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Juli-Preisrätsel (2008)

Er habe eine Christopherus-Medaille an seine Orgel geheftet und sei seither noch nie mit einer anderen Orgel kollidiert, wusste einst ein Spaßvogel im Fernsehen zu berichten. Darf Aberglauben so veralbert werden? Zu einer differenzierten Sichtweise rät unsere erfahrene

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Grüß Gott, liebe Leser!

Sie fragen, ob meine Mitmenschen in Pfaffenbrunn abergläubisch sind? Das soll ja auf dem Land noch weit verbreitet sein. Ich darf Ihnen versichern, dass Hochwürden Bierbichler selig aufopferungsvoll solchen Unsinn ausgerottet hat. Seither wird bei uns einem fachgerecht gespendeten Blasiussegen am Lichtmesstag im Februar mehr Schutz vor dem Ersticken an einer Fischgräte zugetraut als den früher üblichen Freitags-Beschwörungen wie zum Beispiel diesen:

„Fischlein lass die die Gräten dein
nicht in meinen Hals hinein.“

Oder:

„Lieber Fisch, bewahre mich
vor Atemnot und Grätenstich.“

Alles Mummenschanz. Sag ich!

Das bedeutet freilich nicht, dass auf altbewährte Schutzmittel gänzlich verzichtet wird. Zwar haben die Bauern unter der Tyrannei der Versicherungen auf ihren Häusern und Scheunen Blitzableiter anbringen müssen, doch wer genauer hinschaut, erkennt überall kleine, im Sommer hübsch blühende Dachbegrünungen. Nach alter Überlieferung schützt dieses „Wetterkraut“ zuverlässig vor Blitzschlag. Das wusste schon Kaiser Karl besser als ein gewisser Herr Kaiser von der Versicherung.

Ist das Aberglaube? Ich bin mir nicht sicher. Schließlich steht nun einmal fest, dass dort, wo Blitzableiter und Wetterkraut zusammenstanden, kein Einschlag überliefert ist. Deshalb sehe ich keinen Grund, die Pflanze vom Dach meines eigenen Hauses zu entfernen. Zusätzlich pflege ich in meinen Garten einen größeren Bestand, denn seit der unerfreulichen Geschichte mit Helge (der in Wirklichkeit ein Junge ist) sorge ich vor. Das mit Helge muss ich Ihnen unbedingt erzählen:

Helge ist der Sohn der Scharnagl Zenzi und ungeraten wie alle Bengel. Ein paar Jahre ist es her, da entdeckte er das Einflugloch eines Wespennestes. Zuerst reizte er die Insekten mit einem langen Stock, dann goss er eine Gieskanne voll Wasser in das Einflugloch. Das mochten die Biester nicht hinnehmen. Sie schwärmten schlagartig aus und fielen über Helge her. Groß war das Geschrei, und wenige Minuten später stand er mit seiner Mutter Zenzi in meiner Kurierstube. Grundgütiger, wie hatten ihn die Wespen zugerichtet: Ganz verschwollen war sein Gesicht, dazu etliche Stiche in Arme und Beine.

So verpasste ich dem Helge zuerst eine prophylaktische Watschen gegen Wiederholung, danach trug ich den Saft des Wetterkrautes auf. Der wirkt kühlend und abschwellend. Dass Helge auch noch in die Hosen genässt hatte, war allerdings nicht auf die Wirkung des Gels zurückzuführen, obwohl es als harntreibend gilt. Das hatte zuvor schon der Schreck geschafft.

Im Fall des ungezogenen Helge reichte mein kleiner Vorrat an der Pflanze nicht aus, deshalb musste die Scharnagl Zenzi flugs aufs eigene Dach steigen und den kompletten Bestand des Wetterkrautes zur Behandlung ihres Sprösslings herbei schaffen. Seither kultiviere ich vorsichtshalber eine größere Menge. Man weiß ja nie… Wenige Tage später traf die Familie Scharnagl übrigens ein neuerliches Unglück, denn zum ersten Mal schlug der Blitz ein und zerstörte das neue Fernsehgerät. Einen Blitzableiter gab es nicht.

Nun, liebe Leser, sind Sie der Lösung des Rätsels auf der Spur? Nein? Dann dürfte Ihnen auch der Hinweis nicht weiterhelfen, dass früher Hühneraugen mit einem Sud aus der Pflanze erweicht wurden, um sie leichter entfernen zu können. Als letztes Mittel kann ich Ihnen für eine erfolgreiche Lösung nur noch meine guten Wünsche anbieten. Machen Sie damit, was Sie wollen. Sag ich!

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

Nachschriftlich: Nach nunmehr vier Jahren der Schriftstellerei im Dienste des Gaissmayer Dieter und der Aufklärung geht meine Kraft zur Neige. Schließlich bin ich schon 107, wer arbeitet noch in diesem Alter? Also sage ich den vielen treuen Rätselfreunden Abschied und bedanke mich sehr herzlich für die vielen elektrischen Briefe, die mich immer wieder aufgemuntert haben. Vielleicht treffen wir uns mal in Pfaffenbrunn, das würde mich freuen. Ob es weitere Rätsel geben wird? Bestimmt. Ich lasse mir davon erzählen. Die Familie Scharnagl hat schließlich so ein Internet.

Die Rätselfrage lautet:

Welche Pflanze soll vor Blitzeinschlag schützen?

Die Lösungsantwort: