header

Juli-Preisrätsel (2006)

Angst vorm Fahrradfahren? Kommt vor. Aber gleichzeitig auch Angst vorm Frühstück? Ob solcher Heimsuchung geraten wir ins Grübeln. Doch die Medizin lehrt uns: Was möglich ist, kommt vor. Über eine äußerst seltene Psychose und ihre Heilung informiert uns die unvergleichliche

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Grüß Gott, liebe Leser!

Nach dem letzten Rätsel war Pfaffenbrunn von unwilligem Murren erfüllt. Gewiss erinnern Sie sich, dass ich von der Brautschau des Tuchscherer Alois in Wurmannsquick erzählt habe. Diesen Dorfnamen aber darf bei uns in Pfaffenbrunn niemand aussprechen, denn es gibt eine alte Feindseligkeit zwischen denen und uns. Ihren Anfang hat sie genommen, als im Jahre 1672 der Sohn des Fürstbischofs, der in diesem sündigen Dorf wohnte, den armen Wilderer Schweinsteiger Bastl aus Pfaffenbrunn hinterrücks meuchelte. Soll sie der Teufel holen, diese Wurmannsquicker!

Das musste ich dringend klären, damit ich in Pfaffenbrunn nicht länger angefeindet werde. Nun aber zum neuen Rätsel:

Diesmal ist von einem Kraut die Rede, das schon eine halbe Ewigkeit für seine Heilkräfte bekannt ist. Selbst Griechen und Araber priesen seine heilenden Kräfte. Als Kaiser Karl der Große alle Klostergärten anwies, dieses duftende Heilkraut anzubauen, war es schon mehr als 800 Jahre in der Heilkunst in Gebrauch. Die verordnete Nähe zur Kirche ist dem Kraut treu geblieben, schließlich heißt es im Volksmund auch Pfaffenkraut. Natürlich steht es auch im Pfarrgarten von St. Vitus zu Pfaffenbrunn, den der selige Hochwürden Bierbichler eigenhändig angelegt hat. Sein Nachfolger Matthäus Lothar erntet im Juni immer reichlich von den mehr als halbmetergroßen Pflanzen.

Die Schulmedizin erkennt allein die beruhigende Wirkung des Krautes an, aber wie das so ist mit uns Kräuterfrauen: Wir schweigen und lächeln still vor uns hin, denn wir wissen mehr. Irgendwann habe ich mir die Mühe gemacht, alle mir bekannten Wirkungen und Anwendungen des Krautes in mein altes Notizbuch einzutragen. Und siehe da, sie reichten tatsächlich von A wie Asthma bis Z wie Zahnschmerzen.

Aber sie haben ja Recht, diese Schulmediziner. Alte Namen wie Herztrost und Nervenkräutel verraten, dass das Kraut bei Angst und nervöser Unruhe ausgezeichnete Dienste leistet. Zum Beweis erzähle ich Ihnen die traurige Geschichte von der Angst des Wildmoser Ferdl, dem ältesten der sieben Wildmoser-Kinder, die aber ein glückliches Ende nahm.

Schon in seiner Schulzeit litt der Ferdl an der äußerst seltenen F-Angst, die in der Medizinersprache Fi-Phobie genannt wird und nicht mit Angst vor Haustieren verwechselt werden darf. Die Symptome dieser Krankheit äußern sich in großer Angst vor allem, was mit dem Buchstaben F beginnt. Sie wurden beim Ferdl zu allem Unglück durch eine leichte Rechtschreibschwäche verstärkt.

Niemals sprach der Wildmoser Ferdl seinen Vornamen aus. Als junger Bub lehnte er konsequent die Einnahme des Frühstücks ab, Fahrradfahren und Fußballspielen kamen überhaupt nicht in Frage, und für das Gymnasium lernte er nur deshalb emsig, weil er nicht zur Fachschule gehen wollte. Fledermäuse waren Wiedergänger in seinen Alpträumen, an einen Führerschein wagte er gar nicht zu denken, und dass er kein Flugzeug bestieg, versteht sich von selbst. Muss ich noch über sein Ferhältnis zu Frauen sprechen? Ein Elend war’s, für seine Eltern gleichgar.

Lange hat sich der fobische junge Mann in meiner Kurierstube ausgeweint. Es war gar nicht so einfach, ein F-freies Heilmittel für den Ferdl zu finden. Fenchel fand er zum Fürchten. Schon der Gedanke an Fefferminze ließ ihn ferzweifeln. Ich musste Merle extra um ihren Duden bitten, um ihn zu überzeugen, dass Fytotherapie streng genommen gar kein F-Wort ist. Die richtige Behandlungsidee kam mir erst, als ich ihn Zitronenlimonade trinken sah. Ich verschrieb ihm also eine Kur mit drei Tassen täglich eines Tees aus den frischen Blättern des Rätselkrautes.

Die Wirkung war fänomenal: Ferdl fasste Mut im Umgang mit den leidigen F, indem er beim Bierholen das Fräulein Pichl Apolonia mit vollem Namen anredete, sich eine Freundin namens Friederike zulegte und zur Fahrschule ging. Stolz erzählte er später von der bestandenen Führerscheinprüfung – und dass er einen Fiat kaufen wolle. Auch Fliegen ist heute kein Problem mehr, und unlängst hat er gar ein wissenschaftliches Buch über Fledermäuse veröffentlicht.*

So kann es gehen, wenn eine lebenserfahrene 105 Jahre alte Kräuterfrau das richtige Mittel zur Hand hat! Nach solchen Erfolgserlebnissen, die mich innerlich stark berühren, genehmige ich mir gern einen kleinen Likör, den erstmals die Karmeliter mit diesem Kraut angesetzt haben sollen. Geistreich waren sie ja immer schon, die Klosterbrüder. Die Nonnen in Köln aber nicht minder.

Nun, liebe Leser, haben Sie eine Ahnung, welches nervenberuhigende Kraut hier gemeint ist? Ich glaube, dass ich es Ihnen diesmal nicht schwer gemacht habe, und meine guten Wünsche sind Ihnen sowieso sicher.

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

* Wildmoser, Ferdl: Mit Flugsäugern per Du. 844 Seiten. Prinz-Vlad-Verlag 2006 (Hermannstadt/Siebenbürgen)

Die Rätselfrage lautet:

Womit heilte Creszenzia Niedernhuber die F-Phobie?

Die Lösungsantwort: