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Staude des Jahres 2019

Wehrhaft und wertvoll!

Wir freuen uns, dass der Bund der Staudengärtner mit seiner Wahl der Staude des Jahres 2019 den Blick auf eine in der modernen Pflanzenverwendung mittlerweile unverzichtbare Pflanzengruppe richtet. Denn diesmal gilt die Ehrung nicht einer einzelnen Staude, sondern den Disteln ganz allgemein. Es tut ihrer Vielseitigkeit und Attraktivität zwar keinen Abbruch, aber botanisch betrachtet ist »Distel« gar keine eindeutige Bezeichnung. Tatsächlich rechnen wir eine Reihe gattungsübergreifender kratziger Schönheiten zu dieser Gruppe.

Vorreiter für ihre Karriere als reizvolle Gartenschätze war zweifellos die Avantgarde des neuen europäischen Pflanzendesigns mit den Niederländern Piet Oudolf, Henk Gerritsen und einigen weiteren »Andersdenkenden«. Sie revolutionierten in den späten Jahren des letzten Jahrhunderts den ihnen nicht mehr zeitgemäß erscheinenden Pflanzstil. Statt üppiger Prachtrabatten nach englischem Vorbild zogen nun robuste, naturnahe Stauden und Gräser ins Gartenbild ein. Hier durften auch die mal malerisch-bizarren, mal strukturbildenden und so erfreulich unkomplizierten Disteln nicht fehlen. Längst sind sie zu häufig verwendeten Gestaltungselementen dieser neuen Pflanzästhetik mit Themen wie »Prärie«, »Steppe« und »Kiesgarten« geworden - wohlbemerkt sind hier die echten Kiesgärten gemeint, nicht die fälschlich so bezeichneten toten Vorgarten-Steinschüttungen!

Heute, in Zeiten des Klimawandels, sind uns die wehrhaften Schönen doppelt willkommen, denn nicht nur ihre Attraktivität, auch Anspruchslosigkeit und Trockenheitstoleranz der meisten (nicht aller!) Arten und Sorten sind zunehmend unverzichtbar - und auch für die bedrohte Insektenwelt halten sie ein reiches Nahrungsangebot bereit.

Auf trockenen, durchlässigen Standorten lassen sich die hohen und niedrigeren Sorten der straff aufrecht wachsenden Kugeldisteln (Echinops) mit ihren dezenten bis betörend intensiven Blautönen - sogar eine weißblühende Auslese ist dabei - und den silbrig aufscheinenden Blattunterseiten wunderbar einsetzen. Die Fülle von Kombinationsmöglichkeiten lässt keine Wünsche offen.

Eine große Vielfalt hat uns die Gattung der zauberhaften Edeldisteln (Eryngium), auch Mannstreu genannt, zu bieten. Sie lieben ebenfalls sonnige, trockene Gartenplätze. Hier finden sich etliche sehr aparte, mal mehr, mal weniger hoch wachsende blausilberne Gestalten, deren Blüten meist ein stahlblauer »Kragen« aus dekorativen Hüllblättern schmückt, der ihnen einen ganz eigenen Reiz verleiht. Besonders eindrucksvoll präsentiert sich die herrliche zweijährige Elfenbeindistel (Eryngium giganteum) mit ihren imposanten Blütenköpfen. Talent zum Solitär haben zwei nordamerikanische Vertreterinnen dieser Gattung: Einer jungen Yucca zum Verwechseln ähnlich ist der exotisch wirkende Palmlilien-Mannstreu (Eryngium yuccifolium), während der Agavenblättrige Mannstreu (Eryngium agavifolium) sich offensichtlich Mühe gibt, mit seinen dornig gezähnten Blättern einer Agave möglichst ähnlich zu sein.

Auch die ein- bis zweijährige, wunderschön gezeichnete, purpurrot blühende Mariendistel (Silybum marianum), übrigens eine alte Heilpflanze, und die unter Schutz stehende Stängel-Silberdistel (Carlina acaulis ssp. simplex) mit ihren silbrig-weißen großen Blüten sind ein wunderbarer Blickfang im Garten. Auch diesen beiden sollten wir zum Gedeihen ein trockenes Milieu und viel Sonne bieten können.

Ganz anders verhält es sich bei der mit einem wenig charmanten Namen bedachten Purpur-Kratzdistel (Cirsium rivulare 'Atropurpureum') Zwar braucht diese langlebige, üppig wachsende Staude ebenfalls Sonne, aber möglichst feuchte, nährstoffreiche und kalkarme Standorte für ihr Wohlergehen. An solchen Plätzen wird sie uns über Jahre mit ihrer eindrucksvollen Gestalt und den über viele Wochen hervorgebrachten dunkelroten Blüten erfreuen.

Eine letzte, recht wenig bekannte »Kratzbürste« wollen wir Ihnen zum Schluss vorstellen: Die im Himalaya beheimatete Elfendistel (Morina longifolia). Sie schmückt sich mit exotisch anmutenden, duftenden, bis zu einem Meter hoch werdenden Blütenständen, deren Farbe allmählich von Weiß in ein liebliches Rosenrot übergeht. Für diese Steingarten- und Steppenbewohnerin muss der Boden wiederum trocken, durchlässig und möglichst kalkhaltig sein.

Nahezu alle Gartendisteln beschenken uns darüber hinaus mit reizvollen Wintersilhouetten, die Sturm, Eis und Schnee bis zum nächsten Frühling unerschütterlich Paroli bieten, während eine Vielzahl von heimischen Vögeln sich über die nahrhaften Samenstände freut!