Christ-, Schnee-, Lenzrosen:
Eis- und Frühjahrsköniginnen mit geheimen Talenten
Ein Beitrag von Klaudia Blasl
Es blüht eine Rose zur Weihnachtszeit, draußen in Eis und Schnee, und wenn‘s in der Winterzeit friert und schneit, das tut der Rose nicht weh...
Robert Stolz hatte vermutlich nur die streng geschützte und gebietsweise vom Aussterben bedrohte Wildpflanze vor Augen, als er dieses Gedicht von Kurt Herta operettenhaft vertonte. Wer nicht mit dem Gartenvirus infiziert ist – übrigens eine ziemlich chronische »Krankheit«, – kann sich die vielfältige und durchaus verwirrende Verwandtschaft von Helleborus niger vermutlich nicht einmal vorstellen. Schließlich existieren mittlerweile nicht nur Christrosen (blühen in unschuldigem Weiß um die Weihnachtszeit und gelten daher als Symbol von Jesus Christus), sondern auch Schneerosen (blühen bevorzugt im Schnee, meist etwas später), Lenzrosen (stellen bis in den April ihr Blütenpracht zur Schau) und Hunderte Hybridformen in allen möglichen Farben und Formen - weiße, schwarze, gepunktete, gefüllte, stinkende, duftende...
Und obwohl ihnen Eiseskälte tatsächlich keine Blätter abfrieren kann, sind sie als poetisches oder religiöses Symbol der Hoffnung und Unschuld wohl allesamt denkbar ungeeignet.
Denn diese prachtvollen Hahnenfußgewächse enthalten nicht nur hoch effiziente »Frostschutzmittel«, sondern auch tödliche Saponine, Protoanemonin und Helleborin. Nebenwirkungen sind Übelkeit, Erbrechen, Herzprobleme, Atemnot, Koliken, Kammerflimmern und oftmals letales Koma.
Dennoch hat die Schwarze Nieswurz (der Wurzelstock ist sehr dunkel, daher der Name) eine jahrhundertelange Karriere als vermeintlich hilfreiche und heilsame Wunderdroge hinter sich. Der antike griechische Naturforscher Theophrast etwa berichtet von der lebensverlängernden Jungbrunnen-Wirkung des pulverisierten Rhizoms, eine Ansicht, die später auch Paracelsus teilte. Hippokrates hingegen behauptete, dass Helleborus, mal niger, mal viridis) auch gegen Blödsinn, Wahnsinn, Epilepsie und Stuhlverstopfung nützlich sei, sofern innerlich angewandt. Ein recht riskantes Unterfangen. Schon die äußere Applikation in Form von Pasten und Salben, die man seinerzeit gegen Kopf- und Filzläuse verwendet hat, trieb vermutlich nicht nur das Ungeziefer in die Flucht, sondern auch die Menschen zur Verzweiflung – der Pflanzensaft verursacht heftige Hautentzündungen.
Das alles tat der Beliebtheit dieses toxischen Winterblühers jedoch keinen Abbruch. In der Antike auch als Hammerwurz bezeichnet, dichtete man der Pflanze sogar übersinnliche Fähigkeiten an. So soll die kalte Schönheit Geister in die Flucht schlagen, unsichtbar machen, für eine glückliche Ehe sorgen und – laut Horaz – ein probates Mittel gegen den Geiz darstellen.
Ein medizinisch-psychologisches Multitalent sozusagen, das als Allheilmittel – im wahrsten Sinn des Wortes – in aller Munde war. Dioskurides, einer der berühmtesten Ärzte in der Zeit rund um Christi Geburt, rühmte die heilende Kraft der Christrose, außerdem bei Melancholie, Wutanfällen, Krätze, Gicht, Schwerhörigkeit und Lähmungserscheinungen und Hildegard von Bingen rühmte die anregende Wirkung auf Darm, Gemüt und Gefäße.
Etwas später mutierte der vermeintliche Superstar der Pflanzenheilkunde auch noch zur »Frauenwurtz«. So schrieb der Botaniker Hieronymus Bock in seinem »New Kreutterbuch: Schwartz Nießwurtz in der frawen gemächt gethon, fordert die Zeit mit gewalt, soll auch mit sorgen genützt werden.«
Aber selbst mit dieser Aufzählung ist die (fragwürdige) therapeutische Bandbreite von Helleborus niger und Helleborus viridis keinesfalls erschöpft. Die pulverisierte und als Schnupftabak genossene Wurzel wurde über Jahrhunderte bis in die Neuzeit als probate Medikation bei Geisteskrankheiten und Verwirrtheitszuständen jeglicher Art verschrieben. Da der »Schaden« in solchen Fällen im Kopf vermutet wurde, konnte sich der Patient seine Krankheit einfach hinweg niesen, sein Leben allerdings auch.
Schließlich gilt die dekorative Christrose als vermutlich erste urkundlich erwähnte biologische »Kampfwaffe« überhaupt. Schon ca. 600 v. Chr. kam sie im ersten Heiligen Krieg der Delphischen Amphiktionie gegen die griechische Stadt Kirrha zum Einsatz. Damals plante der Tyrann Kleisthenes von Sicyon gemeinsam mit dem Athener Feldherren Solon die Eroberung dieser Küstenstadt, da deren Bewohner den Zugang zum Orakel von Delphi kontrollierten und nur gegen Bezahlung verbrecherisch hoher Summen Durchlass gewährten. Ein für hellenistische Stadtstaaten absolut inakzeptables Verhalten, denn die Weissagungen des Orakels – bei denen die Hohepriesterinnen sich der Legende nach mit Bilsenkraut berauschten – fungierten als unverzichtbare Richtlinien politischen Handelns. Ohne sie ging gar nichts.
Die gottlosen Erpresser mussten demnach verschwinden und deren Gebiet in Besitz der Götter Apollo, Artemis und Leto übergehen. Ein Plan, den die irdischen Bewohner von Kirrha natürlich zu verhindern suchten. Da sie leider keinen zaubertrankinfiltrierten und wildschweinwerfenden Obelix zur Hand hatten, verbarrikadierten sie sich, bis auf die Zähne bewaffnet, innerhalb ihrer Stadt, während der Tyrann und sein Heer auf eine günstige Gelegenheit zum Angriff warteten. Und die Gelegenheit kam. Ein Pferd, zwar kein trojanisches aus Holz, sondern ein echtes aus Fleisch und Blut, stolperte, stürzte und zerstörte mit einem Huf die geheime Wasserleitung zur Stadt, wodurch die kostbare Flüssigkeit im Sand versickerte. Die Belagerten saßen auf dem Trockenen. Kurz gesagt: Pech für die Belagerten, Glück für die Belagerer. Für die Angreifer boten derart sonnige Aussichten eine große Chance. Unter Anleitung des Asklepiaden Nebros, einem angeblichen Vorfahren des Hippokrates, reparierte man den verborgenen Kanal, staute dessen Wasser und versetzte es mit großen Mengen an Schneerosenwurzeln. Einige Tage später, nachdem die Flüssigkeit genügend Giftstoffe aus den Hellebori aufgenommen hatte, wurde die Wasserzufuhr wieder frei gegeben. Die fast verdursteten Bewohner tranken gierig, was im wahrsten Sinn des Wortes schrecklich in die Hosen ging.
Denn ganz gleich, ob es sich beim botanischen Übeltäter um Helleborus niger, Helleborus foetidus, Helleborus viridis, Helleborus cyclophyllus oder Helleborus odorus handelt, die lebensbedrohlichen Wirkungen sind immer gleich: Herzrhythmusstörungen, Übelkeit, Atemnot, Schwindel, Krämpfe, Koliken.
Der Name Helleborus stammt aus dem Griechischen und weist durchaus auf das Bevorstehende hin. Er setzt sich zusammen aus hellein (töten) und bora (Speise).
Halten wir uns also lieber ans Betrachten, die kühlen Schönheiten zählen trotz ihrer bedrohlichen Eigenschaften zu meinen absoluten Favoriten im Garten. Wo es ihnen gefällt, können sie ein für Stauden stattliches Alter von über 30 Jahren erreichen.
Text und Fotos: Klaudia Blasl