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November-Preisrätsel (2006)

Aus Pfaffenbrunn, der eigentümlichen Heimat einer geschätzten Kräuterfrau, erreicht uns ein neuer Bericht. Dürfen wir ihn veröffentlichen? Immerhin könnte er das Persönlichkeitsproblem einer Amtsperson offenbaren. Ihrer großen Beliebtheit wegen soll sie unzensiert zu Wort kommen, unsere Stammautorin

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Grüß Gott, liebe Leser!

Heute berichte ich über die Rechtspflege in meinem Heimatdorf Pfaffenbrunn. Die ist sehr wichtig, weil es immer wieder zu kleinen Vergehen kommt, die natürlich geahndet werden müssen. Das wichtigste Organ unserer dörflichen Rechtspflege ist unser Dorfpolizist, der Pöttinger Oskar. Manchmal hat er wochenlang nichts zu tun, dann und wann ist aber der Teufel los. Dann besteigt er sein Motorrad, rast zum Ort des Deliktes und schreitet ein, um das Recht zu pflegen. Meistens geht es um Raufhändel und Beleidigung. Es sind aber auch schon einmal ein Heuwender und ein Ferkel verschwunden.

Früher war er eine unsympathische Amtsperson, wuchtig von Gestalt, hochfahrend und barsch in der Ansprache. Beliebt war er nicht. Den Leuten erzählte er, nur seiner Wachsamkeit und Strenge sei es zu verdanken, dass Pfaffenbrunn noch nicht im Sumpf des Verbrechens untergegangen sei. Ob er dabei die Vorschriften immer genau einhält, weiß ich nicht, denn Vorschriften kennt in Pfaffenbrunn kein Mensch. Im Laufe der Jahre haben sich die Pfaffenbrunner an den Pöttinger Oskar gewöhnt, gemocht aber haben sie ihn nicht.

Das änderte sich erst, als er mir wegen eines harmlosen Bauchgrimmens seine Aufwartung machte und nach Art der äußerlich harten Mannsbilder zu klagen anfing. Kein Mensch könne ihn leiden, jammerte er. Diese Gelegenheit durfte ich nicht ungenutzt verstreichen lassen. Zunächst erwarb ich sein Vertrauen mit der erfolgreichen Verschreibung von Kamillentee, legte ihm aber gleichzeitig eine Nachbehandlung ans Herz.

Als er wiederkam, den Türrahmen ausfüllte und mit tiefem Bass sein „Grüß Gott!“ entbot, hatte ich längst ein Mittel vorbereitet. Dies, so gebot ich, sei zur Gesundheitspflege noch ein paar Wochen einzunehmen, damit ihm die Aufregungen des Alltags nicht erneut auf den Magen schlügen. Pöttinger zuckte mit den Achseln, gab sich ganz zutraulich und murmelte: „Wenn es hilft…“

Es half, aber ganz anders, als es der Pöttinger erwartet hatte. Bis heute weiß der Gendarm noch nicht, was ich ihm damals verabreicht habe, und wenn er keins dieser neumodischen Internets und keinen Kräuterverstand hat, wird er es wohl auch nie erfahren. Ihnen kann ich es ja verraten: Es war eines jener Mittel, die ich für ganz spezielle Fälle in der Abteilung der Zauberkräuter aufbewahre. Meine Ahninnen haben regen Gebrauch davon gemacht, ich hingegen verwende es in Verbindung mit starkem Glauben nur in Notfällen. Der unglückliche Pöttinger schien mir so ein Notfall zu sein.

Sie werden nicht glauben, was geschah: Meine Pfaffenbrunner fanden den Pöttinger plötzlich gar nicht mehr so garstig. Fräulein Pichl Apolonia dankte ihm sogar ausdrücklich für einen rechtspflegerischen Einsatz anlässlich einer Schlägerei bei einer Bierverkostung in ihrer Brauerei und schickte ein Fäßchen Gerstensaft. Pöttinger strahlte, blühte auf und wurde von Woche zu Woche sanftmütiger. Er gab sogar Fremden bereitwillig Auskunft, mäßigte sich im Ton und ersetzte Bestrafungen immer häufiger durch freundliche Ermahnungen. Einmal half er mir sogar über die Dorfstraße, weil ich mich angeblich mit meinen 105 Lebensjahren beim Überqueren in Gefahr bringen würde. Einnehmend, unser Dorfpolizist, nicht wahr?

Jetzt, liebe Leser, fragen Sie sich vermutlich, welches Kraut solchen Zauber vollbringen kann. Da will ich mit wertvollen Hinweisen nicht hinterm Berg halten: Jenes Kraut gebrauchten die Menschen in längst vergangenen Zeiten für kultische Handlungen. In alten Schriften (auch in denen meiner Ur-Ahnin Eulalie von Bärenclau) kann man nachlesen, dass dieses Mittel ausgleichend und harmonisierend wirkt, die Menschen versöhnlich machen und ihre angenehme Ausstrahlung fördern soll. Weil es manche Völker zum Härten ihrer Waffen verwendeten, erhielt es einen martialischen Namen.

Jetzt können Sie von mir aus ruhig sagen: Das mit dem Pöttinger ist ein Schmarrn! Wie immer denke ich mir dann meinen Teil und schmunzle leise.

Nun, haben Sie schon eine Idee, was den Pöttinger-Saulus zum Pöttinger-Paulus gemacht hat und ihm die Sympathie der Pfaffenbrunner eintrug? Alle Achtung, dann kennen Sie sich im Reich der Kräuter gut aus! Was aber, wenn nicht? Dann hilft nur Nachdenken und Nachschlagen. Gegen meine guten Wünsche, die ich Ihnen wieder einmal zur Verfügung stelle, dürften alle Zweifel am Ende keine Chance haben.

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

Die Rätselfrage lautet:

Welches Kraut machte den Pöttinger Oskar zum beliebten Dorfpolizisten?

Die Lösungsantwort: