Ein Geist in meinem Garten...

Text: Ute Studer
Foto: Pterophorus pentadactyla auf grüner Wiese ©Toni Kasiske
Foto: Pterophorus pentadactyla ©Ute Studer
Fotos: Ipomoea ©Staudengärtnerei Gaißmayer

Auf rosgem Reis
Ruht ein Schmetterling in weiss
Sommerallein
Wessen Geist mag es sein?

Aus dem Kleinen Schmetterlingsbuch Huebner & Schnack 1934

Eigentlich glaube ich nicht an Geister, doch es war wirklich ein kleiner Geist, genauer ein Geistchen, das mich zum Nachdenken über mein Verhältnis zu den Zaunwinden veranlasste. Als ich aus den Sommerferien zurückkehrte war sofort klar, was als Nächstes in meinem Garten zu tun ist: den wunderschönen blauen Prunkwinden Einhalt gebieten. Vor Jahren war ich so naiv, mich über die rankende Blütenpracht einfach zu freuen. Doch nun hatten die Blaublütigen selbst die Kletterrosen überrankt. Also ging ich daran, das wuchernde Lianen-Dickicht so zu dezimieren, dass die Überlebenschancen der anderen Pflanzen intakt blieben.

Als ich in der beginnenden Dämmerung die Clematis vom Würgegriff der Prunkwinde befreite, fiel mein Blick auf etwas weiss Schimmerndes, das in einem der violettblauen Blütentrichter sass. Ich kannte das zarte kleine Geschöpf, hatte es aber noch nie lebend gesehen: Es war ein Schlehen-Federgeistchen (Pterophorus pentadactyla), ein Schmetterling aus der Familie der Federmotten. Das tiefe Blau der Blüte bildete einen wunderbaren Kontrast zum pudrig weissen Körper mit seinen langen Fühlern, staksigen Beinen und schimmernden, fedrigen Flügeln. Fedrigen Flügeln? Genau, denn dieser kleine Falter hat nicht wie die meisten Schmetterlinge zwei Flügelpaare, sondern 24 kleine federartige Einzelflügel, die er beim Fliegen miteinander verhakt und beim Landen perfekt zu einem millimeterdünnen Strich zusammenfaltet. Diese so einmalige Erfindung, die wie Vogelfedern gebauten Hinterflügel in der Klapp-Tasche seiner mit Längsscharnieren versehenen Vorderflügel zu verstecken, gibt es nur beim Federgeistchen. Ich starrte auf das kleine geisterhafte Wesen. Kein Wunder, schon die alten Griechen hatten diesen Schmetterling als Totenseele verehrt, sie glaubten, dass er mit den Seelen ins Paradies schwebt. Ich traute mich kaum zu atmen, damit der kleine Falter nicht erschreckt davonfliegt und stand nur staunend da: ein seltenes Federgeistchen in meinem Garten!!!

Vor vielen Jahren hatte ich eine Abhandlung des Naturphilosophen Jürgen Dahl gelesen, in der er der Frage nachging, ob jedes Tier im Ökosystem zwangsläufig einen Nutzen hervorbringen muss, und er nahm als Beispiel das Federgeistchen. »Natürlich können die Raupen des Federgeistchens von Vögeln gefressen werden – aber wenn es das Federgeistchen nicht gäbe, würden die Vögel keineswegs verhungern. Und die Ackerwinde wird von den Raupen des Federgeistchens, die sich von ihr ernähren, nicht ernstlich in ihrer Ausbreitung gehemmt. Das heisst: Für die rechnerische Ökologie ist das Federgeistchen überflüssig bis dorthinaus« resümierte Dahl. Danach hatte ich viel über das Federgeistchen gelesen und fand es keineswegs überflüssig. Denn ich erfuhr, dass die Raupen sich auch von Zaunwinden ernähren. Insgeheim wünschte ich mir ganze Nester von Federgeistchen-Raupen, denn die Zaunwinden haben ihre weissen Wurzeln tief in die Herbstastern gegraben und benutzen sie würgend als Klettergerüst. Ein Gartenexperte hatte mir geraten, die Austriebe der Winden immer mit möglichst viel Wurzelmasse herauszuziehen und gesagt, dass sie dann verschwinden. In Erwartung der Raupen sah ich die lästigen Winden nun mit ganz anderen Augen: Jeder Trieb wurde vor dem Ausrupfen auf eventuelle Fraßspuren der Federgeistchen-Raupen untersucht. Wie schön wäre es, wenn sie sich bei mir ansiedeln und so gratis und franko die Winden in Schach halten würden? Aus wäre die Rupferei der Winden! Leider fand ich nie eine Raupe. Doch jetzt, so dachte ich, könnte mein Wunsch in Erfüllung gehen, falls das Federgeistchen seine Eier an meinen Zaunwinden ablegt – doch während ich noch den weissen Falter betrachtete, landete ein kleiner Spatz neben der Blüte, schnappte den Schmetterling und flog mit ihm davon. Es wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Da fiel mir ein Satz des Dichter Hans Kruppa ein: »Wirklich reich ist der, der mehr Träume in seiner Seele hat, als die Wirklichkeit zerstören kann«.

Liebes Federgeistchen, ich werde nicht aufhören, von dir zu träumen und verspreche dir, einige Zaunwinden übrig zu lassen bis du wiederkommst ...

 

Ute Studer
Ute Studer schreibt seit vielen Jahren für die Schweizer Gartenzeitschriften Bioterra und Der Gartenfreund und ist Autorin mehrerer Gartenbücher. Die Bücher mit ihren Kolumnen wurden schon 2mal mit dem Deutschen Gartenbuchpreis ausgezeichnet. Die Ideen...
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