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Juni-Preisrätsel (2007)

„Und als das Rehlein ging zur Ruh, das Häslein tat die Augen zu, erlegte sie direkt von vorn, den Gatten über Kimm und Korn.“ Das kennen wir aus Loriots berühmten Gedicht „Advent“. Doch Schusswaffengebrauch war beim Meucheln des Gemahls noch nie das Mittel der Frau, wie auch der Bericht unserer Autorin bestätigt:

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Grüß Gott, liebe Leser!

In meinem hohen Alter überkommt es mich immer häufiger besinnlich. Ich bin 106 Jahre alt, habe mein Lebtag im Dienste der Gesundheit gestanden und blicke auf eine lange Ahnenfolge von Kräuterweiblein zurück, die sich ebenfalls auf Heilkunst verstanden. Doch seit mich Hochwürden Bierbichler selig zu strenger Ehrlichkeit angehalten hat, will ich meine Vorfahrinnen nicht verklären, sondern freimütig gestehen, dass es auch schwarze Schafe gab. Eine von diesen war Margarethe von Bärenclau, missratene Nichte der geschätzten Eulalie. Sie lebte und wirkte im Flecken Höllbruck, wo sie als schwarze Gretel einen zweifelhaften Ruf genoss.

Gretel verfügte nicht nur über eine beachtliche Heilkunst, sondern war auch eine geschätzte Witwenmacherin. Dieser Aufgabe ging sie im Stillen mit der gebotenen Umsicht nach. Nach und nach keimte jedoch in der Höllbrucker Männerwelt der Verdacht auf, das regelmäßige Hinscheiden ausgerechnet der ärgsten Mannsbilder könne kein Zufall sein. Vorsichtshalber verboten manche Männer ihren Gattinnen jedweden Kontakt mit der schwarzen Gretel, doch das erwies sich als nutzlose Vorbeugung.

Wenn ich Sie jetzt, liebe Leser, auf die Spur von Gretels bevorzugter Sterbehilfe bringe, so geschieht dies in der dringenden Hoffnung, dass Sie irregehen. Aber man weiß ja nie…

Natürlich wusste Gretel, dass schon im Altertum Pfeile und Speerspitzen mit einem Sud aus dieser Pflanze versehen wurden, um auch bei leichten Verwundungen einen sicheren Tod herbeizuführen. Gretel hingegen schätzte das unauffällige Hinscheiden der missratenen Kerle, und so versorgte sie die ungeduldigen Ehefrauen mit präparierten Getränken, die eine zuverlässige Entbindung von der Seele gewährleisteten. Die hierzu erforderliche heimische Pflanze fand sie an kühlen, eher schattigen Standorten. Bei einem Meter Wuchshöhe ist sie kaum zu übersehen, und die immer wieder notwendigen Ernten konnten der langlebigen Staude mit den hübschen Blüten nichts anhaben.

Dabei kann das Mittel in der Hand der erfahrenen Kräuterfrau durchaus segensreich wirken. Richtig dosiert, beruhigt es Herz und Nerven, wirkt schmerzstillend bei Rheuma und Gicht und lindert fiebrige und entzündliche Erkrankungen. Aber das kann nur eine erfahrene Kräuterfrau beurteilen – Eigenbehandlung führt unweigerlich ins Jenseits, denn die Pflanze gehört nun einmal zu den giftigsten überhaupt!

Gretel wurde übrigens niemals überführt. Sie lebte bis ins hohe Alter friedlich in Höllbruck und gründete noch den Höllbrucker Blauhelm Witwenbund, der sich dank Gretels segensreichem Wirken einer stetig wachsenden Mitgliedschaft erfreute. Großzügige Spenden des örtlichen Bestatters ermöglichten den Damen erinnerungsreiche Treffen bei Kaffee und Kuchen und die Ausrichtung der beliebten Höllbrucker Weihnachtstombola, bei der sich allerdings nie ein Mann sehen ließ.

Wie ich schon erwähnte: Für Sie wäre es am besten und für Ihre Mitmenschen am gesündesten, wenn Sie das Rätsel gar nicht lösen könnten. Deshalb verschließe ich an dieser Stelle meine Lippen. Hoffen Sie auch nicht auf die ansonsten üblichen guten Wünsche – die gibt es diesmal nicht.

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

Die Rätselfrage lautet:

Wie heißt die Pflanze, die Sie besser nicht herausfinden sollten?

Die Lösungsantwort: