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August-Preisrätsel (2005)

Täuschung und Drangsal, Schicksal und Begehrlichkeit: Wie unter einem Vergrößerungsglas erweist sich Pfaffenbrunn als Mikrokosmos unserer Gesellschaft. Mittendrin die älteste Einwohnerin, 104 Jahre alt, schöpfend aus einem schier überquellenden Fundus an Erinnerungen und Erfahrungen.
Exklusiv und nur bei uns schreibt

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Grüß Gott, liebe Leser!

Weil heutzutage alle über Schule in Italien reden, möchte ich Ihnen vom Schermbach Poldi erzählen. Bis zu seiner Pensionierung war er Dorflehrer der St. Vitus-Volksschule in Pfaffenbrunn, aber das ist schon über zwanzig Jahre her.

In seiner Schule war Poldi wegen seiner Strenge gefürchtet, und wenn er es für nötig hielt, half er der Erziehung mit einer Weidenrute nach. Alle Kinder hatten Angst vor ihm. Eines Tages aber erhielt er Besuch vom Lautenschläger Xaver, dem Waldbauern. Seine Tochter Hildegard wollte vor Angst nicht mehr zur Schule gehen. Der Lautenschläger Xaver verpasste dem Schermbach Poldi kurzerhand eine Watschn und sprach nur wenige Worte zu ihm. Danach war Poldi wie verwandelt: „Wenn Du noch einmal ein Kind schlägst, bekommst Du gleich zwei Watschn und ich erzähle allen Leuten in Pfaffenbrunn, dass Du kein geborener Schermbach bist!“ Der Lautenschläger hatte nämlich erfahren, dass der Schermbach seinen früheren Namen geändert hatte: Ein Mitlaut verschoben, ein Selbstlaut raus – fertig war der neue Schermbach! (Wäre das nicht eine schöne Aufgabe für die Schule in Italien?)

Jetzt denken Sie vielleicht, die Niedernhuber Creszenzia ist narrisch geworden, weil sie Namensrätsel und Heilkräuterrätsel durcheinander bringt. Keine Sorge, ich bin immer noch gut beieinander, und hier kommt das richtige Rätsel:

Er war ja nicht gerade ein stattliches Mannsbild, der Schermbach Poldi, klein, dicklich und mit unreiner Gesichtshaut. Zu allem Übel war er auch noch mit einem lästigen Ekzem an der Schlaghand und zwei hässlichen Gesichtswarzen gestraft. Bei der Figur konnte ich nicht helfen, die Ess- und Trinklust war ihm auch mit Kräutern einfach nicht abzugewöhnen. Doch von seinen Hautproblemen konnte ich ihn befreien. Dazu verwendete ich ein Kräuter-Schmalz, das regelmäßig aufgetragen werden muss. Sie machen sich überhaupt keine Vorstellung, welche Wunder damit zu bewirken sind! Selbst an meine eigene Haut kommt seit mehr als 80 Jahren nur Wasser und das Kräuter-Schmalz!

Der Schermbach Poldi jedenfalls hat sich mit seiner reinen Haut als Adonis gefühlt und sogar versucht, die Erbin unserer Brauerei, Fräulein Pichl Apolonia, zu umgarnen. Er hat extra für die Pichl Apolonia überall im Schulgarten die Rätselpflanze ausgesät. Den Schülern hat er was von einer Blumenuhr erzählt, doch mir macht er nichts vor – schließlich habe ich ihm das Geheimnis mit dem Liebeszauber verraten. Doch Fräulein Pichl Apolonia ist zwar wohlhabend, aber nicht besonders gescheit. Selbst mit fünfzig hat sie noch schlechte Erinnerungen an ihre Schulzeit, da war für Poldi nix zu machen.

Salben aus der Rätselpflanze bietet auch der Vilsmayer Hannes an, unser Apotheker, aber das sind Ladenhüter, die Leute kommen ja viel lieber zu mir. Vielleicht wollte er mir das ja heimzahlen, als er vor einigen Jahren der Wildmoser Josepha, die mit den sieben Kindern, das wissen Sie ja, Blüten des Krautes als Safran andrehen wollte. So ein Schlawiner! Ich bin ihm natürlich auf die Schliche gekommen, weil die Josepha mich gefragt hat, ob Safran wirklich so billig ist. Sofort bin ich Vilsmayers Apotheke gelaufen und habe dem Hannes ordentlich den Kopf gewaschen. Das hat geholfen, denn später habe ich viel Gutes von ihm gehört.

Wieder einmal sehen Sie, dass auch in Pfaffenbrunn nicht alles so ist, wie es sein sollte. Das soll nicht verschwiegen werden.

Haben Sie herausgefunden, wie das Rätselkraut heißt? Schauen Sie mal in Ihre Hausapotheke, vielleicht ist es da drin. Aber oft hilft Nachdenken oder Nachschlagen. In jedem Fall begleiten Sie bei der Auflösung wieder meine besten Wünsche.

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

P.S.: Eine Ruhe hat er nicht gegeben, der Gaissmayer Dieter. Ich müsste nun endlich einen eigenen Briefkasten für elektrische Briefe bekommen, hat er mir gesagt. Jetzt bin ich schon 104 und nun habe ich einen. Was die komischen Zeichen bedeuten, weiß ich nicht, aber dies steht angeblich darauf: creszenzia.niedernhuber@gaissmayer.de
Meine Leserpost soll er mir aber schön auf Papier drucken!

Die Rätselfrage lautet:

Welcher Pflanze verdankt der Schermbach Poldi seine reine Haut?

Die Lösungsantwort: