Eine kleine Walnuss-Geschichte
Text und Fotos: Christian Seiffert
Foto Eichhörnchen: © Siegrid Tinz
Die Eichhörnchen werden es zu schätzen wissen: Wieder einmal verlassen wir Jamlitz, kurz bevor die Nüsse aufplatzen und reif sind. Termine, Termine! Dabei hatte ich die zwei Nussbäume vor dem Haus schon vor 25 Jahren aufgegeben, die Fällgenehmigung war erteilt worden, aber alte Erinnerungen und das Empfinden, noch lebende Bäume nicht fällen zu können, hielten mich bis heute davon ab. So leben sie noch und tragen in diesem Jahr sogar einige Nüsse. Der linke Baum ist hohl aber stabil wie ein Bambusrohr. Tiere schätzen ihn als Wohnung. Die Kleiber zogen dort schon häufig ihre Jungen auf, und Hornissen haben nach langer Zeit wieder einmal Einzug gehalten. Als wolle sie dem Baum etwas Schutz und Stütze geben, umschlingt ihn eine Kletterhortensie.
Zugegeben, der andere Baum sieht etwas manierlicher aus, aber das Schicksal, die Geschichte der beiden Bäume ist die gleiche – ja sie haben sogar dieselbe Mutter. Und wir können sogar noch weiter zurückgehen, denn sie haben auch dieselbe Großmutter. Die stand, so mein Großvater, in Altberlin vor dem Proviantamt. Eine aufgesammelte Nuss gelangte von dort nach Pankow, wurde nicht geknackt, sondern in den Boden gesteckt. Mein Großvater wuchs dort auf, und mit ihm wuchs ein stattlicher Nussbaum heran. Als Großvater um 1910 in Jamlitz ein Haus baute, wurden alsbald zwei »Pankower Nussbäume« großgezogen, die mittlerweile ein stattliches Alter von rund 115 Jahren haben. Ursprünglich standen sie dicht am Haus. Die Nüsse knallten zur Reifezeit auf ein Glasdach und mussten aus der Regenrinne geklaubt werden. Im April 1945, also in den letzten Kriegstagen, wurde das Haus durch eine Bombe zerstört. In der Feuersbrunst litten die Nussbäume erheblich, aber sie überlebten, wenn auch partiell amputiert.
Mit einem Alter von 115 Jahren nähern sich die Bäume allmählich der in der Literatur angegebenen Altersgrenze von 150 Jahren. Allerdings spricht der Gehölzspezialist Hans-Dieter Warda von 600 Jahren, was sicher nur für einzelne Bäume zutreffen dürfte. Und die Jamlitzer Nussbäume haben alles andere als optimale Lebensbedingungen. Für Nussbäume sind frische, kalk- und nährstoffreiche Lehmböden optimal, was im Jamlitzer Garten in keiner Hinsicht zutrifft. Hier müssen sich die Bäume mit einem ziemlich trockenen, kalkarmen Sandboden abfinden. Da Walnussbäume aber ein sehr tiefreichendes Wurzelwerk besitzen, werden sie dadurch ausreichend Nährstoffe und genug Wasser erhalten haben. Man hört oft, unter Walnussbäumen würde nichts wachsen, aber in Jamlitz gedeiht unter den beiden Bäumen eine recht vielseitige Vegetation: Verwilderter Salomonsiegel (Polygonatum odoratum), Elfenblumen (Epimedium), Knöterich (Fallopia sachalinensis) und leider auch die invasive Kanadische Goldrute (Solidago canadensis). Sind sie alle unempfindlich? Das Laub der Walnussbäume enthält verschiedene »unfreundliche« Stoffe, die pflanzenschädlich sind. Manche von ihnen gelangen bei Regen auf den Boden, andere durch das Falllaub, das sich dank seines Gerbsäuregehaltes und antibiotischer Stoffe sehr schwer zersetzt.
Im Oktober fällt das Laub. Dann breitet sich ein herber, würziger Geruch aus und weckt Erinnerungen: Die Teiche in der Umgebung wurden (und werden) abgelassen und abgefischt. Der fischige Modergeruch mischte sich mit Walnusslaubduft. Und wenn im Garten noch ein paar harzig-kräuterig duftende Chrysanthemen (Chrysanthemum indicum) blühten, waren die herbstlichen Nasenfreuden komplett.
Text und Fotos: Christian Seiffert
Foto Eichhörnchen: © Siegrid Tinz