header

Juni-Preisrätsel (2008)

Aus Pfaffenbrunn, der eigentümlichen Heimat einer geschätzten Kräuterfrau, erreicht uns ein neuer Bericht. Frank und frei berichtet unsere Stammautorin über eine drastische Behandlungsmethode:

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Grüß Gott, liebe Leser!

Gewiss werden Sie mir zustimmen, wenn ich sage, dass die Wünsche alter Leute zu respektieren sind. Doch wer kann schon darauf vertrauen? Erst vor wenigen Wochen hatte ich mit Blick auf mein hohes Alter verkündet, unser liebenswürdiges Dorf Pfaffenbrunn bis zu meinem Lebensende nicht mehr verlassen zu wollen. Doch dann kam meine Urenkelin Merle vorbei und bestimmte, ich solle ihr neues Auto kennenlernen. Ehe ich mich versah, saß ich schon drin, und Merle steuerte schnurstracks das Anwesen ihrer Familie in Beutelsbach an. Der Gedanke an lärmende Ururenkel mit mutmaßlich absonderlichen Vornamen lies mich grausen, doch Merle lockte mich mit Lobenshymnen auf ihren wunderschönen Garten.

Ehrlich gesagt, Merles Garten hat mir überhaupt nicht gefallen, lauter immergrünes Zeugs, eine nutzlose Rasenfläche und ein paar langweilige Allerweltsstauden. Die reinste Ödnis für eine Kräuterfrau wie mich. Doch immerzu der Wahrheit verpflichtet, muss ich auf eine Ausnahme verweisen: Eine hübsche kleine Pflanze, die etwas abseits rings um einen Haselstrauch einen dichten Teppich gebildet hatte. In meinem eigenen Garten wächst sie seit vielen Jahren nicht mehr, erinnert sie mich doch zu sehr an einen eher fragwürdigen Behandlungsversuch, der nicht gerade auf dem Ruhmesblatt meines Kräuterfrauenlebens steht.

Vom Heubl Viktor habe ich Ihnen ja schon erzählt, er war Pfaffenbrunns leistungsstärkster Säufer und Raufer. Eines Tages, nicht aus Einsicht, sondern weil seine Frau Line ihm mächtig zusetzte und mir hilfesuchend in den Ohren lag, sollte er der Sauferei entsagen. Dieses Ansinnen seiner Frau eröffnete er mir verschämt und etwas halbherzig in meiner Kurierstube. Um Line zu helfen, griff ich zu einem drastischen Mittel.

Viktor versprach mir ehrenwörtlich, künftig nach jeder Maß ein Tässchen von dem Sud zu trinken, den ich ihm aus den Rhizomen der kleinen Pflanze zubereitete. Ich erklärte ihm, es sei Pfeffertee. Den führte er diskret in einer Thermosflasche stets mit sich. Das Ergebnis war beeindruckend: Kaum hatte Viktor das erste Bier und etwas von dem Sud getrunken, wurde ihm so furchtbar speiübel, dass er die Schankstätte in Windeseile verlassen musste, um sich möglichst ungesehen übergeben zu können. Im Laufe der Zeit entwickelte er eine tiefe Abneigung gegen jede Form von Alkohol, hatte sich doch in seinem Kopf unausrottbar die Vorstellung eingenistet, dieser lasse ihn erbrechen. Heubl Viktor wurde trocken.

Dass dem Menschen vom Genuss dieser Pflanze speiübel wird, ist altbekanntes Wissen. Schon der botanische Name deutet auf Ekel hin. Bereits im Mittelalter soll es genusssüchtige Bulimiker gegeben haben, die mit Hilfe dieser Pflanze im Magen Platz für die Fortsetzung höfischer Gelage schufen. Viele volkstümliche Bezeichnungen weisen auf diese Wirkung hin.

Nun kommen Sie, liebe Leser, bloß nicht auf die Idee, das Mittel im Selbstversuch zu erproben! Abgesehen von seiner unappetitlichen Wirkung ist es giftig. Kein Wunder, wenn sich der Organismus gegen so etwas zur Wehr setzt. Der Heubl Christian hat dann später übrigens überall herumerzählt, ich wollte ihn vergiften. Ich sagte Ihnen ja bereits, dass ich auf diese Behandlung nicht besonders stolz bin.

Sie ahnen etwas, sind aber noch unsicher? Dann will ich Ihnen noch ein wenig auf die Sprünge helfen: Aus der Form der Blätter leiteten frühere Heilkundige die Vermutung ab, die Pflanze sei hilfreich gegen Ohrenkrankheiten. Das ist zwar finsterer Aberglaube, aber wenn es bei der Auflösung hilft…

Für alle Fälle stehen für Sie ein paar gute Wünsche parat, die Sie sich am besten persönlich bei mir abholen. Dann können wir uns ja mal kennenlernen.

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

Nachschriftlich: Ein wenig nagt es ja doch an mir, dass ich den hübschen Bodendecker aus meinem Garten verbannt habe. Vielleicht frage ich Merle, ob sie mir ein paar Ableger schenken kann. Mit der Großmut des Alters sollte eine Kräuterfrau auch Pflanzen ertragen können, die einfach nur schön sind. Sag ich! Und Sie, liebe Leser, sollten sich das merken.

Die Rätselfrage lautet:

Mit welcher Pflanze kurierte Creszenzia Niedernhuber die Trunksucht des Heubl Christian?

Die Lösungsantwort: