Auf nach Ghana!

Angelika Traub (AT): Lieber Dieter, bei Euch im Mutterpflanzenquartier habe ich das wunderschön rostbraun gefärbte Chinaschilf 'Ghana' entdeckt, eine Pagels-Züchtung, wie ich sehe. Was für eine unglaubliche Ausstrahlung und Leuchtkraft! In meinem Garten steht der hohe Pagels-Klassiker 'Malepartus', auch eine großartige Sorte, aber diese hier ist fast noch reizvoller, feuriger, offensichtlich jedoch viel weniger bekannt. Wird sofort vorgemerkt für die Frühjahrspflanzung!

Dieter Gaißmayer (DG): Da sind wir uns mal wieder einig, tatsächlich ist 'Ghana' eine Pagels-Züchtung und vor allem mein absoluter Liebling unter den Miscanthus, dieses Rostorange im Herbst ist einfach sensationell, auch Wuchs und Vitalität sind sehr zu loben – und außerdem war ich nicht nur sofort begeistert, als ich es bei Ernst Pagels entdeckte, es rankt sich auch eine schöne Geschichte um dieses Gras.

AT: Erzähl!

DG: Ich stand zu Lebzeiten von Ernst Pagels mit ihm in Briefkontakt und war auch etliche Male in Leer zu Besuch. Aber nicht nur seine Staudengärtnerei und die vielen ausgezeichneten von ihm eingeführten Stauden-Züchtungen, die noch heute in aller Welt gepflanzt werden, begeisterten mich. Auch der Mensch Ernst Pagels ist mir ein großes Vorbild gewesen. Die Leistungen seiner Züchtungsarbeit sind für uns alle, heute wie damals, von unschätzbarem Wert, ganz besonders ist da seine Arbeit mit Miscanthus zu nennen. Das Gräser-Sortiment der Gärtnereien war ja lange recht überschaubar. Ihm gelang es, lange vor dem Klimawandel, Chinaschilfe zur Samenreife zu bringen. Im Freiland wäre das damals in unseren Breiten nicht möglich gewesen. Er wusste sich aber zu helfen, hielt die Gräser in Kübeln und ließ die Samen im warmen Gewächshaus ausreifen. Die gewonnenen Sämlingspflanzen hat er dann über Jahre geprüft, die besten versah er mit Namen und führte sie ein, was von der Gartenwelt bis hin in die USA begeistert aufgenommen wurde. Besonders der Foerster-Schüler Wolfgang Oehme hat dort die Pagels-Gräser in großem Stil verwendet. Pagels selbst ging es übrigens nie darum, mittels Sortenschutz das »große Geschäft« zu machen, er wollte vielmehr, dass all seine Züchtungen frei erhältlich und jedem zugänglich sind.

AT: Pagels war wirklich ein außergewöhnlicher Mensch und Gärtner, Ihr habt ihn ja auch mit einem Porträt auf Eurer Website geehrt – lohnend für alle, die mehr über ihn erfahren wollen. Aber wie war das denn nun mit dem Miscanthus 'Ghana'?

DG: Aus mir nicht näher bekannten Gründen lebte der ghanaische Seemann Issa Osman bei Ernst Pagels, er arbeitete in Haus und Garten mit, pflegte Ernst Pagels später bis zum Tod und ist dort heute noch anzutreffen. Beide verband eine lebenslange Freundschaft. Hin und wieder kamen auch Freunde aus Ghana zu Besuch. Pagels interessierte sich sehr für Issas Heimatland, unterstützte seine Familie finanziell und schmiedete den Plan, nach dem Ruhestand ein Häuschen in Ghana zu bauen und seinen Lebensabend dort zu verbringen. Die Jahre vergingen, mit Ernst Pagels' Gesundheit stand es nicht mehr zum Besten. Ihm wurde klar, dass die Kraft für sein Vorhaben nicht mehr reichen würde. So beschloss er, wenigstens eine besonders schöne Miscanthus-Züchtung nach seinem Sehnsuchtsort zu nennen: So also kam das Chinaschilf 'Ghana' zu seinem Namen.

AT: Eine schöne Geschichte, lieber Dieter!



Dieter Gaißmayer
Dieter Gaißmayer hat 40 Jahre die Geschicke der Staudengärtnerei gelenkt und die Verantwortung zum 1.1. 2020 vertrauensvoll an die junge Generation übergeben. Aber wer ihn kennt, der weiß – Ruhestand ist keine Option! Er freut sich, nun endlich...
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Text: Angelika Traub / Dieter Gaißmayer
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer