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Mai-Preisrätsel (2007)

Ein Volksredner im braunen Hemd wird zwar von Sprachproblemen geheilt, kommt aber nicht mehr zum Reden. Eine schlaue Kräuterfrau hat sich eingemischt. Geistig noch bestens beieinander, berichtet sie über subversiven Widerstand damals in Pfaffenbrunn:

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Grüß Gott, liebe Leser!

Wenn Sie schon einmal in unserem liebenswürdigen Dorf Pfaffenbrunn waren, ist Ihnen bestimmt der Pöttinger Oskar begegnet, unser Polizist. Wie ich Ihnen neulich zu berichten wusste, hat sich dieser mit meiner Hilfe von einem Rabauken zu einem sanftmütigen Rechtspfleger gewandelt. Seine frühere Unduldsamkeit hat er von seinem Großvater geerbt, der in ganz Pfaffenbrunn nur der Oberpöttinger genannt wurde, weil er in den dreißiger Jahren wichtigtuerisch im braunen Hemd daherkam und im Goldenen Hirschen ebenso wirre wie laute Reden hielt. Damals hieß die Gaststätte „Vaterländische Stube“.

Eine schlimme Zeit war das, und ein Graus war er mir, der Oberpöttinger. Ich erwähne ihn nur, weil ich ihm damals eine Lektion erteilt habe. Aber der Reihe nach.

Damals war ich als Kräuterfrau schon im ganzen Dorf bekannt, und so trug es sich zu, dass eines Tages der Oberpöttinger in meiner Kurierstube auftauchte. Krächzend schilderte er, dass er in diesen wichtigen Zeiten ganz unersetzlich sei und unablässig Reden halten müsse. Daher sein Stimmproblem, gegen das ich ihm ein Mittel benennen sollte. Schnarrend wies er mich auf meine große Verantwortung hin, und wenn ich mich nicht ganz besonders anstrengte, müsse er dies als schädlich für das Volk, ja sogar als Sabotage betrachten, die er unerbittlich zu verfolgen gedenke.

Und so weiter, und so weiter. Das konnten sie damals, diese Oberpöttingers: Sogar ohne Stimme deppert daherreden. Mich hat das alles überhaupt nicht beeindruckt. Im Gegenteil, ein Zorn stieg in mir auf. Nach kurzem Nachdenken fiel mir ein schleimstoffhaltiges Kraut ein und ich wusste, welcher Rosskur ich den Oberpöttinger unterziehen würde. Und so bereitete ich einen starken Aufguss aus dem Kraut, dem man nachsagt, Heiserkeit zu lindern sowie Verdauung und Harnabgang zu fördern. Zur Sicherheit versetzte ich den Sud noch mit einer guten Portion eines wohlbekannten verdauungsfördernden Öles. Das hieß ich den Oberpöttinger gurgeln und schlucken. Zudem wies ich ihn an, das Mittel so lange zu nehmen, wie er noch Reden halten wolle. Zur Vorbeugung sozusagen.

Zugegeben, Oberpöttingers Stimme erholte sich schnell. Mit neuer Kraft trat er in den Wirtshäusern auf und schwadronierte drauflos. Doch es kam, wie ich es vorhergesehen hatte: Die Reden wurden immer kürzer, denn kaum hatte er losgelegt, musste er sich kleinlaut vom Publikum verabschieden und den nächsten Abtritt aufsuchen. Als er zunächst dem Bier und der Völlerei entsagte, um die Zahl der Toilettenbesuche zu verringern, fielen seine Reden zwar nicht mehr so gewalttätig aus, doch was half es? Die schnellen Abtritte des Oberpöttinger sprachen sich herum, und nach und nach blieben die Zuhörer aus. Irgendwann gab er auf.

Nun, liebe Leser, Sie haben unschwer erkennen können, wie sich eine listige Kräuterfrau auch in die Politik einmischen kann. Aber wissen Sie auch, welches Kraut ich für die bessere Stimme benötigte? Falls nicht, will ich Ihnen gern noch eine Hilfe geben: Es handelt sich um die Wildform einer Staude, die in vielen Bauerngärten zu Hause ist. Bereits im Mittelalter wurde sie für pappige Breiumschläge genutzt. Damit behandelten die alten Heilkundigen gern auch wunde Haut oder Entzündungen. Übersehen lässt sich die starkwüchsige Pflanze mit den dunkel geaderten Blüten kaum. Oft wächst sie an Wegrändern und Mauern.

Jetzt aber sage ich kein Wort mehr, weil es sonst kein Rätsel mehr ist. Sollten Sie gute Wünsche beim Herausfinden benötigen, dann können Sie diese notfalls bekommen.

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

Die Rätselfrage lautet:

Mit welchem Kraut kurierte Creszenzia Niedernhuber den Oberpöttinger?

Die Lösungsantwort: