Das Leben unter unseren Füßen
Text: Anne und Rolf Bucher
Bilder: REM-Aufnahmen © eye of science
Meine Ausbildung zum Gärtner liegt einige Jahrzehnte zurück, aber ich kann mich noch gut an die Anfangsjahre erinnern – besonders an mein großes Interesse an Bodenkunde. Doch die anfängliche Begeisterung wich schnell der Ernüchterung. Die verfügbaren Fachbücher waren wie Staub kauen – eine bloße Anhäufung von Fakten, ohne Leben, ohne Praxisbezug.
Ein neuer wissenschaftlicher Ansatz
Zu meiner Freude erlebt die Bodenkunde seit einiger Zeit eine grundlegende Veränderung. Ein neuer wissenschaftlicher Ansatz eröffnet eine völlig andere Sichtweise:
Aus der Medizin wissen wir, dass das Mikrobiom – also die Gesamtheit der Mikroorganismen – eine zentrale Rolle für die Gesundheit spielt. Es beeinflusst nicht nur die Verdauung, sondern auch den Stoffwechsel, die psychische Verfassung und die Immunabwehr. Störungen des Mikrobioms können zu Beschwerden und ernsthaften Erkrankungen führen.
Bis in die 1990er Jahre hinein ging man davon aus, dass nur Menschen und Tiere ein Mikrobiom besitzen – Pflanzen hingegen nicht. Das hat die Forschung widerlegt. Heute wissen wir: Auch Pflanzen besitzen ein Mikrobiom – der sie umgebende Boden ist ihr Mikrobiom. Diese Erkenntnis veränderte schlagartig die Perspektive der modernen Bodenkunde. Seither erscheinen in rasantem Tempo neue Studien von Pflanzen- und Bodenwissenschaftlern.
Dennoch findet das Bodenleben in der öffentlichen Diskussion noch immer viel zu wenig Beachtung. Wenn von Artenvielfalt oder deren Verlust die Rede ist, denkt man meist an bunte Wiesen, Bienen, Schmetterlinge und Vögel. Doch das meiste Leben auf unserem Planeten befindet sich unter unseren Füßen – im Boden. Dort wimmelt es von Mikroorganismen wie Bakterien, Pilzen, Milben und Springschwänzen, die dafür sorgen, dass Pflanzen gedeihen, Wasser gespeichert werden kann und Nährstoffe verfügbar sind. Rund 58 % allen Lebens auf unserem Planeten befindet sich im Boden – und ein Großteil davon ist bis heute unerforscht.
Gerade für unsere Gärten ist es wichtig zu verstehen: Ein gesunder Garten beginnt mit einem lebendigen Boden. In einer Handvoll fruchtbarer Erde können Milliarden Lebewesen stecken. Bakterien zersetzen abgestorbene Pflanzenteile und machen Nährstoffe wie Stickstoff verfügbar. Milben und Springschwänze helfen, organisches Material in Humus umzuwandeln. Pilze, insbesondere sogenannte Mykorrhiza-Pilze, bilden weitverzweigte Netzwerke im Boden, die Wasser und Mineralstoffe zu den Pflanzen leiten – im Austausch gegen Zucker aus den Wurzeln. Diese winzigen Helfer sind die Grundlage für gesundes Pflanzenwachstum – und damit auch für unsere Ernährung. Diese Zusammenarbeit ist überlebenswichtig – für Pflanzen, Bodenorganismen und letztlich auch für uns Menschen.
Bodenblindheit
Unsere »Bodenblindheit« ist deshalb ein großes Problem: Wir erkennen immer noch nicht, wie zentral das Bodenleben für unser eigenes Überleben ist. Pelzige oder gefiederte Tiere, Schmetterlinge und Bienen erhalten schnell Aufmerksamkeit und Sympathie. Doch schleimige, winzige, oft unsichtbare Bodenbewohner haben keine Lobby. Passend dazu kommt eine aktuelle Meldung vom Juli 2025 der »Scientists from the Society for the Protection of Underground Networks«. Sie haben die ersten hochauflösenden Biodiversitätskarten der unterirdischen Mykorrhiza-Pilzökosysteme der Erde erstellt. Die Forschungsergebnisse, am 23.Juli 2025 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht, ergaben, dass 90 % der biodiversitätsreichen Hotspots von Mykorrhiza-Pilzen in ungeschützten Ökosystemen liegen. »Mykorrhiza-Pilze werden bis heute übersehen – dabei spielen sie eine außergewöhnliche Rolle für das Leben auf diesem Planeten«, sagte Dr. Toby Kiers, Geschäftsführerin von SPUN.
Bodenforschung
Bodenforscher haben mittlerweile die immense Bedeutung von Mykorrhiza-Pilzen und anderen Mikroorganismen erkannt. Während meiner Ausbildung galt noch die Annahme, dass einige Pflanzen in Symbiose mit Pilzen leben. Heute wissen wir: Bis zu 90 % aller Pflanzen stehen in solchen Partnerschaften. Die Pilzfäden bilden riesige Netzwerke – ein einziges Gramm gesunder Erde kann bis zu 90 Meter davon enthalten.
Doch was ist die Grundlage dieser Zusammenarbeit? Auch hier hat sich der wissenschaftliche Blick gewandelt. Anstelle von Darwins Prinzip des »Survival of the Fittest« – dem Überleben der besser Angepassten – tritt zunehmend die Erkenntnis, dass Partnerschaft und Kooperation im Boden entscheidend sind. Die Forschung zeigt: Zusammenarbeit ist in der Natur oft wichtiger als Konkurrenz. Große Pflanzen unterstützen kleinere, ganze Ökosysteme basieren auf Kommunikation und Kooperation.
Wie funktioniert diese Partnerschaft? In vielen Artikeln liest man Formulierungen wie »Pflanzen können sehen« oder »miteinander sprechen«. Das können Pflanzen natürlich nicht – doch es ist schwer, in diesem Zusammenhang ganz auf anthropomorphe Beschreibungen zu verzichten.
Hier einige ausgewählte Fakten aus der Forschung:
- Pflanzen geben bis zu 20 % des durch Photosynthese erzeugten Zuckers an Pilze ab. Im Gegenzug versorgen die Pilze sie mit Wasser und wichtigen Nährstoffen wie Stickstoff und Phosphor. Für bis zu 80 % ihres benötigten Phosphors sind Pflanzen auf diese Pilze angewiesen.
- Pflanzen »kommunizieren« über Duftstoffe und Pilznetzwerke. Wird eine Pflanze angegriffen, kann sie chemische Warnsignale aussenden, die Nachbarpflanzen auf Abwehr vorbereiten.
- Ein einziger Apfel enthält rund 100 Millionen Bakterien – jede Apfelsorte hat ihre eigene Mikroorganismengemeinschaft. Sie ist nicht etwa schädlich, sondern im Gegenteil nützlich für unsere Gesundheit. Es gibt eine direkte Verbindung zwischen Bodenqualität, Pflanzengesundheit und unserer Darmflora.
- Eine Studie vom Juni 2025 zeigte, dass durch Trockenheit gestresste Pflanzen akustische Signale aussenden, die für uns unhörbar sind, von Nachtfaltern jedoch wahrgenommen werden. Sie legen dann keine Eier auf die gestressten Pflanzen.
- Auch das Summen von Hummeln und Bienen scheint sich durch den Klimawandel zu verändern. Die dadurch geänderten Frequenzen stören die akustische Kommunikation zwischen Pflanze und Bestäuber – mit negativen Folgen für Nektarproduktion und Pollenfreisetzung, so eine neue Studie von 2025.
- Jüngste Erkenntnisse belegen sogar, dass Bodenmikroben die Qualität von Tee beeinflussen: Sie regulieren die Aufnahme von Ammoniak, einem Baustein des Theanins, der maßgeblich den Geschmack des Tees bestimmt. Auch die Süße von Früchten, die Bildung ätherischer Öle und antioxidativer Stoffe wird durch mikrobielle Partnerschaften gesteigert.
Was können wir in unserem Garten tun?
Es ist gar nichts Neues oder Besonderes erforderlich, denn die Grundlagen sind jeder Gärtnerin und jedem Gärtner bestens bekannt, Rezepte sind sicher überflüssig:
- Man verzichte auf synthetische Dünger und Spritzmittel. Sie schaden dem Bodenleben langfristig.
- Man verwende gut verrotteten Kompost, Laub und Mulch – sie dienen den Mikroorganismen als Nahrung.
- Bodenbearbeitung sollte möglichst schonend geschehen. Offene, unbedeckte Flächen sollte man vermeiden und mulchen, wo immer es möglich ist. Das schützt vor Austrocknung, reguliert die Temperatur und hält das Bodenleben aktiv.
- Die Vielfalt im Garten kann man durch Mischkulturen, Fruchtfolgen und viele verschiedene Pflanzenarten fördern und so das ökologische Gleichgewicht stärken.
»Unkräuter«, wie Brennnesseln, bieten wertvollen Lebensraum für Schmetterlinge und ihre Raupen sowie viele andere Insekten.
Gesunde Böden sind die Grundlage allen Lebens. Wenn wir die unzähligen unsichtbaren Helfer unter unseren Füßen verstehen, fördern und schützen, leisten wir mit unseren Gärten einen wertvollen Beitrag für die Umwelt – und für unsere eigene Gesundheit.
Wer tiefer in die Thematik einsteigen will, dem empfehle ich das Buch »DRECKSARBEIT – Der Mikrokosmos unter unseren Füßen«. Begleitet von atemberaubenden REM-Aufnahmen eines preisgekrönten FotografInnen-Teams führen die WissenschaftsautorInnen Veronika Straaß und Claus-Peter Lieckfeld so spannend wie sachkundig ein in die faszinierende Welt unter unseren Füßen, wo »unsterbliche« Bärtierchen, giftklauenbewehrte Hundertfüßer, Amöben, irisierende Schleimpilze und viele weitere skurrile Geschöpfe leben.
Erstveröffentlichung in: blätterrauschen 2/2025
Coverabildung und Text:
REM-Aufnahmen © eye of science
Veronica Straaß/ Claus-Peter Lieckfeld: DRECKSARBEIT – Der Mikrokosmos unter unseren Füßen, Dölling und Galitz Verlag in der Junius Verlag GmbH, 2025
Text: Anne und Rolf Bucher
Bilder: REM-Aufnahmen © eye of science