header

April-Preisrätsel (2007)

Peinlich? Eine betagte, abgeklärte Kräuterfrau beichtet eine Jugendsünde und führt sich auf wie ein Backfisch. Doch am Ende stehen ein Gartenexperiment und eine Erkenntnis. Bühne frei für

Kräuterfrau Creszenzia Niedernhuber

Grüß Gott, liebe Leser!

Heute muss ich Ihnen etwas beichten, das ist recht schenant. Sie wissen ja, dass ich begonnen habe, meine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Außerdem steht schon wieder mein Geburtstag bevor. Und wie das so ist in meinem Alter: Die Überlebenden werden weniger, die Erinnerungen werden mehr, und Gedanken um vertane Möglichkeiten kommen auf. Ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis, aber das dürfen Sie nicht weitersagen. Als junge Kräuterfrau, damals war ich schon mit dem Gustl selig verheiratet, habe ich mich unsterblich verliebt. Rein platonisch natürlich, was denken Sie denn.

Das erste Mal sah ich ihn in einem dieser neumodischen Lichtspiele. Er war so schön und so elegant, doch gesungen hat er damals noch nicht. Später bin ich heimlich mit meiner diskreten Freundin nach Wien und nach Salzburg gepilgert und habe mir jede seiner Operetten angesehen. Sogar einen weißen Schal habe ich mir gekauft. Mein vertrauensseliger Gustl glaubte arglos, ich sei in den Bergen – zum Kräutersammeln und zur inneren Einkehr.

Jeden Zeitungsausschnitt über meinen Bel Ami habe ich gesammelt, ganze Stapel sind im Laufe der Jahrzehnte zusammen gekommen. Doch von Angesicht zu Angesicht gesehen oder gar gesprochen habe ich ihn nie. Jetzt, wo mein Leben zu Ende geht, überkam mich Wehmut. Ganz narrisch war ich und konnte an nichts anderes mehr denken. Schließlich habe ich mich meiner klugen Urenkelin Merle anvertraut. Geschichten aus der Steinzeit, hat sie da gesagt, und dass ich so etwas wie ein verhinderter Gruhpie sei. Und Merle, zupackend wie sie ist, hat mir einen Vorschlag gemacht.

Der Bewunderte, so fand sie heraus, sei auf der großen Buchmesse zu finden. Da fahren wir hin, entschied sie. Ich zog mein schönstes Kleid an, ging extra zum Friseur, legte den weißen Schal um und machte mich mit Merle aufgeregt wie ein Backfisch auf den Weg in die Stadt. War das ein Gedränge und Wichtig-Getue! Viele bedeutsame Menschen hatten viele bedeutsame Bücher geschrieben, weil sie viel Bedeutsames zu sagen hatten.

Wir trafen Evas Urenkelin, die das Mutterglück erfunden hat. Wir trafen Männer, die die Pilgerwege zum wahren Selbst kannten. Wir trafen Frauen, wie ich sie nur aus dem Fernsehen kannte: Gerafft und gestrafft mit merkwürdigen kleinen Schlauchbooten statt eines Mundes im Gesicht. Für mich sahen sie alle gleich aus, doch jede schien das Geheimnis der ewigen Jugend zu kennen. Ganz uralt fühlte ich mich da, aus der Zeit gefallen.

Doch schließlich sah ich ihn. Alt, zerknittert und fleckig war er geworden, obwohl er doch fast drei Jahre jünger ist als ich. Von meiner Schwärmerei für ihn wollte er nichts hören, peinlich war ich ihm. Eine zerknitterte uralte Hexe hat er mich genannt. Den Leuten hat er erzählt, dass er zwar so alt werden möchte, wie ich schon bin, aber nie so alt aussehen. Das hat mich ziemlich gekränkt, konnte ich mich doch zu meiner Zeit über einen Mangel an Avancen wirklich nicht beklagen.

Merle hat mich getröstet und mir erklärt, dass Männer heute so sind. Sind sie 45, wünschen sie sich – rein statistisch betrachtet – eine Frau, die 17 Jahre jünger ist. Werden sie älter, wird der Altersunterschied immer größer, weil Männer ab einem gewissen Alter auf wundersame Weise wieder jünger werden. Mit 100 wollen sie deshalb eine Frau, die ihrem gefühlten Alter entspricht, also etwa 55 Jahre alt ist. Aha! Diese Zeiten verstehe, wer will. Für mich ist das zu hoch. Ich weiß ja nicht mal, was dieses “statistisch” eigentlich bedeutet.

Die junge Frau meines Schwarms war dann noch sehr fürsorglich und mitfühlend und hat mir von der Schönheit des Alters und einem Jahrhundertleben vorgeschwärmt. Von Anti-Ädsching-Medizin des 21. Jahrhunderts hat sie gesprochen. Sie hat mir verraten, dass mein Idol auf eine goldene Wurzel schwört, die er sich aus Sibirien schicken lässt. Ein Jungbrunnen ganz ohne Chirurgenmesser sei diese Wunderpflanze und auch noch gut für das Gehirn. Was das alles mit Rosen zu tun hat, habe ich allerdings nicht mehr verstanden. Mir schwirrte der Kopf. Ich hab ihr meinen weißen Schal geschenkt und wollte nur noch nach Hause.

Was soll ich Ihnen noch erzählen? Wie erleichtert ich war, wieder bei meinen bodenständigen Pfaffenbrunnern zu sein, können Sie sich sicher vorstellen. Zuerst habe ich zusammen mit Merle alle alten Zeitungsausschnitte verbrannt. Dann habe ich den Gaissmayer Dieter nach der Wunderwurzel gefragt, denn schließlich kann ja eine uralte zerknitterte Kräuterfrau auch noch etwas dazulernen. Jetzt wächst die Anti-Ädsching-Fütomedizin in meinem Steingarten. Schöne knubbelige blaugraue Triebe erscheinen, und ab Mai soll sie blühen. Ich bin schon sehr gespannt. Und wer weiß, vielleicht müssen meine treuen Leser mich ja doch noch länger ertragen…

Sie wissen noch nicht, um welche wunderwirkende Wurzel es geht? Schade, dann können Sie das Rätsel leider nicht lösen. Notfalls müssen Sie eben eines dieser neumodischen Fütomedizinischen Ewige-Jugend-Ratgeberbücher lesen. Doch sagen Sie später nicht, ich hätte Sie nicht vor Risiken und Nebenwirkungen von Anti-Ädsching, Jugendwahn und Wunderglauben gewarnt.

Gott befohlen!
Ihre Creszenzia Niedernhuber

P.S.: Eines habe ich gelernt: Lang hat’s gedauert, doch nie wieder lasse ich einen Mann beurteilen, ob ich zu alt, zu zerknittert, zu dick oder zu dünn bin. Das sollten Sie auch so machen, liebe Leserinnen. Merle hat gelacht und gesagt, jetzt wird sie auf ihre alten Tage noch zur Feministin, meine Uroma Creszenzia. Soll sie. Jetzt muss sie mir nur noch erklären, was eine “Feministin” ist.

Die Rätselfrage lautet:

Wie heißt die sibirische Anti-Ädsching-Pflanze mit der Wunderwurzel?

Die Lösungsantwort: