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September-Preisrätsel (2007)

Sicherlich ist die Pfaffenbrunner Kranzprozession allen Leserinnen und Lesern ein Begriff. Manche halten sie für einen Jahrhunderte alten Brauch.
Eine uralte Kräuterfrau, der gelegentlich der Schalk im Nacken sitzt,
kennt die, wie so oft, recht profane wahre Geschichte:

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Grüß Gott, liebe Leser!

Unlängst, beim Aufschreiben meiner Lebenserinnerungen, überfiel mich jäh die Frage, die viele betagte Menschen umtreibt: Was bleibt von mir nach meinem Ableben? Vielleicht sagen Sie, dass mich viele dankbare Patienten in guter Erinnerung behalten, die leidend meine Kurierstube betraten und sie geheilt oder wenigstens zuversichtlich gestimmt verließen. Das stimmt. Aber gibt es auch sichtbare und bleibende Zeichen meines Wirkens in Pfaffenbrunn?

Darüber musste ich lange nachdenken. Wie ich aber die zehn Jahrzehnte meines Lebens im Kopf vorüberziehen ließ, wurde mir Zuversicht zuteil. Ja, es gibt ein solches sichtbares, bleibendes Zeichen meines Wirkens! Es ist die Pfaffenbrunner Kranzprozession. Die gibt es erst seit 1955, auch wenn unser windiger Heimatforscher Gatterer Siegmund herausgefunden haben will, dass sie auf das 12. Jahrhundert zurückgeht. Ein Schmarrn ist das, ich kenne nämlich die wahre Geschichte, und die geht so:

Nach einem wüsten Saufgelage am Vorabend unseres Schützenfestes klopfte der Heubl Viktor an meine Tür, Vater unseres Raufboldes Heubl Christian. Viktor eilte der fragwürdige Ruf voraus, einen jeden unter den Tisch trinken zu können, was ihm den ungeteilten Respekt der Mannsleute verschaffte und sogar einiger Weibsbilder. Gleichzeitig war der Heubl Viktor ein Großmaul und Rudelführer der Pfaffenbrunner Männerwelt.

Der Viktor aber, der bei mir Einlass begehrte, war ein Schatten seiner selbst, bleich und wortkarg. Schnell fand ich heraus, dass er unter einem argen Kater litt. In diesem Zustand war der Besuch des Schützenfestes ausgeschlossen. Damit stand sein Ruf als stärkster Kampftrinker der Gemeinde auf dem Spiel.

Nun ja, für zwei Seiten Speck ließ ich mich bewegen, ihm Hilfe zuteil werden zu lassen. Einen kleinen Schabernack wollte ich gleichwohl mit dem Trunkenbold treiben, deshalb verpasste ich ihm nicht nur Sauerampfer in hochdosierter Form, sondern flocht ihm noch einen Kranz aus einem duftenden Kraut aus meinem Garten. Eindringlich beschwor ich den Viktor, diesen Kranz bis zum Abklingen der Beschwerden zu tragen, weil anderenfalls der Ampfer nicht wirke. Viktor setzte brav den Kranz auf seinen Kopf und machte sich in dieser lächerlichen Aufmachung von dannen.

Natürlich erfüllte Gelächter die Straßen, als der Heubl Viktor zum Festzelt schritt, doch er gab sich den Anschein von Überlegenheit und murmelte seinen Trinkkumpanen zu, mit diesem Kranz sei er beim Stemmen der Krüge endgültig unbesiegbar. Dies wiederum stimmte einige neidische Burschen nachdenklich, und alsbald wanden sie sich ebenfalls Kränze aus dem Kraut, wenn sie zum kollektiven Besäufnis schritten. Bald schon gab es keinen Mann mehr in Pfaffenbrunn, der unbekränzt eine Maß bestellte.

Ihre Kränze legten die Mannsbilder auch nicht ab, wenn am Schützenfestsonntag Hochwürden Bierbichler das Schützenhochamt zelebrierte. Irgendwann fanden es auch die jungen Damen schick, sich ebenfalls zu bekränzen. Bis zur Ausrufung eines Sammelplatzes, von dem alle Kranzträger gemeinsam den Weg zur St. Vitus-Kirche antraten, vergingen kaum ein paar Jahre.

Das ist die wahre Geschichte der Pfaffenbrunner Kranzprozession. Sie hat mir zwar einen überwucherten Kräutergarten eingebracht, doch das nehme ich in Kauf, schließlich möchte jeder Mensch etwas Bleibendes hinterlassen.

Nun, liebe Leser, haben Sie schon herausgefunden, aus welchem Kraut der Kranz geflochten sein muss? Ich helfe Ihnen: Es ist ein recht neues, inzwischen aber stark verbreitetes Heilkraut. Bei einer Vielzahl von Leiden hat es sich sehr bewährt – als Tee, als Auflage, als Extrakt, ja sogar durch bloßes Riechen an den Blättern. Der Duft ist rein und frisch, fragwürdig ist allein die neumodische Beimischung des Krautes in Zigaretten.

Zur Ehrlichkeit verpflichtet, gestehe ich: Die Idee mit dem Kranz war gar nicht von mir. In den alten Heilbüchern meiner Zunft wird berichtet, dass sich schon in vergangenen Jahrhunderten die verkaterten Menschen mit diesem Mittel zu helfen wussten.

Davon hatte der Heubl Viktor natürlich keine Ahnung, als er vor rund fünfzig Jahren unfreiwillig eine Pfaffenbrunner Tradition stiftete, die inzwischen auch viel auswärtige Prominenz anzieht. Und wer stand dahinter?

Nun raten Sie mal schön, diesmal ganz ohne meine guten Wünsche. Dafür ist das Rätsel einfach zu leicht.

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

P. S.: Vielleicht treffen wir uns ja im nächsten Jahr bei der Pfaffenbrunner Kranzprozession?

Die Rätselfrage lautet:

Aus welchem Kraut wird der Kranz für die Pfaffenbrunner Kranzprozession geflochten?

Die Lösungsantwort: