header

März-Preisrätsel (2007)

Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn: Viele Rätselfreunde haben die Lebenserfahrungen und praktischen Ratschläge unserer hochbetagten Autorin in den letzten drei dunklen Monaten schmerzlich vermisst, manche gar das Ableben der inzwischen fast 106 Jahre alten Dame befürchtet. Doch sie ist immer noch recht gut beieinander, und von ihrer liebenswürdigen Garstigkeit hat sie nichts verloren. Hier ist sie,

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Grüß Gott, liebe Leser!

Nach längerer Pause greife ich wieder zur Feder, um ein neues Kräuterrätsel zu notieren. Im Augenblick fällt mir dazu nichts Rechtes ein, aber das kann sich beim Schreiben ja noch ändern. Deshalb nutze ich die Zeit, um Ihnen zu berichten, wie ich die Wintermonate verbracht habe. Ich habe damit begonnen, meine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Da hat sich eine Menge angesammelt.

Bis zu meinem 21. Lebensjahr war ich ziemlich lebenslustig und habe keinen Tanzboden ausgelassen. Als mich aber der Gustl umgarnte und schließlich heiratete, war Schluss mit der Lebenslust. Gustl war eben sehr phlegmatisch und häuslich, und eifersüchtig war er noch dazu. Also entsagte ich schweren Herzens der Vergnügungen und erfüllte meine Berufung zur Kräuterfrau. Wie alle meine Ahninnen zuvor.

Aus meiner lebenslustigen Zeit sind mir viele Feste in lebhafter Erinnerung, solche zur Jahreszeit wie Maienfeier, Sonnenwende und Erntedank, natürlich auch die vielen kirchlichen Feiern. Alle habe ich gemocht, nur der Fasnetsgaudi konnte ich nie etwas abgewinnen. Da setzten die schlimmsten Griesgrame aus Pfaffenbrunn ihre Narrenkappen auf, und wie auf Befehl waren sie bis Aschermittwoch fidel und schlugen über die Stränge. Selbst Hochwürden Bierbichler selig und seine frömmelnde Frauengemeinschaft gaben sich für ein paar Wochen spaßig.

Ich nicht! Und trotzdem konnte ich mich den Nachwirkungen des Treibens nicht ganz entziehen, denn in der Folge maßloser Besäufnisse war es in der Fastenzeit meine regelmäßige Aufgabe, einer großen Zahl reumütiger Narren vom Sterbebett wieder auf die Beine zu helfen. Ich erspare Ihnen die lange Liste der Dorfhonoratioren und sittsamen Frauenzimmer, die sich durch die Hintertür in meine Kurierstube schlichen und zerknirscht Besserung gelobten und um Hilfe nachsuchten.

Die starke Nachfrage nach einem passenden Mittel ließ mich zeitweilig schier verzweifeln; einem Kater und einem schlechten Gewissen ist ja auf mannigfache Weise beizukommen. Dann brachte mich das Studium der handschriftlichen Aufzeichnungen meiner Vorfahrin Eulalie von Bärenclau auf den richtigen Weg. „Nimm, was die Natur im Überfluss bietet“, lautete der weise Rat.

So verlegte ich mich in milden Wintern auf ein sehr verbreitetes Wiesenkraut, das mir bereits als Bestandteil einer blutreinigenden Frühjahrskur bekannt war. Aus diesem Kraut bereitete ich für die vielen Pfaffenbrunner Trunkenbolde eine Fastensuppe, was meinen größten Topf erforderte. Dann mussten die Erholungsbedürftigen Besserung geloben und ihre Suppe auslöffeln. Besonders gemocht haben manche sie nicht, aber geholfen hat sie allen. Nur dem alten Vilsmayer, dem Großvater unseres heutigen Apothekers, verschrieb ich einen Rollmops, weil er es mit den Nieren hatte. Da ist das Kraut ganz und gar unpassend.

Das Kräutlein ist sehr vielseitig und schon seit Horaz im Gespräch. Es regt den Appetit an und fördert die Verdauung. Ein Aufguss, der das Blut reinigt, hilft bei mancherlei Hautleiden. Eine Maske aus fein gehackten Blättern zieht große Poren zusammen.

Übrigens ist das Kraut in Russland und in Frankfurt besonders beliebt und kann bei richtiger Zubereitung zu wohl mundenden Gerichten verarbeitet werden. Und dazu muss man sich keineswegs vorher besaufen. Dem geheimen Rat Goethe schmeckte es besonders in einer Sauce, die er sich extra vom Mütterlein schicken ließ. Die wird bis heute gern genommen.

Jesus, jetzt habe ich mich in meinen Erinnerungen verloren und darüber völlig das Rätsel vergessen! Ich werde wohl alt, im nächsten Monat schon 106, auch das spukt mir im Kopf herum. Am besten, ich spare mir ein neues Rätsel für den nächsten Monat auf, denn eine Ruhe will ich jetzt.

Natürlich steht es Ihnen frei, liebe Leser, auch ohne Rätsel eine Lösung aufzuschreiben. Schließlich sind in unserer verzwickelten Zeit Lösungen stets gefragt.

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

Die Rätselfrage lautet:

Mit welchem Kraut kurierte Creszenzia Niedernhuber die reumütigen Trunkenbolde?

Die Lösungsantwort: