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Oktober-Preisrätsel (2006)

Klar in der medizinischen Applikation, doch reichlich nebulös in der Offenbarung des Patienten ist diesmal das Rätsel unserer ehrwürdigen Kräuterfrau. War ER es nun oder war ER es nicht? Ehe die Massenmedien über sie herfallen, soll sie alles mit eigenen Worten schildern, und zwar exklusiv bei uns:

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Grüß Gott, liebe Leser!

Vor ein paar Tagen war in unserer Gegend die Hölle los – nein, ich sollte besser sagen: der Himmel. Ein ehemaliger Nachbar machte seinem Geburtsort Marktl seine Aufwartung. Mit Marktl verbindet unser Dorf Pfaffenbrunn eine so alte Freundschaft, dass unser Bürgermeister Singerl Fredi schon mal vorgeschlagen hat, eine Städtepartnerschaft ins Leben zu rufen.

Ich selbst habe zu Marktl immer gute fachliche Beziehungen gepflegt, denn mein guter Ruf als junge Kräuterheilkundige sprach sich schon früh bis dahin herum. Und so erzählen sich die Leute in Pfaffenbrunn heutzutage eine alte Geschichte, die mich immer zum Schmunzeln bringt und die ich Ihnen deshalb nicht vorenthalten möchte – auch wenn sie sich in Wirklichkeit ein wenig anders zugetragen haben könnte:

Eine junge Mutter aus Marktl klagte vor vielen Jahren, ihr Jüngster leide seit Wochen an einem entsetzlichen Blähbauch. Das Kind von überaus frommer Wesensart nahm dieses Ungemach als göttliche Prüfung klaglos hin. „Hiob hat es viel schlimmer erwischt“, pflegte er seiner Mutter zu sagen. Der Bub war eben schon in jungen Jahren in den Schriften äußerst bewandert.

Pfaffenbrunns einzige Kräuterheilkundige unterzog den Knaben in ihrer Kurierstube einer gewissenhaften Untersuchung. Den leichten Druckstellen an den Knien maß sie keine besondere Bedeutung bei, doch beim Abhorchen des Bauchraumes vernahm sie ein solches Grummeln und Grollen, dass ihr vor Schreck fast das Hörrohr aus der Hand gefallen wäre.

Die Kräuterfrau rührte aus Butter und einer altbewährten Heilpflanze eine Salbe an. Eigentlich ist dieses verlässliche Mittel vor allem für Kleinkinder geeignet, doch der Knabe aus Marktl war so zart besaitet, dass sie einen Versuch für vertretbar hielt. Die erste Anwendung fand noch in der Kurierstube statt, für alle weiteren sollte die junge Mutter zu Hause in Marktl selbst sorgen und regelmäßig den Bauch des Buben mit der Salbe massieren.

Ungewöhnlich war das Gottvertrauen des Kindes. „Wenn du mir hilfst, dann bist du ein Werkzeug des Herrn“, sprach er zur Kräuterfrau. „Und wenn nicht?“ fragte diese zurück. „Dann wird ER ein anderes Werkzeug finden.“ Da endet die Lebensweisheit einer einfachen Kräuterfrau, und sie schwieg.

Warum wirkt dieses Mittel? Ich weiß es nicht, aber das ist schließlich auch nicht wichtig. Immerhin weiß ich, dass das Kraut schon seit Urzeiten als krampflösend und verdauungsfördernd bekannt ist. Die Menschen würzen fettige Speisen, Schmalz und Wurst damit, und so bleiben auch Fressgelage meistens folgenlos. Vielleicht arbeiten sich die Wirkstoffe auch durch die Bauchdecke bis ins geblähte Gedärm? Kann sein. Was man nicht weiß, das muss man sich erklären.

Den kleinen Kies-Richard aus der Nachbarschaft, das Kind der verrückten Familie Trübswetter, habe ich viel später mit demselben Kraut behandelt, als er als Baby an Schnupfen und Atemwegserkrankungen litt. Auch hier half die Salbe, die in diesem Fall auf die Brust gestrichen wurde.

Nun werden Sie vermutlich wissen wollen, was sich die Leute weiter über den frommen Buben aus Marktl erzählen: Kurz gesagt, er genas. Dies festigte ihn in seinem Glauben so sehr, dass er sein ganzes Leben der Kirche zu widmen versprach. Zum Dank hat seine Mutter einen Dankesbrief mit einer kleinen Marienplakette nach Pfaffenbrunn geschickt. Sagen die Leute.

So ein Zufall: Eine solche Marienplakette hängt in meinem Herrgottswinkel, gleich neben dem Bild unseres Ministerpräsidenten. Ehrlich gesagt sogar ein paar Zentimeter höher.

Nun, liebe Leser, ist Ihnen eine Erleuchtung zuteil geworden? Daran glaube ich fest. Nur für schwerste Zweifel stelle ich Ihnen meine guten Wünsche zur Verfügung, aber greifen Sie bitte nur dann darauf zurück, wenn der eigene Kopf nicht ausreicht.

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber


P. S.: Herr P. aus R., ein treuer Rätselfreund, fragte mich nach dem September-Rätsel, warum am 4. August so viel Regen auf Wurmannsquick gefallen sei. Weil Sie das sicherlich auch interessiert, will ich Ihnen meine Antwort an Herrn P. nicht vorenthalten:

Lieber Herr P.
Der Regen war natürlich eine Strafe Gottes für ein besonders sündiges Dorf. Was sonst? Im Jahre 1672 hat Remigius, einer der ungeratenen Abkömmlinge des Fürstbischofs, unseren besten Wilderer mit einer Saufeder hinterrücks gemeuchelt. Nun frage ich Sie: Was ist ihm daraufhin in seinem scheußlichen Heimatdorf widerfahren? Haben sie ihn etwa vor Gericht gestellt oder wenigstens an den Pranger? Nichts dergleichen! Im Gegenteil, die Meute hat ihn in den Gemeinderat gewählt, wo er alsbald Fraktionsvorsitzender der Christlichen Saufeder-Virtuosen wurde (CSV), aus der dann später die CSU hervorging.

Während dem Mörder Ehre zuteil wurde, haben wir in Pfaffenbrunn getrauert und ewige Rache geschworen. Und weil fortan Mangel an frischem Wildbret herrschte, entnahmen unsere Burschen den Wurmannquicker Ziegenherden das eine oder andere Exemplar. Daraus entstand später der liebenswürdige Brauch des Wurmannsquicker Hahnenklaus, worüber ich ja berichtet habe.

Wir in Pfaffenbrunn glauben fest daran, dass der Herrgott den Wurmannsquickern ihr sündiges Treiben im 17. Jahrhundert nie verziehen hat und fest an unserer Seite steht. Deshalb sendet er regelmäßig Strafen nach Wurmannsquick, zum Beispiel starken Regen, Epidemien oder Besuche von Sozialdemokraten.

Nun wissen Sie alles und müssen nie mehr fragen. Deshalb ist es auch nicht nötig, dass ich Ihnen gute Wünsche zur Seite stelle.

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

Die Rätselfrage lautet:

Womit heilte die junge Kräuterfrau die Blähungen des frommen Buben aus Marktl?

Die Lösungsantwort: