr verändern kann, dass aus einer zurückgezogen lebenden Ehefrau und Mutter eine Bestseller-Autorin wird, reich und berühmt, und deren Bücher selbst lange nach ihrem Tod für jede nachwachsende Generation neu aufgelegt werden. Gut, Jane Austen kann es nicht sein, sie war zu ihren Lebzeiten weder verheiratet noch Mutter und leider auch nicht reich und berühmt. Aber auf Elizabeth von Arnim, die von manchen Leserinnen oder Rezensenten als die »Jane Austen des 20. Jahrhunderts« bezeichnet wird, trifft das zweifelsohne zu.

Die so bezeichnete Schriftstellerin avancierte durch ihre autobiografisch inspirierten Romane aus der Zeit um 1900 zu einer Berühmtheit, die die große Gertrude Jekyll (1843-1932) zum Tee in Munstead Wood empfing und deren Bücher in den Regalen von Vita Sackville-West (1892–1962) standen, einer weiteren Garten-Ikone.

Bis heute bieten Elizabeth von Arnims Romane einen zeitlosen Lesegenuss. Ihr Erstlingswerk, der zum Klassiker wurde, trägt den Titel »Elizabeth und ihr Garten«, im englischen Original »Elizabeth and her German Garden«, verzaubert immer noch. Der Erfolg ihres Debüts überraschte die Verfasserin Mary Annette von Arnim ebenso wie ihren Londoner Verleger Macmillan und veränderte das Leben ihrer ganzen Familie. Der Erfolg beflügelte sie regelrecht – und bald nannten Familie, Freunde und sie selbst sich Elizabeth, wie ihre Heroine. Wobei unklar ist, wann sich die Autorin entschlossen hatte, ihre Romanfigur Elizabeth zu nennen. Jenen Namen, den sowohl ihre Mutter wie auch eine ihrer Töchter trug und der zugleich an die berühmte Dichterin Bettina von Arnim (1785–1859) erinnert, geborene Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Brentano. Offiziell bekundete sie ihre Autorschaft des Buches ihr ganzes Leben lang nicht.

Ihr erstes Buch erschien anonym im September 1898 in England – und war in kurzer Zeit vergriffen, sodass binnen kurzem einundzwanzig Neuauflagen herausgegeben wurden. Die Anonymität der Verfasserin geschah auf Wunsch ihres Mannes, im Roman wenig schmeichelhaft als »Man of Wrath«, in der deutschen Ausgabe als »der Grimmige«, dargestellt. Der preußische Graf hielt dies schlicht für nicht standesgemäß, wobei er nach anfänglichem Zögern seine Frau zum Schreiben ermutigt hat. 1891 heiratete die vierundzwanzigjährige Mary Annette Beauchamp den rund fünfzehn Jahre älteren Grafen und zog mit ihm nach Berlin. Die fremde Umgebung, die in rascher Folge geborenen Kinder und die weit weniger liebenswerte Natur des Ehemannes ließen in der jungen Frau eine Sehnsucht entstehen, die zum Katalysator der Veränderung werden sollte.

Als die Gräfin während eines Ausflugs im März 1896 nach Nassenheide, dem Familiengut der Arnims in Pommern, die Schönheit des Landlebens entdeckte, bewegte sie ihren Mann zum Umzug. Knapp zwanzig Kilometer nordwestlich von Stettin gelegen, war es mit der Kutsche nicht weit bis zum Haff und zur Ostsee. Nun begann ein neues Leben mit der Gestaltung von Haus und Garten, wobei ihr insbesondere der Garten Freiheiten und Möglichkeiten eröffnete, die ihre Fantasie und Kreativität anregten. Während ihr Mann mit der Bewirtschaftung des Gutes beschäftigt war und agrarreformerische Versuche etwa im Anbau von Kartoffeln unternahm, entwarf sie schreibend einen Garten, dessen reales Pendant wohl kaum dem literarischen entsprochen haben dürfte. In ihrem ersten Sommer auf dem Gut säte und pflanzte die nun Dreißigjährige voller Enthusiasmus, dabei war sie gänzlich unerfahren und hatte auch nur durch wenig erfahrene Gärtner und Gartenhilfen Unterstützung. Diese zeigten sich mürrisch und irritiert, wenn sie ihnen ihre aus Büchern gewonnenen Gartenideen laut vorlesend zur praktischen Umsetzung antrug.

Einer der im Garten arbeitenden Männer verlor darüber schlichtweg die Sinne, rannte mit einem Revolver durch den Garten und wurde letztlich in eine Anstalt eingewiesen. Preußisch gradlinige Beete mit »Pflanzen wie Soldaten« arrangiert, in farbsymphonische Kompositionen zu verwandeln, war anspruchsvoll – und augenscheinlich gefährlich. Erst mit dem finanziellen Erfolg konnte sich die Gräfin einen gelernten Gärtner leisten.

Im Mai 1897, dem zweiten Sommer auf dem Gut, notierte die Gräfin in ihr Tagebuch: »Begann 'In a German Garden' zu schreiben.« Im darauffolgenden März brachte sie das Manuskript höchstselbst zum Postamt und hielt schon nach wenigen Wochen die Zusage des Londoner Verlegers in Händen. War die junge Gärtnerin auch kaum so versiert, wie der Text suggerierte, so entpuppte sie sich schreibend als Naturtalent, das den Nerv der Zeit getroffen hatte.

Wie die Verfasserin, ist auch die Hauptfigur Elizabeth eine Dame der besseren Gesellschaft, verheiratet und Mutter von bisher drei Töchtern, die nach ihren Geburtsmonaten als April-, Mai- und Juni-Kind erscheinen. Elizabeth lässt das verfallene Landgut der Familie renovieren und beginnt, um das Herrenhaus herum einen Garten anzulegen. Um die Renovierungsarbeiten zu beaufsichtigen, verbringt sie eine Zeit »alleine« vor Ort, also ohne Familie und mit wenig Personal auf dem Landsitz - und begegnet dabei einem verlorenen Paradies.

Sie lebt auf »in einer Welt von Löwenzahn und eitel Wonne«, begnügt sich mit Salat und Schwarzbrot und bewundert die Blütenpracht des Flieders, den ein Vorbesitzer pflanzen ließ, »ganze Heerscharen Flieder«, wie sie betont. Sie erfreut sich an den blühenden Akazien und bekennt »selig und dankbar«, als vier große Büsche blasser silberrötlicher Pfingstrosen unter den Südfenstern aufblühen: »Meine Tage schienen in einem Traum rosaroten und purpurnen Friedens dahin zu schmelzen«. Fern von allen gesellschaftlichen und familiären Verpflichtungen entdeckt die Romanheldin die Schönheit der Natur, fühlt zu dieser eine tiefe Verbundenheit und findet zu sich selbst. Während sie den verwilderten Garten durchstreift, wird ihr die Künstlichkeit ihres bisherigen Lebens immer bewusster. »Ich muss staunen, wenn ich zurückdenke, und ich kann mir überhaupt nicht erklären, warum ich so spät erst entdeckte, dass hier in diesem entlegenen Winkel mein himmlisches Königreich lag.« Diese Erfahrung wird zur Zäsur ihres Lebens: »Werde ich diesen Tag jemals vergessen? Es war der Anfang meines wahren Lebens, sozusagen mein Mündigwerden und der Eintritt in mein Königreich.«

Mit dem Anlegen des Gartens verändert sich Elizabeths Leben, wird individueller und weitaus weniger reglementiert. Die konventionellen Regeln ihres bisherigen Lebens werden ihr bewusster, und sie beginnt, sich ihnen zu entziehen. Eine kunstvoll arrangierte Sorglosigkeit bestimmt die Ordnung der Beete mit Kulturpflanzen und Wildblumen, die die Lebensfreude der Protagonistin spiegeln.

Schließlich, eines schönen Sonntagmittags im April, schleicht sie sich mit Spaten und Harke hinaus, um selbst die Erde aufzuwühlen und Prunkwinden zu säen. Erhitzt und schuldbewusst kehrt sie ins Haus zurück, ohne, dass jemand die entdeckt hatte, verschanzt sich hinter einem Buch, »gerade noch rechtzeitig, um meinen guten Ruf zu retten.« So weit, so gut, ein witziger Einfall oder eine Mutprobe? Warum darf eine Dame von Stand nicht im Garten arbeiten? Sie führt aus, es sei »nicht anmutig, und es macht einen heiß; aber es ist eine gesegnete Art von Arbeit, und hätte Eva im Paradies einen Spaten gehabt und etwas damit anfangen können, hätten wir nicht diese ganze traurige Geschichte mit dem Apfel.«

Elizabeths Drang, sich von den Beschränkungen zu befreien, die Frauen durch die Gesellschaft auferlegt wurden, lebt sie im Garten aus. Der erweist sich in den Darstellungen regelrecht als Bühne emanzipatorischen Verhaltens, als wenn dort ausprobiert würde, was nachfolgend in der Gesellschaft verändert werden sollte. Indem Elizabeth mit ironischer Distanz erzählt, ohne sich einer ideologischen Bewegung oder Frauenorganisation zuzuordnen, regt sie auf subtile Weise zum Nachdenken an.

Elizabeths naturnahe Gartenbilder unter Bäumen und in den Rabatten sind leuchtend farbenfroh, wandeln sich mit den Jahreszeiten und wirken von Gertrude Jekylls Farbschemen inspiriert, die sie gewiss aus deren Artikeln kannte. Im Jahr, als Elizabeth von Arnims zweiter Gartenroman erschien, veröffentlichte die damals sechsundfünfzigjährige Gertrude Jekyll ihr erstes Buch »Wood and Garden« (1899), das 1906 in deutscher Übersetzung erschien, gefolgt von »Home and Garden« (1900).

Der Traumgarten der Gräfin eröffnete eine schriftstellerische Karriere, die sich über ein halbes Jahrhundert mit einundzwanzig Büchern sowie Theaterstücken und Artikeln erstreckte, meist mit dem Vermerk: »von der Autorin von 'Elizabeth and her German Garden'«, teilweise unter Pseudonym. Die Gärten der Autorin, neben Pommern später auch in Südengland, der Schweiz und Südfrankreich gelegen, haben sich fast alle nicht bis in die heutige Zeit erhalten. Jener literarische Garten, den sie in ihren ersten beiden Büchern beschwor, grünt und blüht jedoch unaufhörlich und erfreut Garten- wie Lesebegeisterte.

 

Editha Weber
Editha Weber studierte Geschichte, Evangelische Theologie und Kulturgeschichte in Deutschland und Großbritannien. Sie wurde mit einer Arbeit über Englandreisen promoviert, arbeitete in der wissenschaftlichen Forschung und schrieb Bücher und Aufsätze...
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Text und Fotos: Editha Weber