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Züchtung ohne Absicht

Resistenzen gegen Bakterien, Pilze, Viren stehen heutzutage bei der Pflanzenzüchtung im Vordergrund. Wer möchte nicht gesunde Früchte ernten, wer ist nicht glücklich, wenn er eine reiche Ernte einfährt. Resistenzen sind allerdings nie von langer Dauer. Denn mit dem Anbau resistenter Pflanzen werden Schadorganismen „gezüchtet“, die in der Lage sind, die Resistenz zu überwinden. In der Vielzahl ständig neuer Mutanten befinden sich bald einige, die das "Schloss" knacken. So züchtet der Mensch unbeabsichtigt neue Schadorganismen. Neue Krankheiten treten auf, die Resistenzzüchtung ist also eine Arbeit ohne Ende.

Resistente Pflanzen züchtet der moderne Ackerbau auch durch den Einsatz von Herbiziden. Zur Zeit ist gerade der Ackerfuchsschwanz im Gespräch, gegen den die Agrarchemie machtlos zu sein scheint. Er ist ein in Wintergetreide auftretendes Gras, das sich sehr negativ auf den Ertrag auswirkt. Alopecurus myosuroides, so sein botanischer Name, hat den gleichen Wachstumsrythmus wie die im Herbst gedrillten Getreide, die im Juli/August reifen. Der Ackerfuchsschwanz war bei den Bauern schon immer unbeliebt. Aber man wurde seiner eine Zeit lang Herr mit Hilfe von Herbiziden. Jetzt helfen die nicht mehr, Man hat durch ihre massive Anwendung einen multiresistenten Ackerfuchsschwanz gezüchtet, so wie man gegen Antibiotika multiresistente Bakterien gezüchtet hat.

Nun ist dieses Getreideunkraut nur ein Beispiel. Dass das Thema Resistenz der Unkräuter den großen Agrarchemiekonzernen auf den Nägeln brennt, zeigt die ins Leben gerufene Organisation HRAC (Herbicide Resistance Action Committee). Ein Firmenverbund soll ein Maßnahmenbündel gegen die Herbizidresistenz entwickeln. Bauernberatung, Händlerberatung, die Forschung natürlich, alle Register sollen gezogen werden, um die Wirkungslosigkeit von Herbiziden zu umgehen. Die HRAC wird durch CropLife International gefördert, deren Mitglieder Agrarchemiekonzerne sind, wie BASF, Bayer crop Science, DuPont, Syngenta, Monsanto und andere.

Was für Herbizide gilt, triff langfristig auch für Fungizide und Insektizide zu. Es widerspräche allen Gesetzen der Natur, wenn nicht resistente Schadpilze und Schadinsekten die Agrarchemiker immer wieder aufs Neue herausforderten.

Ohne Absicht gezüchtet hat der Acker- und Gartenbau treibende Mensch schon immer. Jede Kultur mit ihrer besonderen Technik hat eine spezielle Begleitvegetation ins Leben gerufen. Im Getreidebau haben sich angepasste Beikräuter eingefunden und weiter entwickelt. Wobei es Unterschiede zwischen den Begleitern von Wintergetreide und Sommergetreide gibt. Auch die relativ junge Kultur der Hackfrüchte hat Spezialbegleiter, genauso wie der Weinbau.

All diese Begleitpflanzen waren in der Natur vorhanden, aber optimale Wachstumsbedingungen hat ihnen erst der Mensch mit seinen Ackerkulturen geschaffen. Und er hat sie, unbeabsichtigt, weiter gezüchtet.

So entstanden und entstehen immer wieder neue Auslesen. Der Mensch hat diese Vorgänge gewaltig beschleunigt. Er hat allerdings nicht nur laufend neue Auslesen geschaffen, sondern Tier- und Pflanzenarten in unvorstellbarem Ausmaß vernichtet. Der Einsatz von Pestiziden, insbesondere von Herbiziden trägt einen wesentlichen Anteil daran.


Fotos: Ackerfuchsschwanz in Gerste © Oliver Macdonald/Maccheek. Lizenz: CC BY-SA-3.0, Quelle: Wikimedia Commons
Weitere Fotos und Text: Christian Seiffert