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Zu Füßen einer Rebe

Südlich des Hauses, unter einer Pergola aus Robinienholz, angelehnt an eine alte Klinkermauer steht unser "Erdbeerwein", Vitis labrusca. Regelmäßig bringt er eine reiche Ernte an aufregend gut schmeckenden, duftenden Trauben. Frei von allen sonst üblichen Krankheiten und Parasiten hat dieser Wein auch noch den Vorteil recht einfach geschnitten werden zu können. Erdbeerwein, Fragula, nennen ihn die Italiener. Dort hatte er als reblausresistente Unterlage eine Zwischenheimat gefunden, ursprünglich kommt er aus Nordamerika.

Worüber heute berichtet werden soll, das sind die Pflanzen, die unter dem Weinstock gepflanzt wurden oder sich von allein angesiedelt haben. Zuvor ein Wort zum Boden dieses Standorts: Es handelt sich um eine Mischung aus Sand und Bauschutt. Es mangelt nicht an Kalk. Wasser gab es in den letzten 2 Jahren reichlich, normaler Weise gehört knappes Wasser zu den Faktoren, die das Wachstum eher begrenzen. All die Pflanzen, die unter und vor der Rebe leben, sind äußerst genügsam, werden nicht gedüngt, nie gegossen.

Einige der Stauden sind typische Hosentaschenstauden, was heißen soll, dass ich sie als Samen aus Oberitalien mitgebracht habe. Tonangebend ist die wilde Spornblume, Centranthus ruber. Ihre kleinen Fallschirmsamen sorgen für reiche Verbreitung dieser duftigen den Sommer und Herbst über rosa blühenden Staude. Die wilde Spornblume ist lockerer, undisziplinierter als Auslesen der Staudengärtnereien. Der zweite Wildling aus Italien ist die Weinraute, Ruta graveolens. Fast muss man fürchten mit ihr einen Neophyt nach Jamlitz eingeschleppt zu haben. In mancher Beziehung ähnelt sie der Spornblume, sie gebärdet sich wild und samt sich reichlich aus.  Die Gartenform "Jackman’s Blue" ist dagegen ein braver Musterknabe. Und da wir gerade bei den ungezogenen Wilden sind: Die Osterluzei gehört auch dazu. Das erste zarte Pflänzchen stammte zwar von Dieter Gaissmayer, aber auch Aristolochia clematitis wächst an den Rändern der oberitalienischen Weinfelder, wo Ruta und Spornblume ebenfalls herkommen. Die Osterluzei hat es schwer, in den ersten 2 Jahren. Danach baut sie aber ein Netz auf, ein unterirdisches Wurzelnetz. Mit dem geht sie sogar unter Mauern durch und erobert sich inzwischen einen beachtlichen Radius von 5 Metern. Wir sind ihr darum nicht böse, sie passt so wunderbar in diese Weinbergssituation! Nur wenn sie so weiter macht, gehört sie bald zur jamlitzer Wildflora. Aus der jamlitzer Wildflora rekrutieren sich vor allem Origanum vulgare und Chelidonium majus, das Schöllkraut. Es gehört zur Massenflora im benachbarten Wald, taucht aber auch überall im Garten auf und scheut sich nicht, aus den Ritzen der alten Mauer hinter der Rebe hervor zu kommen. Zwei alte Gartenpflanzen seien noch erwähnt, die diesen Standort schätzen. Die Kronen-Lichtnelke, Lychnis coronaria gehört dazu, in Weiß und in Karminrot und das alte Küchenkraut Sedum reflexum, Trippmadam.

Nun wird der Leser meinen, mehr passe nicht unter diese Rebe. Doch das Areal zieht sich über 5 Meter hin. Und so war auch noch genügend Platz für ein paar florentinische Iris germanica "Florentina" und für eine Zistrose, für Cistus laurifolius.
Mediterranes Klima in Jamlitz? Nein, ganz bestimmt nicht. Es handelt sich eher um ein ostisches Kontinentalklima, mit Extremtemperaturen und in der Regel viel Trockenheit. Die Mauer freilich schützt vor kaltem Nordwind, der Wald vor kaltem Ostwind. Nein, all diese Stauden und Gehölze – sogar eine Bitterorange Poncirus trifoliata steht seit 7 Jahren dort – all diese Pflanzen sind sehr anpassungsfähig. Der durchlässige Sandboden, das Schottermaterial im Untergrund, eine nicht ganz geringe Kalkmenge durch den Bauschutt ermöglichen diesen Pflanzen gutes Gedeihen.


Text und Fotos: Christian Seiffert