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Dezember-Preisrätsel (2007)

Besinnlich – so ist sie eben auch, unsere betagte Kräuterfrau aus Pfaffenbrunn. Von ihrer Bettlägerigkeit weitgehend genesen, greift sie nochmals zur Feder, und schon hält ihre Lebenserfahrung einmal mehr Einzug in unsere Kammern.
Exklusiv berichtet für uns

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Immer häufiger, so will mir scheinen, überkommen mich in meinem gesegneten Alter Stunden der Besinnung und der Rückschau. Gerade jetzt um diese Jahreszeit denke ich an die vielen Generationen von Kräuterfrauen, die mir vorausgegangen sind. Mein langes Leben geht zu Ende, und ich bin wohl die letzte in dieser Reihe achtbarer Vorfahrinnen. Der Gedanke daran macht mir mein Herz schwer und erfüllt mich mit Wehmut.

Trotzdem will sich keine Bitternis einstellen. Die Zeiten ändern sich, manches verstehe ich nicht mehr, und schließlich kann ich auf ein erfülltes Leben zurückblicken und sehne mich nach Ruhe. Die aufgeregten Zeiten und die Schulmedizin werden uns Kräuterfrauen wohl überflüssig machen, wenn die Medizin erst einmal herausgefunden hat, warum unsere Mittel wirken. Da waren wir viel bescheidener: Uns hat es gereicht zu wissen, dass unsere Mittel wirken. Kurzum, wir wurden gebraucht.

Irrtümer in meiner Zunft – die hat es sicherlich auch gegeben. Auch Hokuspokus war zuweilen dabei. So findet sich in meinen Aufzeichnungen die Geschichte einer gewissen Leonie Löwenschwanz, die im frühen 17. Jahrhundert rund um Ulm ihre Mitmenschen mit Kunststückchen zu verblüffen wusste. Einmal soll sie gar behauptet haben, ein Jungschwein in eine fette Sau verwandeln zu können. Doch als der Rauch sich hob, erhielt der Bauer, der ihr guten Glaubens ein mittelschweres Ferkel zur Schnellmast anvertraute, nur einen mageren Stallhasen. Leonie hatte geflunkert.

An die Löwenschwanz Leonie musste ich denken, als mir meine Urenkelin Merle neulich einen Artikel über ganz neue medizinische Forschungen vorlas. Darin ging es nicht um Hokuspokus, sondern um ein ganz spezielles Kraut, für dessen Wirkungen sich neuerdings auch die Wissenschaft interessiert. Für mich bleibt dieses Kraut immer mit der Löwenschwanz Leonie verbunden. Ihren Notizen verdanke ich mein Wissen um das segensreiche Kraut, das mir besonders in den hastigen Zeiten, wo alle Menschen ständig auf der Flucht oder auf der Jagd nach irgendwas zu sein scheinen, sehr gute Dienste geleistet hat.

Auch das liebliche und vormals so beschauliche Pfaffenbrunn ist im Hier und Heute längst angekommen. Hektik und Stress sind auch bei uns keine Fremdwörter mehr. So finden sich immer mehr junge Leute in meiner Kurierstube ein, die über nervöse Herzbeschwerden klagen. Zuletzt kam gar unser umtriebiger Bürgermeister, der Singerl Fredi, dem früher nichts schnell genug gehen konnte. Es werde ihm alles zu viel, klagte er. Sein Herz sei für die ruhelosen neuen Zeiten wohl nicht gemacht. Und seine Frau, die Singerl Resi, mache alles nur noch schlimmer, weil sie ihm von morgens bis abends mit Klagen in den Ohren liege, sie wolle aussteigen, nach Thailand auswandern und dort den ganzen Tag faul am Strand zubringen. Überhaupt sei dort das Leben viel geruhsamer und genügsamer und Sonne gäbe es gratis dazu. Was soll man dazu sagen, liebe Leser?

Ich ermahnte den Singerl Fredi also zur Gelassenheit, empfahl ihm Muße und verordnete einen extra starken Sud aus der bewährten Pflanze der Löwenschwanz Leonie. Die wächst seit Jahren in meinem Kräutergarten und wird etwa einen Meter hoch. Im Sommer erfreue ich mich an ihren rosaroten Lippenblüten und den lustigen Blattschöpfen. Übrigens: Der Singerl Fredi und seine Resi sind immer noch im Lande. So einfach ist es wohl doch nicht, Guddbei Deutschland zu sagen…

Kommen Sie gut und ohne Hetze durch den Winter und achten Sie auf Ihr Herz. Gute Wünsche gefällig? Bitte sehr, hier sind sie.

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

Die Rätselfrage lautet:

Wie heißt das Kraut, das Creszenzia Niedernhuber bei nervösen Herzbeschwerden verordnet?

Die Lösungsantwort: