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Mai-Preisrätsel (2008)

ACHTUNG: Wild wuchernde Gerüchte sind im Umlauf! Eine Pflanze soll gegen Altersverwirrtheit helfen. Grober Unfug! Ketten aus Samen zur Erleichterung frühkindlichen Milchzahndurchbruchs? Schmarrn, befindet eine, die es wie immer besser weiß:

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Grüß Gott, liebe Leser!

Bevor ich meine Pflicht erfülle und mich an einem neuen Rätsel versuche, möchte ich mich ganz herzlich für die vielen Glückwünsche zu meinem 107. Geburtstag bedanken. Eigentlich wollte ich nur einen kleinen Empfang im Goldenen Hirschen geben, aber alle sind gekommen, angeführt von Bürgermeister Singerl Fredi über Pfarrer Matthäus Lothar und den Raufbold Heubl Christian bis zum sommersprossigen Trübswetter Kies-Richard. Wie brav sie mir alle gratulierten! Nur unser neuer Ministerpräsident, ich glaube er heißt Stoiber oder so, hat sich leider nicht sehen lassen. Der hat wohl andere Sorgen, glaub ich.

Solche Harmonie ist in unserem beschaulichen Flecken Pfaffenbrunn keineswegs selbstverständlich. Bisweilen war ich ohne Absicht an Streitereien beteiligt, wenn ich in aufklärerischer Absicht dem einen oder anderen hartnäckigen Aberglauben zuleibe rückten musste. So wie damals, es muss kurz vor Pfingsten gewesen sein, als das Gerücht von der Wunderwirkung einer Pflanze umherschwirrte und die Leute schier närrisch machte.

Es ging um eine Staude, die im späten Frühling in vielen Gärten blüht, genauer: Um ihre Samenkörner. Die Urheberin der Gerüchte soll die Wildmoser Josepha gewesen sein, die neben ihren sieben Kindern auch noch ihre verwirrte Schwiegermutter, die Wildmoser Zita, zu versorgen hatte. Zita richtete allerlei Unfug an und bedurfte ständiger Beobachtung. Da erfuhr die Josepha, dass die berühmte Kräuternonne Hildegard von Bingen ein Mittel gegen Verwirrtheit empfohlen hatte: Samenkörner der Rätselpflanze mit Honig versetzen und auf die Zunge des verwirrten Menschen legen. So komme dieser schnell wieder zu Verstand.

Josepha probierte es aus, und obwohl, wie sich später herausstellte, die erhoffte Wirkung ausblieb, erzählte sie im ganzen Dorf, dass die Zita ein ganz anderer Mensch geworden sei. Jetzt mache sie sich nützlich bei der Hausaufgabenhilfe der Kinder, besorge mit Umsicht den Haushalt und könne wieder bedenkenlos Einkäufe erledigen.

Die gutgläubigen Dörfler nahmen ihr die Geschichte ab. Schlimmer noch: Alsbald wurden neue Wunderwirkungen überliefert. Einige behaupteten, ein Sud aus der Pflanze helfe gegen Gicht, andere priesen ihn als Brechmittel – eine Wirkung, die mir noch am glaubwürdigsten erscheint. Vollends verrückt wurde die Geschichte, als Mütter ihren Säuglingen Halsketten aus den Samenperlen umlegten, um so den greinenden Kleinen das lästige und schmerzhafte Zahnen zu erleichtern.

Alles das war natürlich finsterer Aberglaube, gegen den ich mit aller Kraft zu Felde zog. Das war mir auch deshalb ein Herzensanliegen, weil ich zur Behandlung der einschlägigen Leiden bessere Ratschläge feilbieten konnte, von Zitas Verwirrung einmal abgesehen.

Sie sehen, liebe Leser, es ist eben manchmal das Kreuz, das eine erfahrene Kräuterfrau wie ich zu tragen hat: Die Heilkraft der Natur von dumpfer Volkstümelei abzugrenzen. Aber da darf sich eine Wissende nicht beirren lassen. Sag ich.

Aber wissen Sie jetzt, welche Pflanze erraten werden soll? Wenn Sie mir versprechen, keine neuen Gerüchte über ihre Heilwirkungen in die Welt zu tragen, soll Ihnen noch eine kleine Hilfe zuteil werden. In der griechischen Sagenwelt gab es einen Arzt ausschließlich für die Götter des Olymps – fast so wie heutzutage also. Dieser Arzt soll die Heilwirkungen der Pflanze entdeckt haben. Inzwischen gibt es sie in zahlreichen prachtvollen Züchtungen. Die Wildform, die Sie erraten sollen, ist sehr langlebig und blüht blutrot im Mai.

Nun aber genug der verräterischen Hinweise! Da brauchen Sie doch eigentlich keine guten Wünsche mehr, oder?

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

Die Rätselfrage lautet:

Wie heißt die Pflanze, um die sich viele Gerüchte ranken?

Die Lösungsantwort: