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Juni-Preisrätsel (2006)

Das Leben in Pfaffenbrunn geht weiter. Nach den Aufgeregtheiten im April ist wieder Ruhe eingekehrt. Die Menschen gehen ihrer Arbeit nach, sie feiern und sie streiten. Alles wie immer. Doch auch in dieser Idylle kann das Schicksal tiefe seelische Wunden reißen. Dann schlägt die Stunde unserer verehrten

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Grüß Gott, liebe Leser!

Glauben Sie mir: Es ist nicht immer leicht, auf seine alten Tage noch berühmt zu werden. Seit es auch in Pfaffenbrunn diese neumodischen Internets gibt, hat sich schnell herumgesprochen, dass ich für den Gaissmayer Dieter aus meinem Leben als erfolgreiche Kräuterfrau berichte. Jetzt kann ich keinen Schritt mehr vor die Tür gehen, ohne dass die Leute nach neuen Rätseln oder alten Rezepturen fragen. Neulich habe ich einer durchreisenden Familie sogar meinen Namen in ein Kräuterbuch schreiben müssen!

Der Briefträger Meininger Kurtl stöhnt schon über die Berge von Post, die er mir zustellen muss. Liebe Briefeschreiber, so viele Anfragen kann ich mit 105 Lebensjahren wirklich nicht mehr beantworten. Lesen Sie lieber, was ich Ihnen zu berichten habe, das ist bestimmt nützlicher.

Heute erzähle ich Ihnen die Geschichte vom Tuchscherer Alois, den kennen Sie schon, er ist der Vater vom Buben Maik, der mir mal einen bösen Streich mit den baldrianverrückten Katzen gespielt hat. Lange bevor der Tuchscherer Alois heiratete und Vater wurde, ging er auf Freiersfüßen. Doch obwohl er ein ansehnliches Mannsbild war und kein Schützenfest zwischen Marktl und Beutelsbach ausließ, einmal sogar in Wurmannsquick Ausschau hielt, blieb seine Suche nach einer Braut vergebens.

Sie können den Grund seiner Erfolglosigkeit nicht kennen, deshalb verrate ich ihn: Alois war mit einer großen Warze geschlagen, die sich zu allem Übel direkt über seiner Oberlippe festgesetzt hatte. In seiner Not ließ er sich einen stattlichen Schnauzbart wachsen, doch selbst daraus lugte die scheußliche Warze hervor. So kam er zu seinem Spottnamen Tuchscherer-Nippl.

Irgendwann konnte ich sein Elend nicht mehr mit ansehen, und ich bestellte den Alois in meine Kurierstube. “Zuerst muss der Schnauz weg!” hieß ich ihn, was er zwar grimmig, aber unverzüglich tat. Dann trug ich ein vorbereitetes Elixier auf die Warze, legte ein Stückchen Mull darauf und fixierte es mit einer Bartbinde aus dem Bestand meines Gustl, der damals noch nicht vom Apfelbaum gefallen war.

Ich gebe ja gern zu, dass der Tuchscherer Alois in dieser Ausstattung etwas lächerlich daherkam, aber was sein muss, muss sein. Sag ich.

Die Prozedur sei täglich zweimal zu wiederholen, gebot ich dem bedauernswerten Alois und gab ihm dafür gleich ein Fläschchen mit dem Elixier. Zwei Wochen später, zu Neumond, bestellte ich ihn zur ersten Nachuntersuchung. Und siehe da: Die Warze war um mehr als die Hälfte geschwunden. Das war auch dem Alois nicht entgangen, und so ertrug er drei weitere Wochen tapfer den Spott seiner Mitmenschen wegen der Bartbinde.

Am Ende fügte sich wie so oft alles zum Besten. Die Warze verschwand vollends und kam niemals wieder. Alois besuchte nach seiner Heilung das Schützenfest in Grongörgen und präsentierte kurz darauf dem staunenden Volk in Pfaffenbrunn eine Braut aus gutem Haus und von betörender Schönheit. Zur Hochzeit bekam ich einen ganzen Schinken.

Jetzt fragen Sie sich vielleicht, liebe treue Leser, was das wohl für ein Zaubermittel gewesen sein mag. Da will ich Ihnen ein wenig auf die Sprünge helfen. Es entstammt einem wild wachsenden Kraut, das etwas mit Schwalben zu tun hat: Es blüht auf, wenn die Schwalben aus dem Süden kommen und verblüht erst, wenn sie wieder südwärts ziehen. Die Pflanze enthält einen gelblichen Saft, den bereits meine Urahnin Eulalie von Bärenclau erfolgreich gegen Warzen und Hühneraugen verwendet hat.

Nur für solche äußeren Anwendungen nutze ich das Kraut, auch wenn in den Aufzeichnungen meiner Urahninnen noch andere Heilwirkungen beschrieben sind, zum Beispiel bei Leber- und Galleleiden. Aber weil die Pflanze giftig ist, nehme ich zur Behandlung dieser Leiden selbstverständlich andere, ungiftige Kräuter.

Sie wissen noch nicht, um welches Kraut es diesmal geht? Schade, dann können Sie das Rätsel leider nicht lösen. Also denken Sie ein Weilchen nach, sag ich. Meine guten Wünsche begleiten Sie. Eine Packungsbeilage enthält das Wildkraut leider nicht. Da müssen Sie notfalls Ihren Arzt oder Apotheker fragen.

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

Die Rätselfrage lautet:

Mit welcher Pflanze kurierte Creszenzia Niedernhuber den Tuchscherer Alois?

Die Lösungsantwort: