Die Schöne und das Biest: Der Stechapfel

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Gäbe es ein Jüngstes Gericht für gemeine Gewächse, müsste der Stechapfel mit seinem elendlangen Sündenregister wohl ewig in der Hölle schmoren. Schon seit Ewigkeiten gilt dieses durchaus dekorative Nachtschattengewächs als Garant für ekstatische Erotik, willfährige Frauen, gelungene Raubzüge, schamanische Rituale, Atembeschwerden, feurige Pferde, lebensbedrohliche Vergiftungen, Zauberei, Mord, Totschlag und zombieartige Zustände. 

Erwähnt wurde die teuflische Pflanze mit dem himmlischen Duft bereits im Sanskrit und der ayurvedischen Medizin, in Europa hielt sie allerdings erst um das 16. Jahrhundert Einzug, vermutlich aus Mittel- und Nordamerika sowie dem südostasiatischen Raum zu uns gekommen, weshalb sie in älteren botanischen wie medizinischen Schriften nicht aufscheint. Zeugnisse von der historischen Verwendung der Datura existieren allerdings zuhauf.

Azteken und Maya griffen zu den Blättern der einjährigen Pflanze, um Knochenbrüche und Rheumatismus zu heilen, Indianerstämme nutzten das Kraut zu rituellen Zwecken oder als Betäubungsmittel, in den kalifornischen Pinwheel-Höhlen zeugen Wandmalereien und gekaute Pflanzenrückstände von einem regelmäßigen Gebrauch über Jahrhunderte.

 

In unseren Breiten hingegen, wo die etwas weniger spektakuläre Variante Datura stramonium auf Ruderalflächen und an Wegrändern mittlerweile schon etwas zu prächtig gedeiht, zählte der Schweizer Botaniker Conrad Gessner zu den ersten, der 1561 dieses gemeine Gewächs dokumentierte, wenngleich unter dem Namen Solanum furiosum. Später firmierte das Hexenkraut dann oftmals gemeinsam mit der Engelstrompete unter dem Gattungsbegriff Brugmansia oder der Bezeichnung Tatula Strominio altera, ein gutes Beispiel für die einstigen Irrungen und Wirrungen der botanischen Nomenklatur.

Gleich vielen der »eingewanderten« Exoten mit Dreifachveranlagung – Heilmittel, Mordwaffe und Gartenzierde – legte der gemeine weiße Stechapfel trotz namentlicher Uneindeutigkeit eine rapide Karriere hin. E.T.A Hoffmann etwa widmete einer Datura fastuosa (schöner Stechapfel) mit »ihren herrlich duftenden, großen, trichterförmigen Blumen in solch glanzvoller Pracht« eine ganze Erzählung, Gustav Meyrink hat dem Gewächs in »Coagulum« gleichfalls ein literarisches Denkmal gesetzt, wobei er mithilfe von Ginster, Nachtschatten und Stechapfel die Flamme der schwarzen Magie entfacht.

John Gerard wiederum, ein englischer Chirurg und Apotheker, stand einem medikamentösen Nutzen des auch als Dornapfel, Stachelnuss, Liebeszwinger, Zombiegurke, Schuttpflanze oder Hundsfurz bekannten Gewächs erstaunlich positiv gegenüber: »Der Saft des Stechapfels, mit Schweineschmalz gekocht, ergibt ein Unguentum oder eine Salbe, die alle Entzündungen, alle Verbrennungen von Feuer, Wasser oder flüssigem Blei, Schießpulver, Blitzschlag heilt. Und ich habe im täglichen Gebrauch gemerkt, dass es ein gutes Mittel sei.«

Eine schmerzhafte Methode, bei der die ungewollten Nebenwirkungen die erhofften Wirkungen wohl bei weitem übertroffen haben dürften. Dennoch versuchte auch der Leibarzt der österreichischen Kaiserin Maria Theresia, Anton von Störck, besonders toxischen Gewächsen wie Eisenhut, Bilsenkraut und Stechapfel heilsame Seiten abzugewinnen. Vor allem gegen die Fallsucht (Epilepsie), den Wahnwitz und die Raserei reichte er wässrige Extrakte des Teufelsapfels.

Dabei liegen die Talente dieses botanischen Totschlägers aufgrund seines Gehalts an Scopolamin, Hyoscyamin und Atropin eher bei der aktiven Sterbehilfe. So vermerkte der Chemiker und Alchimist Johann Joachim Becher schon 1663 in seinem »Parnassus Medicinalis«: »Stechapffel seyend sehr kalt, man nimmt sie nicht in leib, wer nicht gerne sterben will.« Selbst Hieronymus Bock, einer der Väter der Botanik, schreibt über dieses fiese Gewächs, dass er Experimente über dessen Wirkung lieber anderen überlässt und rät als Abhilfe bei darauffolgenden Vergiftungen zu Erbrechen und einer Tasse warmer Butter.

Da das bis zu eineinhalb Meter hohe Nachtschattengewächs mit der imposanten Pfahlwurzel wenig Ansprüche an Bodenverhältnisse stellt und für eine große Nachkommenschaft sorgt, verschaffte es in der Vergangenheit leider auch Menschen auf der Suche nach gesundem Wildgemüse allzu oft ein tödliches Verdauungskoma. Schließlich gab es bis vor gar nicht langer Zeit weder Supermärkte noch Tiefkühlspinat. So schlugen sich 1676 Soldaten in Virginia mit einer grünen Suppe den Bauch voll, die mit den übelriechenden Blättern gewürzt war. Schon bald darauf führten die Männer sich wie Affen auf, krochen auf allen Vieren herum, warfen Federn in die Luft, saßen reglos und splitternackt herum und kamen erst nach elf Tagen wieder zu sich.

Die Jagd nach genießbarem Grünzeug barg demnach große Gefahren. Auch Johann Samuel Halle (Die deutschen Giftpflanzen, zur Verhütung der tragischen Vorfälle in den Haushaltungen, nach ihren botanischen Kennzeichen) beschreibt 1792 das gemeingefährliche Potential der Datura, deren Samen immer wieder mit Schwarzkümmel verwechselt werden: »Schon vorlängst ist der Stechapfel als eine berufne Giftpflanze und betäubendes Gift bekannt......Durch diesen ehrlosen Weg schläfern Diebe und Hurenwirte ihre Schlachtopfer ein, und berauben sie mitten in ihren süßen Träumen. So berauschen Ehebrecherinnen ihre Männer und Verbrecher die Wachen...«

Als pflanzliche K.-o-Tropfen griffen Bordellbesitzer nachweislich zu diesem Kraut, um ihre Mädchen willfährig und wollüstig zu machen. Pferdehändler hingegen schoben ihren Schindmähren gerollte Blätter in den Mastdarm, um aus lahmen Gäulen feurige Galopper zu machen.
Und weil schlimmer immer geht, nutzt man die psychedelisch-bewusstseinsverändernden Eigenschaften der dornigen Äpfel auf Haiti zur Zombifizierung, die heute noch Teil der dortigen Kultur ist: Ein Hexer (Bokor) verabreicht dem Opfer erst eine winzige Dosis Kugelfisch und zwingt es danach, »eine Paste zu essen, die eine starke Dosis der mächtigen psychoaktiven Droge Datura Stramonium enthält, die in Haiti als »Zombiegurke« bekannt ist und die Opfer in einen psychotischen Zustand versetzt«, liest man beim Ethnobotaniker Wade Davis, der dieses Phänomen 1985 erforschte. Die im jungen Zustand betäubende Wirkung der Pflanze war allerdings auch bei uns bekannt, denn Scopolamin wurde oftmals als »Wahrheitsdroge« eingesetzt.

Damit nicht genug, profitierten Bierbrauer von den berauschenden Effekten älterer Exemplare, die vermehrt im Sudkessel landeten, was der Arzt und Gelehrte Tabernaemontanus folgendermaßen kommentierte: »Bier mit Stechapfelsamen soll niemand trinken, denn diejenigen so das Leben verwirkt haben, denn sie bringen Hirnwüten, Unsinnigkeit und bisweilen den jähen Tod.«

Für Liebestränke und Hexensalben galt das psychedelische Kraut ohnedies als erste Wahl, und lebensmüde Teenies bedienen sich nach wie vor freiwillig am botanischen Drogenangebot. Oftmals mit verheerenden Folgen. Vor gar nicht langer Zeit griff die Polizei zwei Jugendliche auf, die nach dem Genuss einiger Stechapfelsamen in den hauseigenen Pool sprangen, um rotäugige Delphine zu verfolgen.

Neben brennendem Durst, erweiterten Pupillen, heftigen Krämpfen, Gedächtnis- und Sprachverlust, Wahnvorstellungen, Horror-Trips und einer möglichen Atemlähmung bewirkt die Zombiegurke jedoch auch Gutes: Lange Zeit als »Asthmazigarette« beliebt, werden homöopathische Aufbereitungen erfolgreich gegen Epilepsie, Hirnhautentzündung, Angsterkrankungen, Fieber, Keuchhusten und Schlafstörungen verordnet und dienen der Vierfleck-Pelzbiene als Nahrungsquelle. Damit nicht genug, bestehen die Zungen hochpreisiger Cembalos mitunter aus Elsbeeren-Holz und Stechäpfeln, während Gartenbesitzer die abschreckende Wirkung auf Wühlmäuse loben.

Zudem stellen einige Datura-Arten eine unvergleichliche Zierde dar. Zwar nicht gerade die heimische Datura stramonium mit ihren spitzen Stacheln, unangenehm riechenden Blättern, invasivem Potential (jedes Äpfelchen enthält Hunderte winzige Samen) und unspektakulären weißen Blüten, die sich erst in der Nacht so richtig entfalten, bei Faltern und Fledermäusen dennoch auf wenig Interesse stoßen, sondern die sehr attraktiven Varianten Datura metel (fastuosa mit prächtigen violetten Blüten und pleniflora mit oft dreifach gefüllten gelben Blüten, beide ohne Stacheln), deren schwerer, parfümartiger Duft jede Rose auf die Plätze verweist; oder die mexikanische Toloache (Datura innoxia), die riesige, reinweiße Blüten entwickelt, ein samtiges, fast silbrig glänzendes Laub besitzt und gleich D.metel an die zwei Meter hoch werden kann – allerdings nicht winterhart ist - weshalb man keine ungewollte Selbstaussaat riskiert. Aus Samen lassen sich diese unvergleichlichen Schönheiten, die Auge und Nase gleichermaßen verzaubern, jedoch einfach ziehen. Ich bin nahezu süchtig nach deren Wohlgeruch – und habe bislang noch keine einzige schädliche Nebenwirkung verspürt.

Klaudia Blasl
Klaudia Blasl, österreichische Journalistin und Buchautorin, begann mit dem Anbau von »Giftpflanzen«, um mehr über die »Waffen« in ihren Kriminalromanen zu lernen. Mittlerweile kultiviert sie in ihrem Geschichtengarten im Südburgenland hunderte...
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Text und Fotos: Klaudia Blasl