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Juni-Preisrätsel (2003)

Asteraceae

Jetzt hat Karl-Heinz seinen Ruf weg. Die Nachbarn halten ihn für einen wunderlichen Kauz, seit er unter dem Siegel der Verschwiegenheit offenbart hat, übersinnliche Fähigkeiten zu besitzen. Natürlich hat er es allen erzählt. Er könne, so sein Geheimnis, Pflanzen beim Gespräch belauschen. Zum Beweis gibt er den Dialog zweier Kräuter wieder:

„Sdrastwuitje, moi drug“, soll das eine von ihnen gesagt haben, „wie fühlst du dich eigentlich in diesem rauen Klima? In meinem riesigen Heimatland haben sich meine Vorfahren wunderbar daran angepasst.“

„Bonjour, mon ami“, antwortet das andere, „danke der Nachfrage, aber ich habe mich längst daran gewöhnt, auch wenn meine Ahnen aus lieblicheren Gefilden stammen.“

„Was ich Dich schon immer fragen wollte: Warum glauben die Menschen eigentlich, du wärest etwas Besseres? Schließlich sehen wir uns ziemlich ähnlich.“

„Zugegeben, was das Erscheinungsbild betrifft, so gibt es Gemeinsamkeiten. Vielleicht bist du sogar größer und stärker als ich, du machst dich ziemlich breit. Doch Gott sei Dank entscheiden sich die Menschen für innere Werte, zumindest bei uns Kräutern.“

„Dich hat man vornehm durch Stecklinge vermehrt, ich bin ein einfacher Samenabkömmling. Meinst du das?“

„Ach was, das sind doch Nebensächlichkeiten. Ich denke viel mehr an mein subtiles Aroma.“

„Da bin ich aber mal gespannt, was du mir in dieser Hinsicht voraus haben willst.“

„Na ja, ich gelte eben als der Feinere von uns beiden. Die Menschen sagen, ich sei ein Gourmetkraut. Wie das schon klingt: Salsa al dragoncello, chicken with tarragon oder sauce béarnaise…“

„ S-a-l-s-a wie? Und was sagen sie über mich?“

„Du bist herb, dich trinkt man als Tee.“

„Für ein schlichtes Gemüt wie mich heißt das: Ich bin für fast gar nichts gut, während du als Zutat für Gerichte mit komplizierten Namen geschätzt wirst?“

„Du übertreibst. Auch meine Verwendungsmöglichkeiten sind nicht unbegrenzt. Und mancher weiß gar nichts mit mir anzufangen, anderenfalls wäre ich wohl kaum noch hier.“

„Schau dich um, da kommt der Koch. Wenn du Recht hast, kann ich ja beruhigt sein.“

„Das ist die Kehrseite des Ruhms, es geht mir an die Stängel. Au revoir, mein robuster Nachbar. Ich fürchte, wir werden uns nicht wiedersehen. Hoffentlich lässt er mich nicht vertrocknen.“

„Das hast du nun von deinem subtilen Aroma. Dos widanja, Brüderchen.“

So weit Karl-Heinz. Er sagt, er hätte sich ganz still weggeschlichen, weil er nicht wusste, welches Kraut er eigentlich trösten sollte. Doch wahrscheinlich wollte er nur nicht zugeben, dass er die Sprache der Pflanzen zwar versteht, doch gar nicht sprechen kann.

Die Rätselfrage lautet:

Wie heißt der "aromatische Nachbar"?

Die Lösungsantwort: